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Pirouetten, Pliés und Aids

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Die „Schwanensee“-Inszenierung der Choreografin Dada Masilo (Mitte) spielt mit Klischees und sprengt Grenzen.  Foto: 

Beim Ballett-Klassiker „Schwanensee“ zur Musik Pjotr Iljitsch Tschaikowskis denkt man gemeinhin an zarte Schwänlein in weißen Tutus, die in fulminanten Gruppentänzen und eleganten Einzeltänzen auf Zehenspitzen übers Parkett schweben. Wer mit dieser Erwartungshaltung am Donnerstagabend ins Forum in Ludwigsburg gegangen ist, wurde herbe enttäuscht.

Die Choreografin Dada Masilo dekonstruiert den europäischen Ballett-Klassiker „Schwanensee“ und webt Teile ihrer eigenen südafrikanischen Kultur zwischen Pirouetten und Pliés. Auch greift sie Themen des aktuellen Diskurses auf, wie Homophobie, Geschlechterrollen und Gleichstellung.

Das Ensemble der „Dance Factory“ aus Johannesburg führt regelrechte Stammestänze auf, die Tänzer stehen scheinbar öfter auf ihren Fersen als auf den Zehenspitzen und die elfenhaften Ballett-Bewegungen werden überstrahlt von modernem Tanz, der an Hip-Hop, inklusive dem populären „Twerken“, erinnert. Die Darsteller tanzen im gesamten einstündigen Stück barfuß. Auch die (eigentlich) herzzerreißende Liebesgeschichte zwischen Prinz Siegfried und der vom bösen Zauberer Rotbart in einen Schwan verwandelten Prinzessin Odette ist bei Masilo, die Odette übrigens selbst tanzt, eher dem modernen Großstadtleben angepasst. Denn der edle Prinz (Thabani Ntuli) möchte von der glatzköpfigen Odette wenig wissen – er ist schwul und in einen zierlichen männlichen Schwan, „Odile“ (Thami Tschabalala), der auch ein Tutu trägt, verliebt.

Odette tanzt einzeln für den Prinzen, um ihn in ihren Bann zu ziehen, allerdings ist es eher als Balztanz mit übermäßigem Hüft- und Gesäß-Einsatz inszeniert. Der ersehnte Tanz der Liebenden erfolgt dann mit Odile. Hier zeigen die beiden Tänzer ihr Können im klassischen Ballett-Tanz – mit Hebefiguren und geschmeidig harmonierender Bewegungssprache, wie es sich der Zuschauer (theoretisch) mit Odette gewünscht hätte.

Unerwartete Wendung

Gerade als sich der Gedanke, dass das schwule Tänzerpaar gar wundervoll zusammenpasst, manifestiert hat, steckt sich Prinz Siegfried von Odile mit Aids an.

Wie man Aids tanzt? Der Federkopfschmuck, der bei allen Tänzern und Tänzerinnen weiß ist, ist bei Odile zusätzlich mit roten Federn dekoriert – eine davon fällt ab und wird vom Prinzen aufgehoben und angesteckt. „Was werden die Leute sagen?“, fragt Siegfrieds Mutter (Nicola Haskins), die zeitgleich die komödiantische Zeremonienmeisterin ist, auf Englisch, gefolgt von einem deutschen „Scheiße“, das für viele Lacher im Publikum sorgt.

In der finalen Szene spielt Masilo mit der Gleichstellung der Geschlechter: Alle Tänzer, sowohl männliche, als auch weibliche, tragen lange schwarze Röcke. Ebenso sind alle Tänzer – sowohl männliche, als auch weibliche – oberkörperfrei.

Das große Finale: alle sterben graziös tanzend vor sich hin, bis alle – zuletzt Siegfried und Odette – tot sind.

Während des gesamten Stücks ist in den Gesichtern des Publikums jede Art der Emotion zu finden: von Lachen bis hin zu Unverständnis ist alles dabei. Dem Applaus zufolge ist die humoristische Inszenierung Masilos im fast ausverkauften Forum gut angekommen.

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