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Nach der Reform ist vor der Reform

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Das Lutherjahr 2017 drängt derzeit jeder Veranstaltung der Evangelischen Kirche eine Auseinandersetzung mit dem großen Reformator geradezu auf. Zumal „die dunkle Seite seines Denkens“, wie es Dekan Eberhard Feucht in seiner Begrüßungsansprache im Paul-Gerhardt-Haus bezeichnete, in der 500-jährigen Kirchengeschichte selten zuvor so kritisch thematisiert wurde. Der große Erneuerer und Kirchenstifter auf der einen Seite, „der unerträgliche Judenhasser“ (Dekan Feucht) auf der anderen. Gefangen im Widerspruch könnte man das als Frage formulierte Thema der Frühjahrsversammlung, „Reformationsjubiläum 2017 – Was gibt‘s denn da zu feiern?“, mit einem klaren Nein beantworten.

Kirche steckt in der Krise

Feierlaune war am Freitag unter den Synodalen sowie Pfarrern aus den 20 Kirchengemeinden des Bezirks tatsächlich kaum zu spüren. Mit der Einladung von Klaus Douglass als Impulsgeber für lebhafte Gespräche im „Weltcafé“ war der Abend von vornherein nicht auf ein Bejubeln des Kirchenjubiläums angelegt. Der 58-jährige Pfarrer und Buchautor aus dem Rheingau ist ein profunder Luther-Kenner seit Studentenzeiten und gleichzeitig ein offener Kirchenkritiker. Er ist überzeugt: „Unsere Kirche steckt heute in einer großen Krise, und es ist unrealistisch, zu glauben, dass wir die Krise ausgerechnet mit jenen Mitteln lösen werden, die zu dieser Krise geführt haben. Das herkömmliche Pfarrerbild hat die Gemeinden weitgehend entmündigt.“

Entmündigt bedeutet für Douglass, dass in den Gottesdiensten kein Dialog zwischen Pfarrer und Gemeinde stattfindet. Die von Luther gelebte Spiritualität, der Glaube als Herzensangelegenheit, sei verloren gegangen. Zwei bis drei Stunden täglich habe der Reformator gebetet.

Lesen in der Bibel ist zentrales Element

Seine Begabung sei gewesen, Gott zu den Menschen zu bringen und umgekehrt die Menschen zu Gott. „Den Menschen spüren lassen, dass dich Gott liebt.“ Das Lesen der Bibel sieht Douglass dabei als zentrales Element. Gottesdienste sind seiner Meinung nach zu einer formalen Angelegenheit geworden – ein Format für alle Zielgruppen.

Douglass ist bei der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau Referent für missionarisches Handeln und geistliche Gemeindeentwicklung und somit ein Vordenker für neue Glaubensformen. Seine Zuhörer hingegen kamen von der Gemeindearbeit an der Basis. Spiritualität zu leben, das kostet sie schlicht sehr viel Zeit, wie sie im Anschluss an das Referat des Theologen in Tischgruppen diskutierten. Einer fragte, wie sich stundenlanges Beten mit der heutigen Zeit vereinbaren lasse, in der für viele Twitter-Nachrichten mit 144 Zeichen zum Standard der Kommunikation geworden seien?

Vier Pfarrstellen weniger

Die unterschiedlichen Erwartungen der Gemeindeglieder an ihre Kirche seelsorgerisch unter einen Hut zu bekommen, zielgruppengerechte Gottesdienste abzuhalten, wie von Luther vorgemacht, sei angesichts des vollbepackten Terminkalenders eines Pfarrers als Aufgabe kaum zu bewältigen. Douglass ließ das nicht gelten. Luther habe bewiesen, Veränderung ist möglich. Für ihn ist Luthers Reformation keine abgeschlossene Angelegenheit, sondern ein bis heute fortwährender Prozess. Nach der Reform ist vor der Reform. Darin sieht der Referent durchaus einen Anlass zum Feiern.

3,75 Pfarrstellen weniger

Nach dem inhaltlichen Teil der Synode ging es um den Pfarrplan 2024. Aufgrund des demografischen Wandels, weniger Pfarrkräfte und begrenzter Finanzkraft müssen in den Kirchenbezirken laut Dekan Feucht Pfarrstellen eingespart werden. Vorbehaltlich des Beschlusses der Landessynode soll es im Jahr 2024 im Bezirk noch 21,75 Pfarrstellen geben. Dies bedeutet eine Stellenkürzung von 3,75 Stellen. Der Kirchenbezirk muss in den kommenden Monaten ein Konzept erarbeiten und beschließen, wie der Pfarrplan vor Ort umgesetzt wird.

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