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Wein und Würstchen zur ersten Kettenreaktion

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Blick auf die Baustelle für das GKN I in Neckarwestheim. Die Arbeiten haben 1972 begonnen.  Foto: 

Buchstäblich Feststimmung herrschte in der Nacht von Mittwoch, 26. Mai 1976, auf den Himmelfahrtstag am 27. Mai in der Zentrale des gerade erst errichteten Gemeinschaftskernkraftwerks in Neckarwestheim.  Bei Würstchen und heimischem Wein, so berichtete es damals die BZ, feierten Kraftwerksleitung und Ingenieure die erste „heiße Nacht“ im GKN: Zum ersten Mal wurde im Kraftwerksblock eine atomare Kettenreaktion in Gang gesetzt und damit Strom erzeugt. „Das ganze war spannend wie ein Krimi“, schrieb der damalige BZ-Berichterstatter, der eingehend die technischen Vorbereitungen schilderte. „Große Scheinwerfer strahlten die Betonbauten im Steinbruch an – ein faszinierender Anblick“, hieß es.

40 Jahre später ist diese Art Technikgläubigkeit der 70er-Jahre undenkbar. Spätestens seit der atomaren Katastrophe von Tschernobyl 1986 bestimmen in Deutschland die Zweifel an der friedlichen Nutzung der Atomenergie die Diskussion. Die ungelöste Frage der Endlagerung und schließlich die Atomkatastrophe von Fukuschima sorgten für das Aus der Atomstromproduktion. Block I ist seit 2011 bekanntlich stillgelegt und wird zurückgebaut. Block II, der 1989 ans Netz ging, soll Ende 2022 abgeschaltet werden.

850 Millionen Deutsche Mark kostete der Bau von Block I, umgerechnet rund 430 Millionen Euro. Aus Sicht der Geschäftsführung lief die Stromproduktion mehr als zufriedenstellend an, wie sie zwei Jahre nach der Inbetriebnahme feststellten. Sie verwies darauf, dass die Stromproduktion in den veralteten konventionellen Kraftwerken wesentlich teurer sei als im GKN und Umweltprobleme bei den „betagten“ Kohlekraftwerken auf der Hand liegen – Argumente, die bis heute von Befürwortern der Atomenergie ins Feld geführt werden.

Die Gemeinden Gemmrigheim und Neckarwestheim hatten dem Bau des Kernkraftwerks bereits im Juli 1971 zugestimmt. Auch sie hielten den Bau des Kernkraftwerkes im Vergleich mit konventionellen Kraftwerken für die bessere Lösung. Ihre Stellungnahme beschränkte sich auf die Forderung nach strengen Sicherheitsvorkehrungen, der Klärung von Haftungsfragen und die „lückenlose Überwachung“ während der gesamten Bauzeit. Gefahren für die Umwelt sahen sie nicht, wie aus einer gemeinsamen Stellungnahme hervorging.

Hohe Steuereinnahmen

Die Auswirkungen des Kernkraftwerkes könnten sie letzten Endes aber nicht selbst beurteilen, die Verantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung sahen sie an anderer Stelle: bei den Genehmigungsbehörden. Beide Gemeinden konnten mit hohen Steuereinnahmen durch das neue Kernkraftwerk rechnen. Untereinander schlossen sie damals einen Vertrag über deren Verteilung ab.

Als es zehn Jahre später um die kommunale Zustimmung zum Bau von Block II ging, war der Widerstand bereits deutlich zu spüren. Nicht in Gemmrigheim, wo es erneut nur eine Gegenstimme gab, aber in Neckarwestheim. Offizielle Einwendungen erhob die Standortgemeinde zwar nicht. Aber eine politische Erklärung zeigte die Sorgen klar auf: Unabdinglich wurden Wiederaufbereitungsanlagen für die abgebrannten Brennstäbe ebenso gefordert wie externe Zwischenlager und eine gesicherte Endlagerung – alles Forderungen, die bis heute nicht erfüllt sind. Im Gegenteil: Mit der Einlagerung der ersten Castoren mussten die Neckarwestheimer und die gesamte Region 2006 sogar die Kröte eines Standort-Zwischenlagers schlucken, das aktuell mit weiteren Castoren aus dem Kernkraftwerk in Obrigheim bestückt wird.

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