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Die RAF auf den zweiten Blick

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RAF Ausstellung in Ludwigsburg: Fotograf Arwed Messmer vor von der Polizei gestellten Szenen der verhaftung von Gudrun Ensslin 1972.  Foto: 

Es geht nicht um blutigen Terror oder Effekthascherei bei der jetzt im Staatsarchiv Ludwigsburg eröffneten Ausstellung „RAF – No Evidence/Kein Beweis“, die der Fotograf Arwed Messmer aus dem Material verschiedener staatlicher Bildarchive zusammengestellt hat.

Die bisher im Archiv befindlichen Aufnahmen von Polizeifotografen zeigen in ihrer Auswahl viel mehr einen Blick auf die historischen Ereignisse, der inzwischen eine andere dokumentarische Qualität hat. Im kollektiven Gedächtnis sind die Fotos der Studentenproteste von 1967, des sterbenden Benno Ohnesorg, der Attentate der Roten Armee Fraktion, der Schleyer-Entführung oder der „Todesnacht von Stammheim“ mit den Selbstmorden von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe fest verankert.

Arwed Messmer zeigt mit seiner Fotoauswahl neue Bedeutungsebenen auf. Es sind „Aspekte einer Realität, die man vorher noch nicht gesehen hat“, wie Fotojournalist Andreas Langen in seiner Einführung bemerkt. Benno Ohnesorg starb im grellen Licht der Polizeifotografen im Gegensatz zu dem bekannten Pressefoto, das eher Intimität und Nähe schafft.  Messmer habe mit seiner Auswahl „neue Sichtweisen entwickelt“, sei „zurück an die Quelle gegangen“.

Als Gudrun Ensslin sich das Leben nimmt, liegt auf dem Schallplattenspieler in ihrer Zelle die LP „Desire“ von Bob Dylan. Die erkennungsdienstlichen Aufnahmen im Fotostudio der Polizei nach einem Happening für die Freilassung von Fritz Teufel im August 1977 in Berlin zeigen die Aktivisten in skurrilen Verkleidungen, als „wenn ein Fotograf auf einen exotischen Stamm blickt“.

Persönliche Einblicke

In großen Folianten sind Polizeifotos, die unwillkürlich einen ganz persönlichen Blick zum Beispiel in die Wohnungen der RAF-Mitglieder vermitteln: vom Bad über die WG-Küche bis zum Werkzeug, mit denen Bomben gebaut wurden. „Das ist genau das, was Archivgut ist: Es ermöglicht einen ganz neuen Einblick statt nur Spuren zu sichern“, betont Dr. Peter Müller, Leiter des Staatsarchivs. Die großformatige Darstellung von Bücherregalen zeigen neben Büchern von Erich Fromm und den Werken Lenins Banales wie den Atlas der Weltgeschichte.

Es ist das Verdienst der kleinen Ausstellung, dass sie Denkanstöße gibt. Sowohl über die Frage, welche Aufnahmen man zeigen darf und in welcher Form, als auch über die Sichtweise und empathische Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte. „Das ist meine Hoffnung, dass die Nüchternheit der Fotos etwas Persönliches freisetzt“, meint Arwed Messmer.

Für Anne Rasche aus Stuttgart und Dilara Tunctan aus München, beide 23 Jahre alt, ist es beeindruckend. „Die Bilder geben einen tiefen Einblick.“ Man tauche direkt in diese Welt der RAF hinein, die man eigentlich nur aus dem Unterricht kenne und nicht als Zeitzeuge erlebt habe. „Mir geht es um wichtige historische Themen der jüngeren Geschichte, die vermeintlich auserzählt sind“, erklärt Arwed Messmer.

So ist sein zweiter Blick auf das Archivmaterial, von dem erstmals auch Originale der Fotoüberlieferung aus den Beständen des Staatsarchivs in Ludwigsburg gezeigt werden, auch ein neuer Blick von einer ganz eigenen Ästhetik.

Arwed Messmer arbeitet seit mehr als 10 Jahren mit fotografischem Archivmaterial. Für sein Projekt zur Erforschung der staatlichen Bildarchive zur RAF wurde er 2014 mit dem Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stipendium für Zeitgenössische Deutsche Fotografie ausgezeichnet.

Die Ausstellung „RAF – No Evidence / Kein Beweis“ läuft vom 22. September bis 10. November 2017 im Staatsarchiv Ludwigsburg, Arsenalplatz 3. Öffnungszeiten: Montag – Donnerstag 9 – 16.30 Uhr, Freitag 9 – 15.30 Uhr, nur Sonntag, den 8.10. und 5.11. jeweils von 14 – 17 Uhr. Eintritt frei. Weitere Informationen und Anmeldung zu Führungen: Telefon (07141) 6 48 54 63 10.

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