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Schwer zu kriegen: Handwerker

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Schwindelfrei müssen diese Zimmerer schon sein. Für dieses Bild winkten sie 2009 fröhlich in die Kamera von BZ-Fotograf Werner Kuhnle. Inzwischen wird den Handwerksbetrieben eher schwindelig beim Blick in die Auftragsbücher. Die Nachfrage nach den Fachkräften übersteigt längst das Angebot.  Foto: 

Das Handwerk hat derzeit sprichwörtlich goldenen Boden. Vom Dachdecker bis zum Straßenbauer – die Auftragslage für die Handwerksbetriebe in der Region ist so gut, dass dies bereits zum Ärgernis für Privatkunden und kommunale Auftragsgeber wird. Bauprojekte verzögern sich oder geraten komplett in Not. Wer einen Handwerker braucht, muss so lange auf dessen Besuch warten wie auf einen Termin beim Facharzt. Die Deutsche Handwerkerzeitung beziffert die durchschnittliche Wartezeit auf einen Handwerker mittlerweile mit zehn Wochen. Die Handwerkskammer in Stuttgart kommt auf einen Mittelwert von neun Wochen. Und wenn der Experte dann da war, wundert sich der Kunde über die Höhe der Rechnung.

Erfolglose Ausschreibungen

Kommunen müssen zum Teil Ausschreibungen aufheben oder wiederholen, weil keine Angebote eingehen. Und wenn doch, sind die Angebote zu hoch fürs öffentliche Budget. In Bissingen geriet der Umbau der Schillerschule unter anderem wegen Ausschreibungsproblemen auch für einzelne Gewerke in Zeitverzug.

Die Stadt Besigheim versucht mit einer möglichst frühzeitigen Ausschreibung gegenzusteuern.  Straßenbauprojekte, die erst 2018 zum Zuge kommen sollen, werden bereits vor den Haushaltsberatungen auf den Weg gebracht, in der Hoffnung, mehr Wettbewerb und bessere Preise zu erzielen (die BZ berichtete). So geraten die Auftraggeber aus reiner Verzweiflung in den Wettbewerb mit privaten Bauherren, die ebenfalls um die Verfügbarkeit der Handwerker buhlen.

Vielfältige Ursachen

In der Konsequenz bedeutet das: es wird teuer. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt seit geraumer Zeit vor steigenden Handwerkerleistungen. Ein genossenschaftlicher Bauherr spricht von Preisen, „die teilweise jenseits von Gut und Böse liegen“. Die Interessensvertreter der Handwerker streiten das auch gar nicht ab, verweisen aber im Gegenzug auf die vielfältigen Ursachen für den Notstand und nennen unter anderem Fachkräftemangel und steigende Kosten für Material und Löhne. „Die Stundenverrechnungssätze für Handwerkerleistungen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen, besonders im Bauhaupt- und Baunebengewerbe“, gibt die Betriebsberatung der Handwerkskammer Wiesbaden laut Handwerkerzeitung an. Das sei marktwirtschaftlich aufgrund der großen Nachfragen nachvollziehbar.

Auch Kreishandwerksmeister Albrecht Lang weiß, wie schwer es zurzeit ist, Handwerker vor allem aus dem Baugewerbe, wie Dachdecker, Zimmerer und Maurer, zu bekommen. „Das Handwerk ist so stark gefragt wie lange nicht mehr“, erklärt der Kreishandwerksmeister und ergänzt: „Die Konjunktur läuft gut, die Zinsen sind niedrig. Private Bauherren stecken im Moment gern ihr Geld ins eigene Häuschen, bevor sie es auf die Bank tragen, wo sie nicht dafür erhalten.“ Zahlen der Handwerkskammer Region Stuttgart bestätigen den Trend. Hatten 2016 noch 62 Prozent der für den Konjunkturbericht Handwerk befragten Unternehmen ihrer Geschäftslage die Note gut gegeben, so waren es im zweiten Quartal 2017 bereits 75 Prozent. 60 Prozent gaben an, über 80 Prozent ausgelastet zu sein.

Doch dass die Betriebe die Notlage ausnutzten, um sich die Taschen voll zu machen, streiten deren Spitzenverbände ab. Vielmehr haben auch und vor allem kleine Handwerksbetriebe mit Problemen zu kämpfen. Viele Ausbildungsstellen sind auch zu Beginn dieses Ausbildungsjahres unbesetzt geblieben. Zwar verzeichnete die Kammer einen Anstieg von sieben Prozent bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen, gleichzeitig waren in der Datenbank noch 700 unbesetzte Lehrstellen.

Es gibt Unternehmen, denen es mittlerweile schwer fällt, den eigenen Nachwuchs im Betrieb zu qualifizieren. Hinzu kommt: Die Spitzenleute selbst sind in den Betrieben, die körperlich anstrengende Aufgaben übernehmen, oft nicht bis zu deren Rente zu halten. „Viele Gesellen,etwa  im Zimmererhandwerk, schauen sich recht bald nach einer weniger anstrengenden Aufgabe um“, beobachtet Lang. Und die Wechselwilligen hätten gute Chancen auf einem leer gefegten Arbeitsmarkt.

Ein weiterer Aspekt ist die Digitalisierung. Sie erreicht auch die kleinen Handwerksbetriebe und erfordert Investitionen und Qualifikation. Außerdem schafft sie  neue Konkurrenz. „Wir müssen die kleinen und mittleren Unternehmen dabei unterstützen, rechtzeitig mögliche Verdrängung der eigenen Produkte beziehungsweise Dienstleistungen durch die digitale Konkurrenz einschätzen zu können“, forderte unlängst Kammer-Hauptgeschäftsführer Thomas Hoefling.

Was können die Verbraucher tun, wenn die Heizung ausfällt oder das Dach leckt? Albrecht Lang weiß, dass viele Kunden „ihre“ Handwerker seit langem kennen und sich immer an sie wenden können. „Die lassen dann auch keinen hängen.“ Die Kammer empfiehlt laut deren Sprecherin Alexandra Jahnke, „mehrere Betriebe anzufragen und Geduld mitzubringen“. Eine gute Idee sei es sicherlich auch, sich in regelmäßigen Abständen nach freien Zeitfenstern zu erkundigen.

Info Über die diesjährige Lossprechung von 210 Junghandwerkern in Ludwigsburg berichtet die BZ auf Seite 19.

Paradoxe Situation

Es ist faszinierend, welche Folgen eine gute Konjunktur mit sich bringt. Zum Beispiel die, dass eine Handwerkerdienstleistung zum Luxusgut geworden ist. Da kann sich die Zunft noch so sehr feiern, das Handwerk hat ein Problem mit der Kundschaft und mit sich selbst. Denn der Notstand fördert die Schwarzarbeit und befeuert erneut die Diskussion um die Notwendigkeit des Meisterbriefs, der seit 2004 ohnehin nicht mehr für alle Gewerke gilt. Eine Besserung ist zudem nicht in Sicht, denn die Zahl der Betriebe wächst nicht, Fachkräfte sind schwer zu kriegen. Ein Hoffnungsschimmer ist, dass die Zahl der Ausbildungsverträge steigt. Den Verbrauchern nützt das aktuell aber wenig. Sie müssen paradoxerweise darauf setzen, dass die Zinsen steigen und sich die Konjunktur abschwächt. Allerdings: Mit der Digitalisierung dürften nicht wenige Dienstleistungen aus dem Handwerk künftig elektronisch abgewickelt werden. Das könnte den Betrieben Luft verschaffen, sich wieder schnell und finanziell überschaubar um ihre Aufträge zu kümmern.

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