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    Alice Weidel, AfD-Spitzenkandidatin, vor ihrer Rede in der Musikhalle. Foto: 
  • Etwa 150 Gegendemonstranten waren vor der Musikhalle. 2/2
    Etwa 150 Gegendemonstranten waren vor der Musikhalle. Foto: 
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Der Regen kommt genau zur rechten Zeit. Eben schwellen die Sprechchöre der Gegendemonstranten an, eben formieren sich einige der 150 Anhänger des Bündnisses „Ludwigsburg gegen Rechts“ um die Musikhalle beim Bahnhof, da kommt ein kurzer, scharfer Schauer herunter, der sich dann doch entscheidet, etwas länger zu bleiben. Ein bisschen kühlend scheint der Regen, der an diesem Mittwochabend gegen 18.30 Uhr einsetzt doch zu wirken, denn kurz werden die Demonstranten aus dem linken Lager leiser. Aber nur kurz. Als die Mitglieder und Sympathisanten der AfD die Musikhalle betreten, bilden die Vehementeren eine Art Spalier. Die beständig wiederholten Worte, die die Radikalen unter den Demonstranten den AfD-Anhängern auf Nahdistanz zurufen, sind nicht eben freundlich: Sie lauten: „Wir haben Euch zum Kotzen satt“, oder, in der Kurzversion: „Hau ab, hau ab“. Zwei Dutzend Beamte passen vor der Musikhalle auf, dass nichts passiert.

Drinnen im Trockenen stehen einige derjenigen, die an diesem Abend die Spitzenkandidatin der Partei, Alice Weidel, erleben wollen, und betrachten die Linken, wahlweise interessiert, belustigt oder verärgert. „Die haben einfach keine Ahnung“, sagt eine Frau, blond, wohl Ende 40, und prostet den Nassen draußen zu.

Die Gegendemonstranten machen es den Rednern leicht, eine Wagenburgmentalität zu erzeugen. Um starken, langen Apllaus zu erhalten, muss der Ludwigsburger Kreis-Chef Gottfried Minnich den 300 Zuhörern nur sagen: „Ohne Polizei und Security wäre das hier undenkbar.“

Spitzenkandidatin Weidel spricht noch vor dem Ludwigsburger Kandidaten Martin Hess, den sie mit ihrem Auftritt unterstützt. Auf das – aus Sicht der AfD – Erfolgsthema Flüchtlinge geht sie nur am Rande ein. Das überlässt sie Hess, denn der Polizist profiliert sich innerhalb der AfD als Sicherheitsexperte – und wird bedeutend häufiger intensiven Applaus erhalten als seine Spitzendkandidatin.

Die Volkswirtin mit Doktortitel spricht etwa 70 Minuten lang über ihre Beweggründe, sich in der Politik zu engagieren – und hält zehn Tage vor der Bundestagswahl eher einen Fachvortrag in Geldwirtschaft als eine politische Kampfrede. Die meiste Zeit spricht sie von den „Rechtsbrüchen“ Merkels und in der Euro-Rettungspolitik, etwa die Übernahme von Schulden anderer Länder oder den Kauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank. Sie fordert Volksabstimmungen, mit denen es den Euro nich gegeben hätte. „Jede Partei außer der AfD ist für die Rettung des Euro“, wettert Weidel. Sie spricht von niedrigen Zinsen auf Spareinlagen als Folge der aus ihrer Sicht verfehlten Euro-Politik. Dafür gibt es wohlwollenden, aber zögerlichen Applaus. Erst gegen Ende ihrer Rede nehmen Weidels Worte Fahrt auf, als sie die Stimme hebt, mit dem Fuß auf den Boden klopft und sagt: „Sie werden um Ihre Vermögensbildung gebracht.“

Auch zerreißt Weidel die Energiewende: „Wenn ein Politiker ,Wende’ sagt, ist Vorsicht geboten.“ Als erstes Beispiel nennt die in Gütersloh geborene Weidel die Wende in der DDR, die zur Wiedervereinigung führte. „Die Wende 1989 hat uns Angela Merkel beschert.“ Ob das ihre Parteifreunde im Osten gerne hören, wo ihnen die Wählerschaft in manchen neuen Bundesländern um die 20 Prozent der Stimmen zukommen lässt? In der Musikhalle bleibt es an dieser Stelle still.

Zu an diesem Mittwoch bekannt gewordenen Vorwürfen, sie hätte privat eine Asylbewerberin als Putzfrau schwarz beschäftigt, sagt sie nichts, sondern spricht allgemein gehalten von „Medienkampagnen“ gegen sie.

Martin Hess legt sofort mit einer weit höheren Schlagzahl als Weidel los. Er redet lauter, schneller, zackiger als die Spitzenkandidatin. Hess hält eine Wutrede.

Der Polizist wettert gegen die „Betroffenheitsrhetorik“ der „Altparteien“ nach Anschlägen, die eine konsequente Verfolgung der Täter und die Verhinderung von Straftaten behinderten, sich sogar mit Anschlägen abfänden. „Wir leben nicht mehr so sicher und unbeschwert wie vor zwei Jahren“, sagt Hess und machte an dieser und an anderen Stellen die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel verantwortlich. „Die Zeit des Redens ist vorbei, und es wird Zeit, dass wir mit aller Härte und aller Konsequenz handeln“, sagt Hess, und fordert unter Beifallregen eine massive Aufrüstung für die Polizei, einen robusten Schutz der deutschen Grenzen, oder Gefängnis für Islamisten, die als gefährlich eingestuft worden sind, aber noch keine Straftat begangen haben. „Die Innere Sicherheit muss absolute Prämisse des politischen Handelns sein“, sagt der zornige Polizist. Es ist wohl der Kernsatz seiner Rede – und seines Politikverständnisses.

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