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Vor Gärtnern kommen Archäologen

Eine große Grabung soll klären, was sich im Boden eines Zwei-Hektar-Areals in Ludwigsburg verbirgt. Voruntersuchungen erbrachten Funde aus der Steinzeit, der Kelten- und Römerzeit.

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Baggerfahrer Frank Hummel bei den Voruntersuchungen am Römerhügel. Dabei wurden 36 Grabungsschnitte angelegt.  Foto: 

Es ist der Klassiker in der Archäologie im dicht besiedelten mittleren Neckarraum: Ein Baugebiet wird ausgewiesen, das Landesdenkmalamt weist darauf hin, dass mit Funden zu rechnen sei, Voruntersuchungen starten. Während sich oft herausstellt, dass die Erde fundfrei ist und die Bagger der Baufirmen anrücken können, sind die Grabungsschnitte vom 22. Februar bis 31. März im Gebiet "Muldenäcker" am Römerhügel in Ludwigsburg aus archäologischer Sicht ein voller Erfolg: Die Ausgräber stoßen auf Spuren, die als Kulturdenkmal gemäß Paragraf 2 Denkmalschutzgesetz einzuordnen sind (die BZ berichtete). Das heißt, gebaut werden darf hier nur, wenn vorher eine umfangreiche archäologische Grabung stattgefunden hat.

Die Stadt muss dafür ordentlich in die Tasche greifen. Die Kosten werden auf bis zu 200 000 Euro geschätzt. In seiner Sitzung am Donnerstag hat der Bauausschuss dennoch den Weg dafür freigemacht. Der Stadt ist das Bauvorhaben wichtig, sie will dort eine neue Kleingartenanlage als Ersatz für Parzellen auf dem Gelände der ehemaligen Frommannkaserne anlegen. Dort soll nämlich ein Gewerbegebiet ausgewiesen werden. Außerdem sollen auch mehrere Wohnhäuser im Gebiet "Muldenäcker" entstehen.

Bevor die Gärtner kommen können, kommen nun also nochmals die Archäologen. Denn: Weil sich 80 bis 90 Prozent der archäologischen Strukturen in einer Tiefe von bis zu einem Meter befinden, wird befürchtet, dass sie auch durch die Nutzung des Geländes als Gartenanlage zerstört werden könnten. Die Grabung soll zwischen Juni und November auf dem zwei Hektar großen Areal über die Bühne gehen.

Dass mit Funden am Römerhügel zu rechnen war, überrascht nicht. Dort war man bereits 1877 beim Einbau eines Wasserhochbehälters auf ein "Fürstengrab" der keltischen Hallstattzeit (8. bis 5. Jahrhundert vor Christus) gestoßen. Das Gebiet drumherum gilt daher archäologisch als "hochsensibel". In der Tat förderten die Voruntersuchungen weitere Funde zu Tage, und zwar aus mehreren Epochen: aus der Jungsteinzeit (etwa 4000 v. Chr.), der spätkeltischen (200 bis 50 v. Chr.) und der römischen Epoche (15 vor bis 250 n. Chr.).

Laut dem Bericht von Dr. Martin Thoma und Claus Brenner vom Landesamt für Denkmalpflege konnte aus der Jungsteinzeit ein Skelett in Hockerbestattung mit zwei Steinbeilen sowie einem Hund als Grabbeigabe nachgewiesen werden. Pfostengruben stammen ebenfalls aus dieser Zeit. Besonders im Fokus steht eine große Grabenanlage, bei der Dr. Christian Bollacher vom Landesdenkmalamt eine keltische Viereckschanze vermutet. Die Grabenverfüllung wird in die keltische Spätlatène- und die Römerzeit datiert.

Die Funde sind nach Einschätzung der Experten gut erhalten, entsprechend hoch wird der historische Quellenwert eingestuft. Man hofft daher, bei der Grabung neue Erkenntnisse zu gewinnen. Nach Abschluss der Grabung sind dann laut Stadtverwaltung nur noch solche archäologischen Maßnahmen möglich, die keine Bauverzögerungen mehr nach sich ziehen.

Zeit zwischen Kelten und Römern gibt noch viele Rätsel auf

Erkenntnisse Ausgrabungen sind nicht nur wegen der Funde an sich wichtig, die man dabei macht, sondern wegen der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die man zu gewinnen hofft. Bei der in Ludwigsburg am Römerhügel anstehenden Grabung kommt laut der Stadtverwaltung vor allem der Übergangszeit zwischen der keltischen und der römischen Epoche wissenschaftliche Bedeutung zu. Bei den Voruntersuchungen haben sich Hinweise auf eine der keltischen Viereckschanzen aus dieser Zeit ergeben, die früher als Heiligtümer, heute als von Wall und Graben umgebene Gutshöfe interpretiert werden.

Quellenarmut Die schriftlichen Quellen aus dieser Zeit sind nur sehr unzureichend. Man weiß, dass in Südwestdeutschland einst der keltische Stamm der Helvetier siedelte, der aber wohl im 1. Jahrhundert vor Christus in Richtung Schweiz abzog. Der griechische Geograf Claudius Ptolemäus spricht von einer "helvetischen Einöde". Um die Mitte des 1. Jahrhunderts geht der römische Feldherr Julius Caesar davon aus, dass Germanen eingerückt sind, nach dem Alpenfeldzug 15 vor Christus tauchen die Römer auf. Doch wie diese Übergangszeit im Detail aussah, ist unklar.

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