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Zwei Frauen, zwei Meinungen: Welche Bedeutung hat der Weltfrauentag?

Chrisma Rössle-Hodum ist Bauunternehmerin in Lauffen. Für die 71-Jährige ist der Weltfrauentag von größter Bedeutung. Sarah Berger aus Kirchheim ist erst 30 Jahre alt und ihr ist der Gedenktag nicht wichtig.

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    Sarah Berger aus Kirchheim misst dem Gedenktag keinerlei Bedeutung bei. Foto: 
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    Für Chrisma Rössle-Hodum aus Lauffen ist der Frauentag auch heute noch sehr wichtig. Foto: 
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Im März 1911 fand der erste Weltfrauentag statt. Die Frauenbewegung, die das gesellschaftlich vorherrschende Denken revolutionierte, untermauerte ihn mit Inhalten. Was ist geblieben von diesem Geist, und welche Bedeutung geben Frauen heute dem 8. März? Die Bietigheimer Zeitung fragte zwei Frauen aus unterschiedlichen Generationen.

Chrisma Rössle-Hodum ist als Bauunternehmerin in Lauffen beruflich in einer Männerdomäne zuhause. Sie weiß, wie es auf der Baustelle zugeht, hilft mit, wenn es um die Feinheiten am Bau geht und managt die Beschaffung von Baumaterialien. Die 71-Jährige hat in ihrem Leben erfahren, wie schwer es für Frauen sein kann, sich in einer Männerwelt zu behaupten und hat es geschafft, dort ernst genommen zu werden. Zum Weltfrauentag und zur Frauenbewegung sagt sie: "Für mich hat der Internationale Frauentag nach wie vor eine große Bedeutung, denn immer noch ist es doch so, dass Frauen in ihrem Beruf und in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen werden als Männer. Man muss sich nur einmal auf der Managerebene umschauen. Dort sind gerade mal 30 bis 35 Prozent der Stellen von Frauen besetzt. In manchen Kulturen werden Frauen heute noch behandelt wie Eigentum. Ich erwarte eigentlich von unserer Politik, dass auf solche Länder wirtschaftlich Druck ausgeübt wird. Ich erwarte auch, dass Frauen weltweit mehr Respekt entgegengebracht wird, und als Zeichen dafür finde ich, kommt dem Weltfrauentag auch heute noch eine große Bedeutung zu. Man mag ja über Frauenrechtlerinnen wie Alice Schwarzer denken, was man will, aber sie hat in der Gesellschaft ein neues Denken ausgelöst. Frauen wie ihr haben wir es letztlich zu verdanken, dass sich das Frauenbild mit der Zeit verändert hat und dass wir der Gleichberechtigung ein Stück näher gekommen sind."

Über die Bedeutung des Weltfrauentages denkt Sarah Berger, 30 Jahre aus Kirchheim, ganz anders. "Ich finde, Männer sollten Frauen einfach respektieren. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein, und dazu brauchen wir keinen Frauentag. Ich habe einen kleinen Sohn und einen Mann, und mit dem habe ich keine Probleme. Ich würde statt an einer Veranstaltung zum Weltfrauentag teilzunehmen lieber an diesem Tag mit meinem Sohn und meinem Mann etwas unternehmen. Auch wenn ich an die Flüchtlingssituation denke und an das, was wohl in Köln abgelaufen ist, muss ich sagen, dass ich überhaupt keine Angst vor Übergriffen habe. Was genau ist heute noch die Frauenbewegung? Ich kann mir nicht vorstellen, da einzusteigen, finde es aber gut, dass es so etwas gibt. Ich denke, das Frauenbild, das wir in unserer Gesellschaft haben, das haben wir - mit oder ohne Frauentag."

Frau und Beruf: Zahlen und Fakten

Bildung Rund 29 Prozent der erwerbstätigen Baden-Württembergerinnen zwischen 30 und 35 hatten 2014 einen akademischen Abschluss. Damit lagen sie nach den Angaben des Statistischen Landesamtes knapp vor den Männern (28 Prozent). Der Anteil der Frauen ohne beruflichen oder Hochschulabschluss lag um einen Prozentpunkt unter dem der Männer (elf Prozent).

Berufswahl Obwohl sie teils besser ausgebildet sind, entscheiden sich Frauen nur selten für Berufe mit technischem oder naturwissenschaftlichem Profil (MINT). Weniger als jede zehnte Erwerbstätige arbeitete im MINT-Bereich, bei den Männern waren es 42 Prozent. Auch beim Umfang bestanden Unterschiede: 49 Prozent aller erwerbstätigen Frauen arbeitet weniger als 32 Stunden pro Woche. Sie stellen damit 81 Prozent aller Teilzeiterwerbstätigen. Hauptgrund: Kinder. Rund 78 Prozent der Mütter minderjähriger Kinder arbeiteten nur in Teilzeit. Dennoch: Von 1980 bis 2014 ist der Anteil der erwerbstätigen Frauen von 54 Prozent auf 72 Prozent gestiegen, der Anteil der erwerbstätigen Männer ist von 84 auf 81 Prozent gesunken. Aktuelle Zahlen aus dem Landkreis: Im Januar waren 10 698 Menschen arbeitslos gemeldet, 5031 waren Frauen.

Wiedereinstieg Probleme bereitet nach wie vor der Wiedereinstieg, berichtet Birgit Festag von der Agentur für Arbeit Ludwigsburg. Teils, weil Arbeitgeber keine geeigneten Modelle anböten, teils, weil die Frauen unrealistische Wünsche hätten. Informieren könnten sie sich bei der Agentur für Arbeit oder der Kontaktstelle Frau und Beruf - dies würde laut Festag aber selten genutzt. Grundsätzlich seien Frauen in puncto Initiativbewerbungen und Einschlagen neuer Wege zurückhaltender als Männer. "Männer sind forscher - auch bei den Gehaltsverhandlungen."

Beispiel Seit 1995 gibt es im Kreishaus eine Frauen- beziehungsweise Gleichstellungsbeauftragte. Themen: Vermeidung von Diskriminierung, Wahrung der Chancengleichheit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Behinderung. Effekt: Im Juli 2015 waren beim Landratsamt 668 Personen in Teilzeit beschäftigt (insgesamt Beschäftigte: 1900), davon 53 Männer. Die Anzahl der Teilzeit-Arbeiter steigt: 2014 waren es 544, davon 32 Männer.

 

 

Ein Kommentar von Gabriele Szczegulski: PRO: Der Kampf ist nicht zu Ende

Nur ein Fünftel der 140 Abgeordneten im baden-württembergischen Landtag, der kommenden Sonntag gewählt wird, werden Frauen sein. Männer arbeiten in Vollzeit, verdienen besser, während jede zweite arbeitende Frau einen Teilzeitjob hat. Frauenarbeit wird schlechter bezahlt als Männerarbeit. Mütterzeiten werden nicht honoriert. Haushalt ist immer noch Frauensache. Anderswo auf der Welt, aber auch mitten in Deutschland, sind Zwangsehen, Gewalt, keine Selbstbestimmung, keine Seltenheit. Das sind die Fakten 105 Jahre nach Einführung des Internationalen Frauentags. Eine Abschaffung wäre ein Schlag ins Gesicht benachteiligter Frauen. So lange es noch eine unterdrückte Frau gibt, muss es auch einen Frauentag geben, an dem auf die immer noch bestehenden Probleme aufmerksam gemacht wird, solange müssen wir weiter dafür kämpfen, dass alle Frauen die Möglichkeit zur Selbstbestimmung bekommen. Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende.

 

Ein Kommentar von Julia Schweizer: CONTRA: Für viele nur ein Feigenblatt

Einmal im Jahr werden zum Frauentag fleißig Zahlen zusammengetragen, wie viele Frauen erwerbstätig sind, wie viele davon in Vollzeit und wie viel weniger Geld sie im Vergleich zu Männern bekommen. Und dass man das doch ändern müsse. Doch leider, so ist zumindest meine Erfahrung, kam das vor allem von denen, die etwas hätten ändern können. Da war mal der Chef, der jeder Frau in der Redaktion Blümchen mitbrachte – und später schweigend die Honorarrechnungen unterschrieb, die für uns weniger Geld vorsah als für die männlichen freien Mitarbeiter. Und der bei einer Umstrukturierung fragte, ob wir als Redaktionsassistentinnen arbeiten wollten – und die Männer, ob sie auf fester journalistischer Basis einsteigen wollten. Oder ein anderer, der offen sagte, dass er auf manchen Stellen keine Frauen wolle, weil diese das nicht packten. Ein Frauentag ist schön und gut, denn der Kampf ist tatsächlich noch lange nicht zu Ende. Doch bringen tut er in der Realität kaum etwas.

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