Partner der

Vom Pornokino zur Kultstätte

|
Von links: Thomas Rothacker, Rainer Storz und Peter Bader (beide Gründungsmitgleider von Kinokult) machten aus dem Clußschen Saalbau 1986 die Scala-Kultur.  Foto: 

Klar, das Scala-Gebäude ist älter als 40 Jahre, die Scala-Kultur, wie wir sie heute kennen, allerdings nicht, sie wurde 1986 begründet. Im 19. Jahrhundert wurde der „Englische Hof“ gebaut und 1902 von der Witwe Cluß (so wollte sie immer genannt werden), gekauft und zum Clußschen Saal umgebaut. 1954 übernahm ihn Fräulein Gertrud Cluß (sie wollte Fräulein Cluß genannt werden). In den 1960er-Jahren aber erlosch der Glanz des Scalas, Fräulein Cluß vermietete den Saal und er wurde zum Pornokino. Ein Kapitel, über das auf der Scala-Homepage „der Mantel des Schweigens“ gehüllt wird.

Bis 1986 der Ludwigsburger Thomas Rothacker eine Vision hatte. Der studierte Lehrer und Hobby-Clown wollte mehr Kultur nach Ludwigsburg holen. Die damals 95-jährige Gertrud Cluß ließ sich begeistern von Rothackers Ideen und vermietete das Haus an ihn. Er übernahm mit dem eigens dafür gegründeten Musikverein, bestehend aus Bands, Musikern und Kulturbegeisterten, die Regie. Am 5. Dezember 1986  gab es eine Eröffnungsrevue mit dem Circus Bardolino, dem Scherbentheater und der Gruop Sal. Von Anfang an mit dabei: Rainer Storz und Peter Bader, die den Kinobereich übernahmen. 

Gleich in den ersten Monaten wurden die Scala-Veranstaltungen zum Renner. Im April 1987 musste sich die Kinogruppe abspalten, weil der gemeinnützige Musikverein vergessen hatte, Kinovorführungen im Scala in seine Satzung aufzunehmen und ihm die Gemeinnützigkeit aberkannt wurde. Kinokult, der im kommenden Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert, war geboren.

1990 kristallisierte sich aus dem Musikverein der Theatersommer mit Peter Kratz an der Spitze heraus. Nur für einen Sommer sollte der Clussgarten bespielt werden, 2015 konnte er sein 25-jähriges Bestehen feiern. Mittlerweile war auch die Filmakademie von Prof. Albrecht Ade gegründet worden und die Hochschule nutzte zweimal die Woche den Saal als Hörsaal und Vorführraum, bis 1991 das Caligari aus der alten Turnhalle entstand. „Bei fast allen Dingen lief es so, dass wir einfach eine Idee hatten und die dann umgesetzt haben, ohne groß darüber nachzudenken“, sagt Roth­acker.

Finanziell trug sich das Scala selbst, bekam nur kleine Zuschüsse von der Stadt, so Rothacker.  Bei Eigenproduktionen beantragte man Zuschüsse vom Land. Bis 1998 leitete Thomas Rothacker das Scala, das er 1988 auch von den Erben des inzwischen verstorbenen Fräuleins Cluß für 1,5 Millionen Mark gekauft hatte, mithilfe der Stadt, die dem Musikverein für die Miete einen höheren Zuschuss gewährte. Rothacker renovierte das Scala für 500 000 Mark. Die Zeit  war die Hochzeit des Scala, das auch mit Veranstaltungen in den umliegenden Gemeinden tourte.

Rothackers Höhepunkt in der Zeit? „Ray Charles“, sagt er ohne zu zögern. Den Sänger holte er ins Schloss Ludwigsburg. Dort pinkelte er in einen Plastikeimer, weil ihm der Weg auf die Toilette zu weit war  – eine Anekdote, die Rothacker gerne erzählt. Zudem ist er immer noch stolz, die spanische Rebellions-Theatergruppe La Fura dels Baus als einer der ersten engagiert zu haben. „Damals traten sie im Scala auf und schockierten das Publikum. Aber wir wollten ja polarisieren, nicht gefällig sein, und kommendes Jahr spielt die Truppe bei den Schlsosfestspielen, so kann’s gehen“, sagt er.

Doch es kam, wie es oft kommt: Der Musikverein, der immer noch als Veranstalter fungierte, fühlte sich benachteiligt, es kam zum Streit mit Rothacker, der seinen Posten als Geschäftsführer hinschmiss. Daraufhin kündigte die Stadt, die nur mit Rothacker arbeiten wollte, die Zuschüsse, der Musikverein ging 1999 pleite. Insolvenzverwalter Manfred Rüdisühli übernahm das Ruder, wollte die Kulturstätte retten. Im Jahr 2000 wurde die Scala Kultur  Ludwigsburg gGmbH gegründet und nahm mit neuem Geschäftsführer und dem Programmmacher Peter Sömmer den Betrieb wieder auf. Rothacker blieb bis 2007 Eigentümer des Scala-Gebäudes, dann kaufte ihm die Stadt nach zwei Jahren Verhandlungen den Komplex ab und renovierte ihn bis 2015 komplett. heute steht das Scala besser  und moderner da als zuvor.

Nachdem Peter Sömmer 2002 mit einem gut durchdachten Konzept das Scala wieder aufgebaut hatte, etablierte sich die Kultstätte wieder. Bands wie Rosenstolz oder Dieter Thomas Kuhn spielten hier, bevor sie berühmt wurden.

Sömmer führte Reihen wie Scala Klangzeit, Taktlos, Hautnah, Jazz oder Genie und Wahnsinn ein und hatte damit Erfolg. 2003 übernahm Edgar Lichtner die Veranstaltungsleitung im Scala.2009 wurde er Geschäftsführer, doch Peter Sömmer verließ 2015 das Scala, ihm folgte Mini Schulz als Programmmacher. Flo König übernahm die Jugendsparte, aber der Cro-Schlagzeuger wurde 2015 von Arne Häussermann ersetzt, der „Hej Scala“ erfand.

Fragt man Thomas Rothacker, ob er mit der Entwicklung seines Babys zufrieden ist, antwortet er: „Damals wollten wir eine Alternative zur etablierten Kultur schaffen, es gab ja nichts. Wir wollten Kultur für uns machen und zwar ohne von irgenjemand kontrolliert zu werden. Das geht heute leider nicht mehr, alles ist teurer geworden, das Scala braucht die Stadt als Unterstützer und somit hat die auch ein Mitspracherecht. Aber auch wir mussten uns vor dem Gemeinderat rechtfertigen, es war nur alles viel einfacher. Es war eine tolle Zeit. Und ja, ich bin stolz darauf, dieses Juwel mit begründet zu haben.“

1902: Die Witwe Cluss kauft von Fotograf P. Koch das Gebäude „Zum Englischen Hof“ und macht daraus den Clußschen Saal.
1910: Der Clußsche Saal wird zum Brauhaus.
1932: Der Saalbau wird auch Lichtspieltheater, der erste Film, der gezeigt wird ist „Quick“ mit Hans Albers und Lilian Harvey. Hitlergegnerinnen protestieren in ihm.
1933 bis 1949: Nur Filmvorführungen.
1954: Die Geschwister Gertrud und Richard Cluß lassen den Konzert- und Theatersaal zum Lichtspieltheater umbauen und ändern den Namen in Scala-Theater.
1986 eröffnet der Musikverein Ludwigsburg mit Thomas Rothacker das Scala-Theater.
1988 kauft Thomas Rothacker das Scala.
1990 wird der Theatersommer gegründet.
1998 hört Thomas Rothacker als Geschäftsführer auf.
1999 geht der Musikverein in Konkurs, ein Konkursverwalter übernimmt die Geschäfte.
2000 wird die Scala Kultur Ludwigsburg Gmbh gegründet, die die Geschäfte übernimmt.
2002 übernimmt Peter Sömmer die künstlerische Leitung.
2003 wird Edgar Lichtner Veranstaltungslleiter, 2009 Geschäftsführer.
2007 kauft die Stadt das Scala von Thomas Rothacker.
2013/14/15 wird das Scala kernsaniert und renoviert, ein Anbau erstellt.
2015: Mini Schulz wird künstlerischer Leiter. sz

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

„Kultur ist eine Brücke zwischen Völkern“

Paul Maar, der Erfinder der Figur „Sams“, führte am Sonntag in der Bietigheimer Kelter ein interkulturelles Live-Projekt auf. Längst gehört die Fantasiefigur des Kinderbuchautors zur Standardlektüre weiter lesen