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Pleidelsheim - Hochburg des Tabakanbaus

Vor 25 Jahren, am 14. Februar 1991, wurden am Neckar die letzten Tabakblätter abgewogen. Die Familien Warttinger und Röhrlich waren nach 276 Jahren die letzten Tabakbauer in Pleidelsheim.

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Pleidelsheim, 14. Februar 1991: Eine Kultur stirbt nach 276 Jahren aus. Der letzte Tabak wird auf den Lastzug nach Walldorf verladen. Wilhelm Warttinger, der Mentor des Pleidelsheimer Tabakanbaus.  Foto: 

Seit 1714 wurde in Pleidelsheim Tabak angebaut. Das ideale Klima und der sandige Boden führten dazu, dass der Tabakanbau in der örtlichen Landwirtschaft rasch ein wichtiger Faktor wurde. Pleidelsheim entwickelte sich zum Zentrum des Tabakanbaus in Württemberg. 1894 wurde das Kraut dort bereits auf rund 20 Hektar angepflanzt.

Kein Wunder, denn in Deutschland griff man in dieser Zeit unbeschwert und immer häufiger zum Genussmittel. Um die zwei Millionen Mark stiegen die Einnahmen aus der Zigarettensteuer innerhalb eines Jahres auf insgesamt 11,3 Millionen Mark in den ersten vier Monaten des Jahres 1912. Anstelle des deutschen Rohtabaks wurde damals allerdings zunehmend ausländischer verwendet. Der befürchtete Rückgang des Tabakanbaus in Deutschland blieb aber aus. Während des Ersten Weltkrieges war der einheimische Tabak sozusagen konkurrenzlos. Das Geschäft mit den Tabakpflanzen florierte.

Im Januar 1914 wurden in Bissingen 784 Kilogramm Tabak gewogen und verkauft. 1915 war ein gutes Jahr für die Pleidelsheimer Tabakbauern. Der Ertrag belief sich bei der Verwiegung im Januar 1916 auf 448 Zentner. Angesichts solcher Mengen erkannte man dort die Notwendigkeit eines Tabakschuppens zur künstlichen Tabaktrocknung.

Am 24. August 1928 nahm das schwäbische Örtchen den deutschlandweit ersten Schuppen in Betrieb. Anstelle der monatelangen natürlichen Trocknung der Tabakblätter wurden in dem neuen Schuppen die Rohblätter 60 bis 90 Stunden in einem ausgeklügelten Verfahren bei bis zu 91 Grad heißer Luft getrocknet.

Nicht nur in Pleidelsheim wurde Tabak angebaut. Im Dezember 1928 veranstaltete der Landesverband der württembergischen Tabakbauvereine in der Bietigheimer Turnhalle eine große Tabakschau. Fachleute konnten mehr als 140 Probebüschel heimischen Tabaks aus Pleidelsheim, Horkheim, Knittlingen, Bissingen, Roßwag und Illingen begutachten. Themen wie Düngung, Setzlingszucht und Krankheitsbekämpfung wurden erörtert.

Pleidelsheim war mit 27 Hektar Anbaufläche inzwischen die größte württembergische Tabakbaugemeinde. 1938 wurden 1250 Zentner des bereits in ganz Deutschland bekannten und begehrten nikotinarmen Pleidelsheimer Tabaks erzeugt. Anfang August 1939 kamen 1500 Tabakbauern zu einer Fachtagung nach Pleidelsheim. Ziel der Zusammenkunft waren der Erfahrungsaustausch und die stetige Qualitätssteigerung der Erzeugnisse.

Auch Tabakanbauer waren vom Wetter abhängig. Der Vorsitzende des Landesverbandes der württembergischen Tabakbauvereine, Wilhelm Warttinger aus Pleidelsheim, berichtete 1959 auf der Mitgliederversammlung in Bietigheim von einem schlechten Jahr für die Tabakpflanzer. Eine ungünstige Witterung und schlechte wirtschaftliche Rahmenbedingungen hätten zum Zusammenbruch der heimischen Tabakwirtschaft geführt, so Warttinger.

Dem Verband gehörten inzwischen 20 Ortsvereine an, die auf 65 Hektar das Gewächs anpflanzten. Bei der Tabakprämierung gingen die ersten fünf Plätze nach Pleidelsheim. 177 Tabakanbauer gab es 1957 in Pleidelsheim. Doch nicht nur die Natur setzte ihnen gelegentlich zu. Auch neue Erkenntnisse aus der Medizin sorgten für eine Verunsicherung in der Branche: "Beunruhigende Frage: Rauchen gesundheitsschädlich?" lautete eine Überschrift in der Ausgabe des Enz- und Metter-Boten am 27. April 1962. Das Königlich Medizinische Institut in Großbritannien hatte kurz zuvor eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und Lungenkrebs veröffentlicht. Man hatte festgestellt, dass Raucher häufiger als Nichtraucher an Lungenkrebs erkrankten. Nachrichten, die die Bundesbürger aufschreckten. Die Bundesrepublik hatte nach Kriegsende zur Spitzengruppe der Rauchernationen aufgeschlossen. Pro Kopf rauchten die Bundesbürger 1300 Zigaretten pro Jahr. Dies entsprach 1962 etwa 310 Millionen Zigaretten im Kreis Ludwigsburg pro Jahr.

Zunächst hatte dies keinen Einfluss für die Tabakanbauer. Auf einer Fläche von knapp 30 Hektar wuchs 1963 wieder Tabak in Württemberg. Dass Rauchen definitiv Lungenkrebs und andere Krebskrankheiten fördert, belegte letztendlich eine im Januar 1964 veröffentlichte amerikanische Studie.

Damit nicht genug: Günstiger ausländischer Tabak machte den deutschen Tabakpflanzern zunehmend zu schaffen. Ein Abwärtstrend setzte ein. 27 Tabakpflanzer gab es noch im Jahr 1982, die sich der arbeitsintensiven Tabakpflanze widmeten. Allein davon konnte bereits damals keiner mehr leben. 1984 gab es in Pleidelsheim noch fünf Tabakanbauer, die noch fleißig die inzwischen 15 Trockenschuppen bestückten. Die in Pleidelsheim angepflanzte Geudertheimer Sorte wurde hauptsächlich von der badischen Tabakindustrie zu Zigarren verarbeitet.

Eine 1987 vom Bundesgesundheitsministerium geführte Anti-Raucher-Kampagne setzte der deutschen Tabakindustrie sehr zu. Ganze fünf Prozent des Tabakbedarfs wurde 1987 noch in Deutschland erzeugt, der Rest kam aus dem Ausland. Verarbeitungsfertiger ausländischer Tabak war wesentlich günstiger als das heimische Erzeugnis.

Es kam, wie es kommen musste: Der Anbau lohnte sich nicht mehr. Am 14. Februar 1991 beluden die beiden noch verbliebenen Pleidelsheimer Tabakpflanzer Wilhelm Warttinger und Richard Röhrich den letzten Pleidelsheimer Tabak auf einen Lastzug. Damit endete die 276 Jahre dauernde Geschichte des Tabakanbaus in Pleidelsheim. Am 16. Mai 2010 eröffnete Gerd Warttinger in Pleidelsheim ein Tabak- und Spargelmuseum. Historische Gerätschaften erinnern noch heute an die Zeiten, als Pleidelsheim die Hochburg des Tabakanbaus in Württemberg war.

Zahlen und Fakten

Tabakkonsum Obwohl jeder vierte Deutsche qualmt (statistische Erhebung aus 2013), hat es der Tabakanbau in Deutschland schwer - vor allem seit die EU-Subventionen nicht mehr sprudeln. Die sorgten einst dafür, dass der Tabakanbau in Deutschland mit seiner mehr als 400 Jahre zurückreichenden Tradition ein einträgliches Geschäft war. 4000 Euro Gewinn pro Hektar waren in guten Zeiten durchaus drin. Tabakanbau war und ist sehr zeitaufwändig und arbeitsintensiv. Bis zu 1000 Arbeitsstunden fallen trotz Mechanisierung pro Hektar an. Allerdings lagen (bis 2007) auch die Einnahmen pro Flächeneinheit etwa um das 20-Fache über den Ergebnissen etwa des Getreideanbaus. Trotz ungünstiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen und Anti-Raucher-Kampagnen ist der Tabakanbau in Baden-Württemberg noch nicht ausgestorben. 2014 zählte der Verband der Tabakpflanzer noch 35 Betriebe in Baden-Württemberg.

 

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