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Fiktives Tagebuch einer Mätresse

Wilhelmine von Grävenitz - ein Name, an dem in unserer Region niemand vorbei kommt. Mätresse, Ehefrau zur Linken, Staatslenkerin und Landesverderberin nannte man sie. Aber wie fühlte sie sich, was dachte sie?

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J.J. Lohmann, "Blütenblätter - das Tagebuch der Wilhelmine von Grävenitz", Stiglitz-Verlag, 19,90 Euro.

Ein Mann versucht, sich in die Lage einer Frau zu versetzen, schriftstellerisch, mit dem stilistisch Intimsten, was die Literatur her gibt: mit einem fiktiven Tagebuch. J. J. Lohmann hat sich daran gewagt, das Tagebuch der Wilhelmine von Grävenitz zu verfassen. Und: Dem Ludwigsburger Autoren Lohmann gelingt es, das Fühlen und Denken einer der schillerndsten Persönlichkeiten der württembergischen Geschichte glaubhaft zu vermitteln.

Lohmann hatte natürlich Hilfe: Seit Jahren spielt seine Ehefrau, Sabine Servinho-Lohmann im Schloss Ludwigsburg die Wilhelmine von Grävenitz. Nun kam zu der Hülle, zu den historischen Wahrheiten, den Lücken und den Gerüchten über die Mätresse von Herzog Eberhard Ludwig noch die Fantasie des Ehepaares, sich vorzustellen, wie es damals war. Es ist ein Roman, darüber muss sich der Leser im Klaren sein, aber Lohmann vermittelt so etwas wie eine historische Wirklichkeit über die Frau, über die noch heute so viel gesprochen wird. Schließlich hat die Grävenitz nicht nur großen Anteil am Bau des Ludwigsburger Schlosses, an der Gründung der Stadt Ludwigsburg, sie hat Freudental, ihren späteren Wohnsitz, zu einer wohlhabenden Gemeinde und die Juden zu gleichberechtigten Bürgern gemacht. Außerdem hat sie als Mitglied im Geheimen Rat, Ministrissima im Konferenzministerium und Landhofmeisterin regierende Gewalt ausgeübt und so die Geschicke Württembergs gelenkt und die Basis für das spätere Königreich gelegt.

Aber was hat die Frau Wilhelmine, die sich 20-jährig unsterblich in den Herzog verliebte, Ehebruch mit ihm trieb und später vom Hof gejagt wurde, gefühlt? War sie machtbesessen oder nur hoffnungslos der Liebe verfallen? Beides, so will Lohmann uns in der intimen Beichte glauben lassen. "Nun bin ich die offiziell erklärte Mätresse, erhöhe den Status des Herzogs und gereiche dem Hof zum Glanze", schreibt Wilhelmine mit Lohmanns Feder 1706 selbstbewusst. Aus der kleinen Adeligen wurde die mächtigste Frau des Landes, die später aber genauso litt wie sie sich einst freute: "Carl Alexander versucht mich zu zerstören, ja, er möchte sogar das Todesurteil gegen mich erwirken", schreibt sie 1734. Zwischen diesen beiden Daten, so Lohmann alias Grävenitz, liegen fast 30 Jahre "voller Schönheit, voller Lust". "Blütenträume" ist ein Werk, das jedem gefallen muss, der sich für besondere Menschenschicksale und gute Literatur mit einem Schuss Fantasie interessiert. Lohmann ist etwas gelungen, was man selten liest: eine spannende Geschichte mit Esprit.

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