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Begegnungen der besonderen Art

475 Essen pro Tag und das seit sechs Tagen, Dutzende von Haarschnitten, Handmassagen, Fünf-Minuten-Make-ups und unzählige Gespräche - das ist das Halbzeitresultat der Vesperkirche in der Friedenskirche.

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Die Begegnungen und Gespräche in der Vesperkirche tun Gästen und Helfern gut. Foto: Martin Kalb

Die mit Schnee bedeckten, steilen Treppen hoch zur Friedenskirche sind für die alte Dame sehr beschwerlich, noch dazu ist sie schwer bepackt. Sie erzählt, dass sie 81 Jahre alt ist, in der Nähe wohnt und sich in diesem Jahr zum allerersten Mal getraut hat, in die Vesperkirche zu gehen.

1,50 Euro für ein Dreigänge-Mittagessen und nochmal so wenig für Kaffee und Kuchen, das tut auch dem Geldbeutel der Witwe gut, die zwar vier Kinder groß gezogen hat und auch etliche Enkel betreute, aber nie eigenes Geld verdiente, und nach dem Tod ihres Mannes mit nur 60 Prozent der sowieso schon kleinen Rente auskommen muss. Sie erzählt, dass eine Bekannte, die in der Vesperkirche mithilft, sie einlud, doch am vergangenen Sonntag zum Eröffnungsgottesdienst zu kommen und mit ihr zu Mittag zu essen. Seither ist sie jeden Tag gekommen. Gestern saß sie an einem Tisch mit einem wohnsitzlosen Mann, "ein gebildeter Kerl", sagt sie, "aber am Leben gescheitert". Dessen Winterstiefel hätten "den Geist aufgegeben" und da hat sich die alte Dame an die Stiefel ihres Mannes, die in einer Kiste auf dem Dachboden lagen, erinnert. Heute bringt sie sie ihm sowie etliche Paar warme, von ihr gestrickte Wollsocken.

"Solche Begegnungen der besonderen Art finden bei uns oft statt", sagt Bärbel Albrecht von der diakonischen Bezirksstelle und erzählt von einer Gruppe Witwer, die sich hier vor zwei Jahren getroffen hat und seither viel Freizeit miteinander verbringt. Sie berichtet von Frauen, die ihre Männer verloren haben und als Mitarbeiterinnen im täglich 63-köpfigen Helferteam neuen Lebensmut und neue Freunde fanden. Oder von vielen pschychisch Kranken, die hier ihren ersten sozialen Kontakt seit langem bekommen. Albrecht weiß, dass sich in der dreiwöchigen Vesperkirche oft Welten begegnen, die sonst keine Berührungspunkte haben, da auch viele Mitarbeiter von naheliegenden Firmen oder besser verdienende Menschen kommen, was ja auch gewünscht sei.

Das Prinzip der Vesperkirche sei: "Jeder zahlt 1,50 fürs Essen und wer kann, spendet was." Denn, so berichtet die Pfarrerin an der Friedenskirche, Gisela Vogt, die Vesperkirche müsse sich selbst tragen - durch Spenden von Firmen und Institutionen, aber auch durch kleine Beträge der Gäste. Schließlich, weiß Bärbel Albrecht, kostet das von der Karlshöhe gelieferte Mittagessen pro Kopf zwischen vier und fünf Euro. Am Opferstock am Eingang stauen sich zum Ende der heutigen Vesperkirche die Spendenwilligen. "Nicht nur, dass das Essen gut war, wir hatten so viele schöne Gespräche, das ist mir schon was wert", sagt ein Mann. Und so passiert es, dass "der eine einen Schlafsack übrig hat, der andere eine Fellmütze, der Dritte weiß eine Wohnung und der Vierte hilft beim Stellen eines Antrags". Die Menschen, so Gisela Vogt, würden hier zusammenrücken, "so unterschiedlich sie sind".

Heute ist Freitag, es gibt Fisch. Wer keinen mag, isst nachher halt mehr Kuchen. Natürlich, so Vogt, gibt es Menschen, vor allem Wohnsitzlose, die dankbar für das warme Essen sind, auch, weil die Wohnungslosenhilfe, die sonst Mittagessen anbietet, derzeit geschlossen ist. In der Mehrzahl sind es aber vor allem ältere Menschen, die hier nicht nur auf Essen sondern auch auf "Zuwendung" hoffen, so Vogt. Auffällig in diesem Jahr, sagt die Pfarrerin, sei, dass viele Familien mit mehreren Kindern kämen. "Äußerlich sieht man ihnen nicht an, dass sie an der Armutsgrenze leben, aber auf den sorgenvollen Gesichtern der Mütter sieht man es", sagt sie. "Wir sind keine Armenspeisung, die Vesperkirche befriedigt viele menschliche Bedürfnisse", sagt die Pfarrerin.

An diesem Freitag ist auch das Bedürfnis nach Haare schneiden dran: Eine Frau strahlt vor Freude, als sie sich nach getaner Arbeit von der Friseurin den Spiegel geben lässt. "Normalerweise kann ich mir keinen Friseur leisten", so die Frau. Die Friseurin in der Friedenskirche, die im Akkord arbeitet, schneidet allerdings nur Menschen mit Bedürftigkeitsschein. Die Hand massieren lassen oder Make-up von einer Kosmetikerin auftragen lassen, das darf jeder Besucher - für 1,50 Euro.

Info Die Ludwigsburger Vesperkirche in der Friedenskirche hat noch bis Sonntag, 3. März, täglich von 11.30 bis 14.30 Uhr geöffnet.

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