Partner der

Nur 31 Prozent sind wirklich Müll

|
Vorherige Inhalte
  • Die Familie hat ordentlich ausgemistet und Platz für neue Möbel geschaffen.  1/3
    Die Familie hat ordentlich ausgemistet und Platz für neue Möbel geschaffen. Foto: 
  • Gar nicht so leicht, das mit der Mülltrennung: Wegen des Einbands kommen (Papier-)Bücher in den Restmüll. 2/3
    Gar nicht so leicht, das mit der Mülltrennung: Wegen des Einbands kommen (Papier-)Bücher in den Restmüll. Foto: 
  • Thomas Menges zeigt die Wertstoffhof-Karte, mit der bis zu zehn Kubikmeter Sperrmüll pro Jahr gebracht werden dürfen. 3/3
    Thomas Menges zeigt die Wertstoffhof-Karte, mit der bis zu zehn Kubikmeter Sperrmüll pro Jahr gebracht werden dürfen. Foto: 
Nächste Inhalte

Mittwoch, kurz vor neun Uhr: Noch vier Minuten, dann öffnet der Wertstoff Ellental im Bietigheimer Fischerpfad. Vor den Toren stehen schon fünf Autos. Die Fahrer wollen nicht mehr benötigtes Hab und Gut beim Posten der Abfallverwertungsgesellschaft Ludwigsburg (AVL) loswerden. In der Abfallbilanz für 2016 des Umweltministeriums (die BZ berichtete) lag der Kreis mit knapp 75 500 Tonnen Haus und Sperrmüll absolut gesehen weit vorne, pro Kopf gerechnet zumindest noch in der vorderen Tabellenhälfte (141 Kilo Pro Einwohner).

Um Punkt neun Uhr geht das Tor auf. Die Schlange bewegt sich bis zum Stoppschild. Dort wird die „Ware“ von den beiden Mitarbeitern gecheckt und die Kunden werden zu den jeweiligen Containern gelotst. „Das geht sogar noch“, sagt Sandra Riedel über den Andrang. Der örtliche Betriebsleiter, Thomas Menges ergänzt: „In der Ferienzeit kommen tendenziell mehr Leute.“ So wie Markus Hoffmann mit seinen Kindern Miriam und Maik, die aus einem mannshohen Anhänger ihre nicht mehr gebrauchte Innen­einrichtung die Metalltreppen zum Container hochtragen. „Ferien-Entrümpelungs-Aktion?“, will die BZ wissen. „Genau so kann man es nennen“, bestätigt der Vater das etwas andere Ferienprogramm, zu dem der Sohn deutlich einfacher zu überreden gewesen sei als die Tochter.

Holzmöbel sind fast in jedem Kofferraum oder Anhänger zu sehen. Dass so viel Holz angeliefert wird, sei eine Veränderung der vergangenen Jahre, berichtet Thomas Menges. „Viel wird heute beispielsweise bei Ikea gekauft und ist nicht unbedingt aus Massivholz“, sagt er. Möbel werden schneller ausgetauscht. Ein Mann, der gerade ans Stoppschild vorgefahren ist, nickt zustimmend und zeigt auf seinen Anhänger. Nico Krawzyk, 30, Mitarbeiter auf dem Wertstoffhof schaut sich die Szenerie an. Nach fünf Jahren ist er immer noch überrascht, was manchmal so in den Tonnen landet. „Das meiste ist noch viel zu gut“, befindet er.

Die Wertstoffhöfe nehmen im immer dichter besiedelten Landkreis gerade beim Sperrmüll eine immer höhere Stellung ein, erklärt Thomas Menges. „Die Leute haben tendenziell immer kleinere Wohnungen und immer weniger Platz. Deshalb wollen viele nicht warten, bis die Abholung stattfindet. Sie kommen lieber auf die Wertstoffhöfe und entsorgen gleich.“ Mit der Wertstoffhof-Karte der AVL können bis zu zehn Kubikmeter pro Abfalljahr (von April bis März) abgeliefert werden – zusätzlich zur Abholung.

Immer höhere Relevanz gewinnt die Wiederverwertung. 31 Prozent aller Müllarten ist laut Betriebsleiter noch Abfall. „Der Rest-Sperrmüll ist das Einzige, was noch verbrannt wird. Alles andere landet im Wertstoffkreislauf“, sagt er. Die Wertstoffe aus den grünen Tonnen – auch diese Stoffe können auf dem Wertstoffhof abgegeben werden – ohnehin. Auch Möbel und Elektrogeräte finden immer öfter den Weg zu neuen Besitzer: über das Gebrauchtwaren-Kaufhaus Warenwandel im Tammerfeld in Ludwigsburg. „Was wir hier einnehmen, fließt in den Gebührenhaushalt“, nennt Menges auch Vorteile für die Kunden. Im Ellental gibt es allerdings keinen Container fürs Tammerfeld. Nur kleinere Gegenstände werden hier gesammelt. „Wir bitten die Leute, ihren Müll selbst hinzufahren“, erklärt der Betriebsleiter.

Tauschgeschäften innerhalb des Wertstoffhofs wird indes ein klarer Riegel vorgeschoben. „Das geht nicht, das geht schon in Richtung Schrottpiraterie“, betont Thomas Menges. Es gebe immer wieder gezielte Versuche, Menschen auf den Wertstoffhöfen etwas abzuquatschen. Das ist nicht das einzige Problem: Wertstoffhof-Mitarbeiter Herbert Meier, 60, betont zudem: Manchmal müsse er auch ein wenig Sittenpolizei spielen. „Man kennt diejenigen, die Sachen auch mal da reinschmeißen, wo sie es nicht dürfen“, spricht er über ganz besondere Stammkunden.

Zuletzt sei der Wertstoffhof regelrecht mit alten Fernsehern überhäuft worden. Das hängt damit zusammen, dass Ende März das digitale Antennenfernsehen DVB-T abgestellt worden war, vermutet Thomas Menges, während ein Mann zuerst seinen Röhren-TV entsorgt und dann einen riesigen Karton eines neuen Flachbildgeräts in der Altpapier-Tonne versenkt.

Der Betriebsleiter ist Quereinsteiger, hat bisher in anderem Bereichen gearbeitet. „Ich wollte Sinn in meinen Berufsalltag bringen. Hier geht es nicht nur um Verkaufszahlen.“ Vor ein paar Jahren sei seine Tätigkeit noch belächelt worden, mittlerweile aber in der Gesellschaft angekommen. „Die Haupttätigkeit ist hier mit 80 Prozent die Beratung. Vom Schmuddel-Image sind wir weit weg“, ist er sich sicher. Dass die Menschen verhältnismäßig viel entsorgen, sieht der Betriebsleiter als zweischneidiges Schwert. Denn zum einen zeigt es das Pflichtbewusstsein. Zum anderen spiegele es den relativ hohen Lebensstandard im Landkreis wider.

Besonders viel Kommunikation unter der Besuchern herrscht an diesem Vormittag nicht. Das sei aber ganz unterschiedlich – auch von Hof zu Hof. „In Kornwestheim gibt es beispielsweise viele Stammkunden, meistens Rentner. Die treffen sich dort wirklich. Das ist samstags schon fast ein Pflichttermin“, weiß Thomas Menges.

Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Der Protest ist gewollt

Direkte Demokratie und die Folgen: Das Ringen um Mehrheiten kann man auch verlieren, sagt Umweltminister Untersteller. weiter lesen