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Schlossfestspiele: Das Glück des Augenblicks

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Am Ende der Open Air steigen Leuchtraketen in den Himmel auf.  Foto: 

Tausende von Menschen hatten ihre Decken geschultert und fanden sich am Samstagabend im großen Parkgelände vor Schloss Monrepos ein. Bei wolkenfreiem Himmel sahen sie einem Abend entgegen, den nichts trüben konnte.

Vor dem Seeschloss war die  Riesenbühne aufgebaut mit Lautsprechern, die so hoch waren, dass sie den ganzen Platz beschallen konnten. Über der Bühne ein Bogen aus wechselndem Licht.  Die Schlossfassade tauchten Beleuchtungsspezialisten in wechselnde Pastelltöne, leuchtend und immer wieder in strahlendes Weiß. Die Schlossmauern bekamen neue Oberflächenstrukturen und sahen aus wie mit jahrhundertealtem Efeu bewachsen und dann wieder wie marmoriert. Zauberhände machten möglich, was die romantische Stimmung verstärkte.

Stardirigent Pietari Inkinen war ein gefragter Mann an diesem Open Air-Abend. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Inkinen, der Dirigent des Ludwigsburger Schlossfestspiele-Orchesters, gehört zu den ganze großen jungen Dirigenten von Weltrang. Er ist bekannt dafür, dass er temporeich und feurig ans Werk geht. Bei seiner Orchesterarbeit darf nicht  „geschleppt“ werden, vor allem nicht im Walzer und davon enthielt das Schlossfestspiele-Open Air so einige, den Walzer aus der „Schwanensee-Suite“, den Konzertwalzer von Alexander Glasunow und den Walzer aus der Dornröschen-Suite ebenfalls von Tschaikowsky.

Eine Auswahl an Glanzlichtern

Die Musik wählte Inkinen aus dem romantischen  Fundus aus. Die großen üblichen Verdächtigen hatten ihre Stunde. Es gab Musik von Michail Glinka, es kam vieles von Tschaikowsy und die berühmten Zeitgenossen blieben nicht außen vor.

Dafür haben sie viel zu viel schöngeistige, perlende und angenehm berührende und die Seele streichelnde Musik hinterlassen – allen voran Alexander Borodin und Nikolai Rimsky-Korsakow. Zum Impressionismus ist es von der Romantik oft nur ein kleiner Schritt und schon ließ das Orchester den Tanz der persischen Sklavinnen  aus der Oper „Chowanschtschina“ von Michail Glinka hören.

Gekonnt jonglierte Dirigent Inkinen mit den Bällen schon allein bei der Stückeauswahl für dieses Glanzlicht der Schlossfestspiele. In der Mehrzahl wählte er Werke aus, die nicht in der Bekanntheitsliga A spielen, bis auf die berühmte Schwanensee-Suite und die Dornröschen-Suite von Peter Tschaikowsky.

Und doch gewinnt der vor Energie sprühende Dirigent auch Schwanenssee seine ungeahnten Seiten ab. Er macht Tempo ohne Druck, spielerisch und leicht. In den Tanz der jungen Schwäne webt er den tolpatschigen Gang mit ein. Sie purzeln und straucheln, die Musiker allerdings nicht, nicht eine Sekunde, und wenn sie in wildem Galopp über die Saiten jagen, dann zieht Dirigent Inkinen entsprechend an der Schnur. Inkinen ist jung, sehr dynamisch und unkonventionell.

Inkinen springt und hüpft

Er schreitet nicht wie andere Dirigenten in der Applaus-Pause von der Bühne und kommt dann langsam wieder zurück, nein: Er springt und hüpft mal kurz ins Aus, aber nur um auf dem Absatz ganz schnell kehrt zu machen und sich einmal mehr zu verbeugen. Pietari Inkinen ist ein Könner, der jede Nuance auskostet und keine Passage einfach so passieren lässt, ohne ihr ein Gesicht zu geben.

Der Schalk spielt mit, als die Streicher zum Bogen greifen. Das Drama nimmt Gestalt an durch wuchtige Boxen direkt vor dem Orchester. Aber in der Hauptsache müssen musikalische Dramen und Tragödien draußen bleiben an so einem lauschigen Abend  zugunsten heiterer Musik, die allenfalls wohldosiert einen melancholischen Gedanken aufschnappt. In Moll und mit den Streichern.

Intendant Thomas Wördehoff begrüßte die Zuschauerflut auf dem imposanten Freigelände mit einem Dostojewski-Zitat, dessen gleichnamiges Werk „Weiße Nächte“ Pate stand für dieses Klassik Open-Air. „Um es mit Dostojewski zu sagen, kann man sich bei einer so besonderen Nacht wie heute unter freiem Sternenhimmel wie diesen schon gar nicht mehr vorstellen, dass auf dem Planet so viel böse Menschen unterwegs sind“.

Am Ende werden Licht und Klang vollends zum Selbstläufer. Unter Tschaikowskys Ouvertüre 1812 opus 49 wird aus dem Konzert ein Fest, denn erste Lichtfonänen sprühen von der Schlossfassade, es kommen immer mehr dazu bis minutenlang ein Pyrozauber vom Feinsten, jeden anderen Gedanken schachmatt setzt.

Da gab es gegen Ende des Klassik Open Air  in den Stuhlreihen endgültig kein Halten mehr. Ein einzigartiges Jubelgeschrei bestärkte das Team der Schlossfestspiele, ein Open Air in dieser Größenordnung auf die Beine gestellt zu haben.

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