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Ohne „Little America“ gebe es die Führung nicht

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Als 1994 die letzten US-amerikanischen Soldaten die Garnisons­stadt Ludwigsburg nach fast 50 Jahren verließen, entstand aus privaten Kontakten von Ludwigsburger Bürgern mit US-Soldaten die Städtepartnerschaft mit St. Charles im US-Bundesstaat Missouri.  Von der dortigen Lindenwood University sind derzeit sieben Studenten und ihr Dozent Peter Carlos zu Gast in Ludwigsburg. Sie schauen sich die Stadt und vor allem die Filmakademie an, denn zwei von ihnen können im Wintersemester als Austauschstudenten dort studieren. Immer jeweils zwei Studierende können im jeweils anderen Land studieren – kostenlos. Für die Amerikaner gibt es in Ludwigsburg sogar ein englischsprachiges Angebot.

Ohne die amerikanischen Soldaten, die in Ludwigsburg ein „Little America“ bildeten, den  Grund für diese Ausstellung, gebe es diese Sonderführung nicht, denn es gebe auch keine Städtepartnerschaft Ludwigsburg – St. Charles, erklärt Christine Süß, die städtische Beauftragte für die Partnerstädte.  Das sehen auch die amerikanischen Studenten so – nach der Führung durch „Little America“. Gemeinsam mit Christine Süß steht auf dem Programm des einwöchigen Aufenthalts der Besuch in der Ausstellung des Ludwigsburg Museums.

„Wie passend“, sagt Kurator Lars Bädeker, der die Ausstellung mit Elisabeth Meier konzipiert hat, und es sich nicht nehmen lässt, die jungen Amerikaner selbst durch „Little America“ zu führen. „Bei dieser Führung muss ich es etwas anders angehen als mit deutschen Gruppen“, sagt er. Er könne nicht voraussetzen, dass die Amerikaner, die im Alter von etwa 20 Jahren sind, wissen, was die Anwesenheit der US-Truppen in Deutschland bewirkt habe. Auch die deutsche Nachkriegszeit sei ihnen sicher fremd. Eigentlich, so sagt er, gehe es in der Ausstellung um die deutsche Perspektive auf die amerikanische Präsenz, diese müsse bei dieser Führung eine andere sein: „Die Geschichten bleiben die gleichen, aber ich muss ihnen zum Beispiel erklären, dass es in Deutschland damals kein Kaugummi gab oder es nicht üblich war, dass Hochschulen gegeneinander sportlich antreten“.

Das waren doch Helden

Aaron Stolze, der einen deutschem Nachnamen trägt, kann kaum glauben, dass er in einer Stadt gelandet ist, in der die amerikanische Präsenz so stark war. Als Lars Bädeker von Demonstrationen gegen US-Soldaten nach ihrer Rückkehr aus dem Irak spricht, muss Christopher Null nachfragen: „Warum wurde gegen sie demonstriert, das waren doch Helden“. Die amerikanischen Studenten wissen nichts über die Proteste gegen die Präsenz amerikanischer Truppen und Waffen.

Interessant finden Stolze, Null und Kommilitonin Abby Zahuranec, dass ein ehemaliger amerikanischer Football-Trainer noch hier lebt, weil er sich in eine Deutsche verliebt hat. Eine Studentin verdrückt auch ein Tränchen, als per Film die Liebesbriefe des US-Soldaten Private Babe Danney und einer Ludwigsburgerin namens Anneliese – „Annie“ – vorgelesen werden. Es gab leider kein Happyend. „Solche Geschichten von Amerikanier, die hier Fuß gefasst haben, interessieren uns, denn wir denken ja auch daran, hier zu studieren“, sagt Christopher Null.

Aaron Stolzes Stimme überschlägt sich regelrecht, als er über Ludwigsburg spricht: „Ich will hier studieren. Die Filmakademie ist in den USA die bekannteste deutsche Filmhochschule im Moment, weil sie so gut ist.“ Er will auch mehr von Deutschland kennenlernen, schließlich hat er deutsche Wurzeln. „Die Ausstellung war cool, es hat mir Lust gemacht, in Deutschland zu leben“, sagt Aaron Stolze.

Die Ausstellung „Little America“ widmet sich der 50-jährigen Stationierung von US-Soldaten in Ludwigsburg von 1945 bis 1993/94.  Ludwigsburger und Amerikaner teilten sich bis zum Abzug der Truppen  die Stadt. Amerikanische Kultur, der „way of life“, Demokratisierung und Unterstützung nach dem Krieg, aber auch Gewalt und Kriminalität: die amerikanische Besatzungszeit hinterlässt bis heute materielle und immaterielle Spuren. Das Ludwigsburg Museum enthüllt durch Bilder, Objekte und Interviews Licht- und Schattenseiten der amerikanischen Zeit bis Kriegsende. Dabei erlauben neue Ausstellungsstücke und bisher nicht gezeigte Fotografien des Fotografen Jürgen Schadeberg Einblicke in das Leben der amerikanischen Soldaten und ihrer Familien in Pattonville. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr.  Die nächste Führung durch „Little America“ findet an diesem Samstag, 20. Mai, 11 Uhr, statt. Kurator Lars Bädeker führt am 7. Juni, 12.30 Uhr, durch die Ausstellung. Eintritt zur Ausstellung, die bis zum 24. September zu sehen ist: Pay what you want – Zahle, was du willst.

Gegründet wurde St. Charles 1769 von französischen Siedlern.  Ab 1833 ließen sich vorwiegend Deutsche in der Gegend nieder, vor allem Weinbauern aus der Pfalz. Viele Familien- und Ortsnamen, wie die Stadt Augusta, Feste wie „Bürgermeisterball“ und „Oktoberfest“ verweisen auf die deutschen Wurzeln.

Der erste Kontakt zwischen den beiden Städten Ludwigsburg und St. Charles fand 1994 statt, dem Jahr, in dem die letzten Amerikaner die Stadt verlassen hatten. Mit 11 000 hier lebenden Amerikanern war Ludwigsburg-Kornwestheim der größte der sechs US-Standorte im Raum Stuttgart. Die amerikanische Präsenz mit eigenen Siedlungen wie Pattonville, Schulen, Jazzclubs, Sportmannschaften, Kinos und Bibliotheken führte zu einem kulturellen Austausch, der in der 1996 besiegelten Städtepartnerschaft weitergeführt wird. sz

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