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Umfrage bei Lehrern zur neuen Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf"

Adolf Hitlers "Mein Kampf" ist wieder da - als kommentierte Ausgabe. Ändern wird sich dadurch für den Geschichtsunterricht nicht viel, sagen jedenfalls die befragten Lehrer aus dem Landkreis.

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Ein aufgeschlagenes Exemplar der Originalausgabe der Hetzschrift "Mein Kampf" mit einem Bild des Verfassers - Adolf Hitler.  Foto: 

Hitlers "Mein Kampf" ist an diesem Freitag in einer von Wissenschaftlern kommentierten Ausgabe erschienen. Wie viel Beachtung soll die 1925 erschiene Autobiografie und Programmschrift, eine wichtige Quelle zur Ideologie der Nazis, erhalten? Inwiefern ist die Konfrontation mit dem Buch sogar nötig? Was die Rolle der nun kritisch edierten Giftschrift für den Geschichtsunterricht angeht, zeigen sich die befragten Lehrer im Landkreis ziemlich unbeeindruckt.

Maria Nilius, Leiterin der Fachschaft Geschichte am Bönnigheimer Alfred-Amann-Gymnasium, betont, wie wenig der Geschichtsunterricht ihrer Ansicht nach auf die Neu-Edition angewiesen ist: "Es gibt eine ganze Reihe von interessanten und sehr gut aufbereiteten Quellen, da muss ich nicht zwingend dieses in den Medien aufgebauschte Werk heranziehen."

Nilius befürwortet die quellenkritische Edition dennoch - aus zwei Gründen: "Damit aufbereitet ist, was Hitler bezweckte. Und damit die Nachwelt sieht, dass jeder wissen konnte, der wissen wollte." Nilius werde das Buch "nicht aktiv und nicht gezielt" einsetzen. "Wenn es sich aber aus dem Unterrichtsverlauf ergibt, und wenn es von Seiten der Schüler in der Oberstufe Interesse gibt, dann schon." In der Mittelstufe fehle Schülern noch das "historische Gesamtverständnis" für quellenkritische Editionen.

Lehrer haben bei den Materialien, die sie im Klassenzimmer verwenden, großen Spielraum, vorgeschriebene Lehrbücher ausgenommen. Seitens des Kultusministeriums in Stuttgart gibt es kein Verbot, Hitlers kommentierte Hetzschrift im Geschichtsunterricht einzusetzen, etwa, wenn es um die Ideologie des NS-Regimes geht, sagt Ministeriumssprecher Benjamin Godde.

Hans-Michael Gritz nutzt über Quellensammlungen Auszüge aus "Mein Kampf" im Unterricht, eben wenn er mit Schülern die Ideologie des Nationalsozialismus behandelt. Der Leiter der Fachschaft Geschichte am Beruflichen Schulzentrum in Bietigheim-Bissingen mutmaßt, dass sich mit der Neu-Edition für ihn nichts ändert. "Das Ding allein würde ich nicht nutzen, höchstens in Auszügen, zum Beispiel, um Hitlers Meinung über Juden darzustellen." Allerdings müsse man bei Schülern immer "aufpassen, dass es nicht auf einen Boden fällt, der nicht vorbereitet ist". Und für ebendiese Einordnung der Inhalte eigneten sich die bereits verwendeten Quellensammlungen, die für den Unterricht aufbereitet sind. Abgesehen davon: Hans-Michael Gritz beschreibt die Lektüre des Buches als schwer verständlich - inhaltlich wie stilistisch: "Es ist viel zu breit angelegt und schwer lesbar. Das kann kein Mensch lesen. Es sei denn, man ist Fachhistoriker und muss."

Auch am Besigheimer Christoph-Schrempf-Gymnasium sind Äußerungen Hitlers - nicht zuletzt aus "Mein Kampf" - schon lange Gegenstand des Unterrichts, sagt Schulleiter Jörg Weisser. "Es kann sich keiner vorstellen, das Buch im Geschichtsunterricht einzusetzen, auch wenn es kommentiert ist", lautet das Fazit des Rektors, der sich dabei auf die Meinung seiner Geschichts-Fachschaft beruft. "Würden wir das Buch ausführlich im Unterricht behandeln, dann hätte Herr Hitler nachträglich erreicht, was er wollte: Dass dieses Buch in allen Haushalten gelesen würde."

Harald Schmitt betont ebenfalls, dass sich mit dem Erscheinen der kritischen Neu-Edition nicht viel ändert, auch, weil das Buch - oder zumindest Auszüge davon - bereits eine Rolle im Geschichtsunterricht spielt, wenn auch keine dominierende. Der Konrektor der Realschule im Aurain in Bietigheim-Bissingen, der zugleich der Fachschaft Geschichte vorsteht, ergänzt: "Auf die Inhalte des Buches werden wir weiterhin eingehen, wir werden aber keine Klassensätze bestellen und ausgeben." Ein Problem bei der Arbeit mit dem gesamten Text wäre nicht zuletzt die oft sperrige Begrifflichkeit: zu viele Worte, die Jugendlichen heute fremd sind. Damit meint der Konrektor nicht nur Hitlers gern verwendeten "Anti-Bolschewismus", sondern auch Sätze wie: "Man muss dem deutschen Volk dem ihm gebührenden Grund und Boden sichern." Allein das Wort "gebührend" sei kaum mehr im alltäglichen Sprachgebrauch der Realschüler, man müsse es daher erklären, wenn ab dem zweiten Halbjahr der neunten Klasse der Nationalsozialismus behandelt wird. "Wir sprechen hier von 14-Jährigen - da müssten wir erst mal unheimlich viel Textarbeit leisten", sagt Harald Schmitt.

Letztlich sei "Mein Kampf" nur eine Quelle zu Hitler - neben den Reden zum Beispiel. Und gerade wenn es um die Ideologie des Nationalsozialismus gehe, seien auch die Reden anderer führender Nazis relevant, etwa von Reichsmarschall Hermann Göring oder von Propagandaminister Joseph Goebbels.

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