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Ziel: Das Auto stehen lassen

Der Ausbau des E-Bike-Netzes in der Region geht weiter. In Ludwigsburg wurde am Montag eine neue Station am Bahnhof eingeweiht. Dort können zehn Pedelecs ausgeliehen werden, außerdem gibt es zehn Ladeplätze für Privat-Pedelecs.

UWE MOLLENKOPF |

Mit röhrendem Motor fährt der Besitzer eines PS-starken Vehikels an der neuen Radbox am Ludwigsburger Bahnhof vorbei. Rainer Gessler vom Landesumweltministerium und Leiter der Geschäftsstelle Namoreg (Nachhaltig mobile Region Stuttgart) lässt sich dadurch in seiner Rede nicht irritieren. "Pedelecs sind leiser", sagt er mit einem Schmunzeln vor den Gästen, die zur Einweihung der Radstation gekommen sind, der mittlerweile sechsten in der Region (siehe Infokasten).

Genau das, Lärm und Abgase zu verringern, ist das Ziel des E-Bike-Projekts. Mit dem Konzept der Pedelec-Stationen sollen sowohl Pendler als auch Touristen angesprochen werden: Mit dem Pedelec zum Bahnhof und mit der Bahn weiter zur Arbeit, oder am Bahnhof ankommen und dann mit dem Pedelec Ausflüge in der Umgebung machen - so sieht die Vernetzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel aus, die die Planer damit bezwecken. "Der Nutzer kann auch noch weiter, wenn der Bus nicht mehr fährt", sagt Gessler. Denn die Station mit zehn Leihpedelecs der Marke "nextbike" und zehn Ladeplätzen für private Pedelecs ist rund um die Uhr offen. Wer das Pedelec über Nacht mit nach Hause nehmen will, um am nächsten Morgen damit zurück zum Bahnhof zu radeln, zahlt nur zwei Euro. Zum Vergleich: Der Tagestarif beträgt 16 Euro. Mit dem Mobilpass gibt es außerdem Vergünstigungen.

Als etwas Besonderes der Ludwigsburger Radstation nannte Gessler deren Holzbauweise. Dadurch werde der nachhaltige Charakter des Projekts ganz besonders sichtbar.

Ludwigsburgs Baubürgermeister Michael Ilk hofft, durch die neuen Möglichkeiten der umweltfreundlichen Fortbewegung weitere Menschen dazu zu bringen, das Auto stehen lassen. Für Ausflügler biete sich der Vorteil, dass sie das Pedelec in Ludwigsburg ausleihen und beispielsweise in Bietigheim oder Schwieberdingen wieder abgeben könnten. Für VVS-Geschäftsführer Horst Stammler nimmt so das Ziel eines "Wohlfühlbahnhofs" in Ludwigsburg Gestalt an. Und Dr. Jürgen Wurmthaler, der Wirtschaftsdirektor des Verbands Region Stuttgart, freute sich bereits auf die Einweihung der nächsten Station.

Die Region fördert das Projekt mit 50 000 Euro, das Land steuert rund 13 000 Euro bei (die Hälfte des Werts der Pedelecs). Die Stadt Ludwigsburg trägt hingegen den Löwenanteil mit rund 150 000 Euro, wovon 96 000 Euro für das Gebäude anfallen, erläutert Lena Hörter, die städtische Projektleiterin. Für den laufenden Betrieb wird mit 1000 Euro pro Monat gerechnet.

Die E-Bike-Station funktioniert vollautomatisch über eine auf das Handy gesendete PIN oder mit dem VVS-Mobilpass. Im Lauf des Jahres kommt noch die neue "polygoCard" hinzu. Wer ein Pedelec mit dem Mobilpass ausleihen möchte, muss sich lediglich beim Anbieter "nextbike" registrieren und die Karte einmalig für diesen Dienst freischalten lassen. Das Ausleihen geht danach über das Kartenlesesystem am Eingang der Station, die Ausleihgebühren werden abgebucht.

Für Baubürgermeister Ilk ist die E-Bike-Station indes nur ein erster Schritt. So plane man bereits, ein Parkdeck für bis zu 700 Fahrräder am Ludwigsburger Bahnhof zu bauen, sagte er am Montag.

E-Bike-Stationen: Wie läuft's in anderen Kommunen im Landkreis?

Bietigheim-Bissingen Als vor zwei Jahren die E-Bike-Station am Bahnhof in Bietigheim-Bissingen eröffnete, war sie die erste ihrer Art im Landkreis Ludwigsburg. Zehn Leih-Fahrräder - in Kürze kommen neue Modelle, die sich leichter aufladen lassen und am Lenker einen zusätzlichen Gepäckträger haben - warten dort auf Nutzer, zudem können laut Anette Hochmuth, der Sprecherin der Stadtverwaltung, neun private Räder untergestellt werden. Mit 100.000 Euro beteiligte sich die Region an den Kosten, auch das erste Betriebsjahr wurde von der Region finanziert.

Seit einem Jahr zahlt die Stadt allein - und es ist ein Verlustgeschäft, wie Hochmuth unumwunden sagt. Etwa 300 Euro nehme man im Monat ein, etwa 1000 Euro koste der laufende Betrieb. Die Stadtverwaltung nimmt das jedoch in Kauf. "Uns ist die Förderung des Fahrradverkehrs wichtig." Zudem verspricht man sich durch den Aufbau eines großen Netzes von E-Bike-Stationen im Großraum Stuttgart noch einen Aufschwung. Hochmuth: "Es ist alles im Werden." In diesem Jahr sind bis Ende August etwa 630 Räder ausgeliehen worden. 2014 waren es 920.

Schwieberdingen Seit dem Herbst 2014 gibt es eine Station in Schwieberdingen - die Nummer zwei nach Bietigheim-Bissingen.

Vaihingen Die Station am Vaihinger Bahnhof wurde erst in diesem Juli eröffnet. In Kürze sollen dort zehn Leih-Räder zur Verfügung stehen. Aktuell sind es erst fünf, offenbar gibt es Lieferschwierigkeiten, so Matthias Röser, der zuständige Abteilungsleiter bei den städtischen Versorgungsbetrieben. Zudem können zehn Privaträder - kostenpflichtig - abgestellt werden. Das, so glaubt Röser, werde voraussichtlich nicht so rege genutzt werden, da es auch kostenlose Fahrradboxen am Vaihinger Bahnhof gibt. Dementsprechend behalte man sich vor, den Leihanteil aus- und den Privatanteil abzubauen. Der Verleih sei ganz gut angelaufen. "Das hat Potenzial", so Röser.

Kirchheim Das alte Bahnhofsgebäude in Kirchheim ist der Standort einer E-Bike-Station, die Ende des Jahres, spätestens jedoch im Frühjahr eröffnet werden soll, sagt Andrea Fritz vom Rathaus in Kirchheim. Die Station wird im Bahnhofsgebäude errichtet. Der Umbau ist Teil eines Gesamtkonzepts für den Bahnhof. Ein Kiosk soll folgen.

Region Im Rahmen des Förderprogramms "Modellregion für nachhaltige Mobilität" von Verband und Wirtschaftsförderung Region Stuttgart haben sich etwa 15 Kommunen in der Region entschieden, E-Bike-Stationen einzurichten. Bis Ende dieses Jahres werden neben Ludwigsburg auch Herrenberg, Göppingen, Holzgerlingen, Filderstadt in Betrieb genommen sein. Im Frühjahr 2016 folgen Fellbach, zwei Stationen in Schorndorf, Gerlingen, Plochingen und Remseck. Damit entsteht ein Netz von 16 E-Bike-Stationen, verteilt auf das VVS-Gebiet. CAH

Ein Kommentar von Uwe Mollenkopf: Der Staat als Anstoßgeber

Der E-Bike-Betrieb in Bietigheim ist ein Verlustgeschäft. Nach Aussage der Verwaltung zahlt die Stadt jeden Monat 700 Euro an Steuergeldern drauf. Wie es in Ludwigsburg laufen wird, weiß man noch nicht. Denkbar ist, dass das Angebot in einer größeren Stadt besser angenommen wird. Ob das dann kostendeckend sein wird, auch mit Blick auf die hohen Investitionen, ist eine andere Frage.

Dennoch: Es ist richtig, dass der Staat bei der Einführung innovativer Verkehrsmittel als Anstoßgeber vorangeht. Oft braucht es solche Impulse, um etwas in Bewegung zu bringen und weitere Investitionen auszulösen. Auch bei der Einführung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert mischte der Staat mit. Und der Autoverkehr wird schließlich durch Bau und Unterhalt von Straßen ebenfalls mit Steuergeldern gefördert, und das in viel größeren Dimensionen. Allerdings muss darauf geachtet werden, dass Aufwand und Ergebnis in einem vernünftigen Verhältnis stehen. In einigen Jahren, wenn das E-Bike-Netz steht, muss daher Bilanz gezogen werden, um zu sehen, was es zur Reduzierung von Lärm und Abgasen gebracht hat.

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