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Mit der CDU hat Marcel Distl seine Probleme

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Marcel Distl aus Freiberg kandidiert für die Liberalen.  Foto: 

Wir sind verdient rausgeflogen“, sagt Marcel Distl und nippt an seinem Kaffee. Er spricht über die härteste Schlappe in der Geschichte seiner Partei, von der Abwahl aus dem Bundestag im Herbst 2013. „Wir haben Entlastungen versprochen und nicht geliefert“, begründet der 24-Jährige den „verdienten“ Rauswurf. „Wir haben weder den Soli noch die GEZ abgeschlafft“, sagt Distl. Die FDP hatte sich vier Jahre zuvor, 2009, im Siegesrausch des besten Ergebnisses ihrer Bundestagswahlgeschichte (14,6 Prozent) bei den Koalitionsverhandlungen von der CDU übertölpeln lassen und ihre Ziele nicht verbindlich genug im Koalitionsvertrag fixieren lassen. Dazu kamen heftige interne Streitigkeiten, an deren Ende  Parteichef Westerwelle abgesägt wurde, unter Mithilfe des heutigen Spitzendkandidaten Christian Lindner.

Vorbei. „Wir haben die Niederlage aufgearbeitet“, sagt Marcel Distl im Freiberger Bistro „Papillon“ auf dem Marktplatz. Er wäre mit acht Prozent der Erststimmen sehr zufrieden. „Vor allem der CDU würde ich gern die ein oder andere Stimme wegnehmen“, sagt Distl und häutet sorgfältig eine der beiden Weißwürste seines „Bayerischen Frühstücks“. Statt Weizenbier gibt es eine große Tasse Kaffee. Distl spricht vom Titelverteidiger Eberhard Gienger, der für die CDU seit 2002 das Direktmandat im Wahlkreis Neckar-Zaber hält.

Für den Fall, dass er es nicht schafft, Gienger das Direktmandat abzuluchsen, wird er weiter studieren. Eben hat er seinen Bachelor in Sozialwissenschaften an der Uni Würzburg in der Tasche, in der Abschlussarbeit untersuchte er in einem nicht unkomplizierten statistischen Messverfahren, warum die Franzosen die Rechtsaußenpartei „Front National“ wählten. Der Hauptgrund: Sie fühlen sich abgehängt.

Als Sozialliberaler will sich Distl nicht bezeichnen lassen. „Was ist schon ,sozialliberal’“, antwortet er mit einer Frage. „Ein bisschen Umverteilung“ müsse ja sein, setzt Distl nach, es komme halt aufs richtige Maß an. Es klingt wie: Hauptsache, nicht allzu viel.

„Ich habe mich schon immer als liberal eingestuft“, sagt er über seinen politischen Werdegang.  Im Studium musste er irgendwo ein Praktikum machen, er kam zur Landtagsfraktion der FDP. „Ich war begeistert, den Rückbesinnungsprozess der Partei zu erleben“, sagt Distl, der im lässigen T-Shirt und in kurzen Hosen dasitzt.  Er sagt: „Wir sind jetzt breiter aufgestellt. Vor vier Jahren hatten wir auch die falschen Themen im Vordergrund.“ Nicht mehr nur die reinen marktwirtschaftlichen Themen stünden jetzt wieder in eben jenem Vordergrund, sondern, so sieht das Distl, auch die liberalen gesellschaftspolitischen Themen, etwa die Frage nach den Bürgerrechten im digitalen (Überwachungs-)Zeitalter.

Doch mit wem soll die FDP ihre Ziele angehen? Distl ist erkennbar zwiegespalten. Wirtschaftspolitsch: mit der CDU, klar. „Ich bin aber niemand, der eine Ampelkoalition mit der SPD und den Grünen ausschließen würde.“ Distls Problem: „Gesellschaftspolitisch ist mit der CDU nix zu machen.“ Als erstes Beispiel nennt er die Homo-Ehe: „Ich finde, es ist ein Unding, sich heutzutage in dieser Frage zu verweigern“, sagt Distl und lässt die Hand auf den Tisch sausen. Etwa drei Viertel der CDU-Abgeordneten hatten im Bundestag Ende Juni dagegen gestimmt, darunter auch Distls Konkurrent im Wahlkreis Neckar-Zaber, Eberhard Gienger.

Für Legalisierung von Cannabis

Ein weiteres Beispiel, das Distl für gesellschaftspolitische Differenzen mit der Union nennt, ist die Legalisierung von Cannabis. „Mich sprechen viele junge Leute an, warum das noch nicht legal ist. Ich halte es auch für ein Problem, dass sich Patienten, die Cannabis aus medizinischen Gründen nehmen, noch immer von den Behörden schikaniert werden.“ Oft wird bei Patienten sehr genau geschaut, woher sie den Stoff haben. Was Fakt ist: Es gibt noch Versorgungsengpässe für Patienten, die legal konsumieren dürfen. Oft beschaffen sie sich das medizinische Cannabis, das in vielen Fällen weit weniger Nebenwirkungen aufweist als die chemischen Alternativen, auf illegalem Wege. Eine Frage an den Kandidaten, der Vollständigkeit halber: Schonmal gekifft? „Nein“, sagt er. Muss er ja auch sagen, oder? „Ja“, sagt er. Lächeln.

Auch beim Thema Flüchtlinge zeigt sich Distl liberal, selbst bei abgelehnten Asylanträgen: „Wenn Gedultete sich gut integriert haben, ist es okay, wenn sie bleiben. Wenn jemand seinen Lebensunterhalt in Deutschland selbst verdient, warum sollte man ihn dann abschieben?“ Gemäß den Vorschlägen seiner Partei pocht er auf ein Einwanderungsgesetz, das an die Seite des Asyl-Gesetzes treten soll: Es muss für Menschen, die sich hier ihre Zukunft aufbauen wollen, andere Möglichkeiten geben als das Asyl.“ Das Asylrecht lässt einen Aufenthalt in strengerer Auslegung nur zu, wenn in der Heimat Gefahr für die Asylbewerber droht.

Was ist Ihr wichtigstes bundespolitisches Ziel? Das ist die Vorantreibung der Digitalisierung.

Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen? Durch flächendeckenden Breitbandausbau, auch ist es mir wichtig, dass bei digitalen Themen  junge Leute an Entscheidungen mitwirken können.

Zwei weitere bundespolitische Themen, die Ihnen wichtig sind? Bildung: Der Bund muss mehr in Schulen investieren, es gibt immense Unterschiede in den 16 verschiedenen Bildungssystemen, hier muss der Bund sich für weniger Konkurrenzdenken einsetzen. Das Kooperationsverbot in der Bildung muss abgeschafft werden. Der Bund muss außerdem in die Lehrerausbildung investieren, auch hier müssen die Abschlüsse angeglichen werden. Es müssen Anreize für die Lehrerausbildung geschaffen werden. Keine Schule darf bevorzugt werden. Mein zweites zentrales bundespolitisches Ziel ist die Stärkung der EU: Das EU-Parlament braucht mehr Kompetenzen. Auch muss das Vetorecht der einzelnen Nationalstaaten eingeschränkt werden, es sollte EU-weite Kandidatenlisten geben. Die Kriterien für einen EU-Beitritt müssen schärfer sein, die Nichteinhaltung von EU-Vorgaben muss bestraft werden, wie etwa bei Polen. Die Beitrittsgespräche mit der Türkei sollten abgebrochen werden. sz

Alter: 24

Wohnort: Freiberg

Beruf: Studium der Politikwissenschaft und Soziologie, derzeit Referent für den Landtagsabgeordneten der FDP, Nico Weinmann, bei der FDP-Fraktion

Hobby: Fahrradfahren

Lieblingsfilm: Pulp Fiction

Lieblingsbuch: Harry Potter

Lieblingsmusik: Hip-Hop, Techno

www.marcel-distl.de

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