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Weinen, weil die Musik so berührt

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Konzertgenuss für Demenzkranke wurde Betroffenen bei den Schlossfestspielen geboten. Reha-Hess, der Verein Rosen-Resli und die Lechler-Stidtung veranstalteten das integrative Konzert.  Foto: 

Klatschen mitten im Werk, freudiges Lachen bei besonderen Musikstellen, lautes Weinen, weil die Musik so berührt: Das passiert, wenn in einem klassischen Konzert nicht nur ehrerbietige Klassikfans sitzen, sondern Demenzkranke. Denn sie sind in der Lage, ihre Emotionen direkt, ungefiltert und spontan und vor allem hör- und sichtbar zu äußern. Ja, sie können gar nicht anders. Leider sind solche Gefühlsäußerungen in einem Klassikkonzert nicht gern gesehen und gehört, wenn die Besucher viel Geld dafür bezahlen, um Hochkultur zu erleben. Deshalb werden Konzerte eigens für Demenzkranke veranstaltet.

Nicht so bei den Schlossfestspielen. Denn allen Beteiligten ist eines äußerst wichtig: Das Konzert am Samstag, 1. Juli, mit Geigerin Liv Migdal und Mitgliedern des Deutschen Kammerorchesters Berlin im Schlosstheater des Ludwigsburger Schlosses ist kein Demenzkonzert. „Es ist ein integratives Konzert der Schlossfestspiele“, betont deren Intendant Thomas Wördehoff. Und doch ist es ein besonderes: In diesem Fall arbeiten die Schlossfestspiele mit dem Bietigheimer Reha-Studio von Milko Hess, der Stuttgarter Institution Rosen-Resli – Kultur für Menschen mit Demenz und der Stuttgarter Lechler-Stiftung zusammen.

Hans-Robert Schlecht, Initiator von Rosen-Resli, nennt das „Teilhabe am Leben“. Zusammen mit seinem Sohn hat sich Schlecht der Aufgabe verschrieben, die Lebensqualität von Demenzkranken durch die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen zu verbessern. „Es geht nicht nur darum, Erinnerungen zu wecken, durch Musik an die Melodien aus Kindertagen erinnert zu werden, sondern durch die Musik die Emotionen zu berühren“, sagt Schlecht. „Demenz raubt vermeintlich den Verstand, aber die Emotionen sind immer da“, sagt er. Wichtig ist für ihn die Teilhabe an einem normalen Leben, das Zusammensein Demenzkranker mit Nichtkranken,. „Demenzkranke verhalten sich anders unter Menschen, sie schauen sich das Verhalten ab. Dann haben sie den Anschein, an einem normalen Leben teilzunehmen“, sagt er. Seit Hans-Robert Schlecht jahrelang seine demenzkranke Mutter betreute, weiß er, von was er spricht. Er hat sich eingehend mit dem Thema beschäftigt und in der Folge Rosen-Resli – Kultur für Menschen mit Demenz gegründet. Er organisiert Museums-, Konzert- und Theaterbesuche. Auch die evangelische Heimstiftung in Bietigheim nimmt mit Gruppen von Demenzkranken an den Veranstaltungen von Rosen-Resli teil.

Schlecht war für Thomas Wördehoff der erste Ansprechpartner, als dieser mit dem Bietigheimer Milko Hess, Chef von Reha Hess, über ein Konzert für Demenzkranke nachdachte. Wördehoffs Interesse an dem Thema Demenz wurde, so erzählt er, durch Wolfgang Gönnenwein, langjähriger Leiter der Schlossfestspiele, geweckt. „Ich habe ihn in seinen letzten Jahren öfters besucht, als er schon demenzkrank war. Einmal haben Musiker des Orchesters der Schlossfestspiele für ihn gespielt, auf der Dachterrasse seines Pflegeheims. Wolfgang Gönnenwein, das spürte man, war tief bewegt. Er war glücklich, das spürte man“, sagt der Schlossfestspiel-Intendant. Es sei eine Verpflichtung für ihn,  dass auch Kranke an den Schlossfestspielen teilhaben können. In der Geigerin Liv Migdal habe er eine Musikerin gefunden, die sich in dem Bereich sehr engagiere und ihr Programm darauf einstelle. Sie wird Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ im Ordenssaal als Klangmalerei spielen – Melodien, die viele Menschen kennen.

Milko Hess unterstützt das Konzert nicht nur als Mitglied des Freundeskreises der Schlossfestspiele, er wird eine große Gruppe seiner Patienten mit dem firmeneigenen Shuttlebus nach Ludwigsburg fahren: Fahrt und Eintrittskarten übernimmt Hess persönlich.

Weitere Demenzkranke kommen durch die Vermittlung von Rosen-Resli und Hans-Robert Schlecht, der versucht, flächendeckend in Baden-Württemberg solche Veranstaltungen zu etablieren. „Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bedeutet nicht nur ein Erleben der Musik, welches die positiven Emotionen fördert, sondern es macht das Leben ein Stück weit lebenswerter“, sagt er. Gefördert wird das Konzert durch die Lechler-Stiftung, denn auch dem Stiftungsgeber, Walter Lechler, ist es ein persönliches Anliegen, Demenzkranke nicht aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschließen. „Es ist ein Signal der Schlossfestspiele, vielleicht ist es bald normal, dass Demenzkranke mitten unter uns sind“, sagt Hans-Robert Schlecht.

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Demenz ist eine Krankheit, die keine Grenzen, keine sozialen Schichten, keine Einkommensklassen kennt. Demenz betrifft uns alle. Und jeder hat Angst davor. Diese Angst können Initiativen wie die der Schlossfestspiele und vor allem die von Rosen-Resli etwas mindern. Demenzkranke sind mitten unter uns und da gehören sie hin. Natürlich sind Konzerte in Pflegeheimen, Besuche dort, ganz wichtig. Genauso wichtig aber ist, dass die Betroffenen weiterhin ein Stück weit am Leben da draußen teilnehmen.

Und für eine Gruppe sind solche integrativen Veranstaltungen äußerst wichtig: Für die Angehörigen, die Demenzkranke zu Hause betreuen. Denn auch sie haben kaum noch ein normales Leben. Bei den Schlossfestspielen können sie ein Konzert umsonst genießen, müssen sich aber nicht die ganze Zeit um ihren Angehörigen kümmern, denn es ist Begleitpersonal vor Ort. Und seien wir mal ehrlich: Stören uns spontaner Zwischenapplaus oder laute Kommentare wirklich so sehr oder wollen wir nicht auch manchmal aus uns rausgehen? Von solchen Initiativen brauchen wir mehr.

Das Konzert für Menschen mit Demenz gilt als Unterstützung im Alltag im Sinne des § 45a des SGB XI. Pflegebedürftige in häuslicher Pflege haben Anspruch auf einen Entlastungsbetrag von bis zu 125 Euro monatlich. Informationen dazu und zur Teilnahme am Konzert bei Rosen-Resli, Telefon (0711) 95 86 33 61.

Liv Migdal und Mitglieder des Deutschen Kammerorchesters Berlin spielen Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ am Samstag, 1. Juli, 11 und 14 Uhr, im Schlosstheater des Schlosses in Ludwigsburg. Karten kosten 25 Euro, für Menschen mit Demenz 12,50 Euro inklusive einer Begleitperson. Das Konzert dauert 45 Minuten ohne Pause. Es ist eine Produktion der Ludwigsburger Schlossfestspiele in Kooperation mit Rosen-Resli und dem Reha-Zentrum Hess in Bietigheim, gefördert von der Lechler-Stiftung. sz

www.schlossfestspiele.de
www.rosen-resli.net
www.reha-hess.de

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