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Zwei-Personen-Stück "Chawwerusch Theater" im PKC

"Michael Kohlhaas" gehört zur Pflichtlektüre an Gymnasien. Die Erzählung von Heinrich von Kleist von der Wandlung des rechtschaffenen Pferdehändlers zum Selbstjustiziar ist aktueller denn je, was das "Chawwerusch" Theater im PKC bewies.

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Ben Hergl in der Rolle des Michael Kohlhaas (links) und Christoff Raphaël Mortagne (Knecht Herse) überzeugten bei ihrem Gastspiel im PKC in Freudental.  Foto: 

Es sind die Themen unserer Zeit, die Michael Kohlhaas in der Kleist'schen Novelle umtreiben: Rechtsstaatlichkeit versus Unrecht, Willkür des Staates versus "Wutbürger" und die Frage, wie weit ein Einzelner für sein Recht gehen darf. Das "Chawwerusch Theater" aus dem südpfälzischen Herxheim, das am Sonntag mit "Kohlhaas" im Pädagogisch Kulturellen Centrum (PKC) gastierte, trifft mit seiner dichten, über weite Teile hinweg texttreuen Inszenierung den Nerv der Zeit und sorgt für ausreichend Beklemmung, ohne den Unterhaltungsfaktor außen vor zu lassen.

Die Wandlung des ehrbaren Pferdehändlers Michael Kohlhaas zu einem vor Rache Tobenden vollzieht sich in dem Zwei-Personen-Stück sehr greifbar. Das liegt zum einen daran, dass Siegfried Bühr, der das Schauspiel nach der Novelle von Kleist verfasste, eine sehr eindrucksvolle Regiesprache spricht. Die kontinuierliche Zweierkonstellation auf der Bühne ist ein Kunstgriff, verleiht sie doch den Konflikten im Geschehen - und es sind derer viele in "Michael Kohlhaas" - eine Intensität, der man sich als Zuschauer nicht entziehen kann. Da gibt es keine Fluchten in Randfiguren-Plots, keinerlei Ablenkung durch Statisterie.

Das spartanische Bühnenbild, eine beeindruckend wuchtige, von den Bühnenbildnern Stefan Flick und Jürgen Eck aus Stahlplatten in Patchwork-Optik gefertigte, gut vier Meter hohe Wand ist alleinige Kulisse, tut ihr Übriges, damit die Zuschauer nicht aus dem Erzählstrom gerissen werden. Ein Flow, der von den beiden Schauspielern über 90 Minuten pausenlos und ohne die geringste Müdigkeitserscheinung am Leben gehalten wird. Das Wagnis eines Zwei-Mann-Unternehmens gelingt: Der Betrachter wird zu einer ausschließlichen Fokussierung auf die handfesten Streitigkeiten, die verbalen Schlagabtausche, die Ausbrüche von Hass, Wut oder auch Liebe geradezu gezwungen.

Diese Art der Inszenierung mit ihrer Kleinstkonstellation erlaubt einen selten intimen Blick auf die Gefühlswelten der Charaktere, fungiert einem "Rundum-Scanner" gleich und tut oft weh, besänftigt lediglich ab und an, aber berührt unentwegt. Und dann liegt es natürlich auch an der großartigen schauspielerischen Leistung der beiden Darsteller Ben Hergl und Christoff Raphaël Mortagne. Ersterer mimt den Protagonisten Kohlhaas, der mal grob und roh wütet, mal publikumszugewandt sinniert und reflektiert, mal distanziert, beobachtend und aus dem Off seine Position darlegt, seine Beweggründe aufführt und sein Innerstes nach außen stülpt. Aus seinem Mund kommen Sätze wie "..mitten durch den Schmerz, die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken, zuckte die innerliche Zufriedenheit empor, seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen".

Aussagen, die in diesen Zeiten aktuell, gar brandaktuell sind. Sein Gegenüber ist ein ungemein wandelbarer und sehr agiler Counterpart, dem jede Rolle auf den Leib geschrieben ist: Die des fast zu Tode geprügelten Knechts Herse, dem das leuchtend rote Theaterblut aus Mund und Nase fließt, die der demütigen Kohlhaas'schen Ehefrau Liesbeth, die den Botengang zum Kurfürsten mit ihrem Leben bezahlt oder die des Reformators Martin Luthers, der in einem Pamphlet Kohlhaas erst als "Frevler wider Gott und die Obrigkeit" bezeichnet, um später eine Amnestie für Kohlhaas zu erwirken.

Als sich nach dem großen Showdown (Kohlhaas ist nach dem Tod seiner geliebten Frau zum Berserker geworden, wird wegen seiner Taten zum Tode verurteilt und stirbt unterm Schafott) die bis dato starre Wand öffnet, verlässt die Inszenierung das beklemmende Terrain: Auf einem Baugerüst in blaues Licht getaucht, sitzen Ben Hergl und Christoff Raphaël Mortagne, lassen die Beine baumeln und stecken sich Clownsnasen ins Gesicht, um aus einem zerfledderten Reclam-Heftchen Pennälern gleich das Ende der Geschichte wiederzugeben: Der machtgierige Kurfürst von Brandenburg lässt zwar dem Aufrührer Michael Kohlhaas den Kopf abschlagen. Dessen Söhne aber schlägt er zu Rittern. Mehr Aktualität geht kaum.

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