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Mit dem Goldschmuck auf die letzte Reise

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  • Goldblattkreuze, wie sie den frühen Christen mit ins Grab gegeben wurden.  Foto: Alamannenmuseum Ellwangen 1/2
    Goldblattkreuze, wie sie den frühen Christen mit ins Grab gegeben wurden. Foto: Alamannenmuseum Ellwangen Foto: 
  • Eine Goldscheibenfibel mit christlicher Symbolik aus der Mitte des 7. Jahrhunderts in Beihingen. Zu sehen in der Ausstellung „Schicksalsfunde“ im Keltenmuseum in Hochdorf. Foto: Richard Dannenmann 2/2
    Eine Goldscheibenfibel mit christlicher Symbolik aus der Mitte des 7. Jahrhunderts in Beihingen. Zu sehen in der Ausstellung „Schicksalsfunde“ im Keltenmuseum in Hochdorf. Foto: Richard Dannenmann Foto: 
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Irgendwann im 8. Jahrhundert durchwühlte ein Grabräuber das Grab des Kindes einer fränkischen Adelsfamilie in Freiberg-Beihingen, dort wo sich heute das Baugebiet „Gänsweidle“ befindet. Dabei fiel ihm eine wertvolle Goldscheibenfibel im Durchmesser von 6,5 Zentimetern in die Hände. Doch der Dieb zuckte bei ihrem Anblick zusammen – und legte sie wieder zurück ins Grab. Dort wurde sie Anfang der 90er-Jahre bei Bauarbeiten entdeckt.

Der Archäologe Dr. Ingo Stork, der damals die Grabungsleitung hatte, hat diesen Ablauf rekonstruiert, weil das Grab ansonsten beraubt war und die Fibel, die als Kleidungsverschluss getragen wurde, einen halben Meter entfernt von der Toten lag. Als Grund, dass der Grabräuber das wertvolle Objekt wieder zurücklegte, sieht Stork in dessen christlicher Ornamentik. Heute ist die Fibel in der Sonderausstellung „Schicksalsfunde – Fundschicksale“ im Keltenmusuem in Hochdorf zu sehen. Das Objekt ziert ein Dreieckssymbol, das die christliche Dreifaltigkeit darstellen soll. Der Räuber sei Christ gewesen und habe um sein Seelenheil gefürchtet, vermutet Stork im Beiheft zur Sonderausstellung.

Die Fibel in Beihingen ist ein frühes Zeugnis für die Ausbreitung des Christentums in der Region. Dass damals überhaupt noch Grabbeigaben üblich waren, zeigt, dass der alte Glaube, wonach die Toten für das Jenseits in ihrer kompletten Tracht mit allen Accessoires wie Messern, Waffen und Schmuck bestattet wurden, noch lebendig war. Man fuhr also gewissermaßen zweigleisig.

Bäume und Flüsse verehrt

Fest steht, dass die Alamannen, die ab 260 nach Christus nach dem Abzug der Römer in den Südwesten kamen, Heiden waren. Auch unter ihren Vorgängern, den Römern im „Ländle“, gab es wahrscheinlich keine Christen. Die freie Religionswahl wurde im Römischen Reich erst 313 gestattet. Die Alamannen (oder Sueben) glaubten an Götter wie Wodan und Donar. Und zwar ziemlich lang und ziemlich hartnäckig. Die Wissenschaft geht davon aus, dass es die Franken waren, die sie davon abbrachten. Die besiegten um 500 unter ihrem König Chlodwig die Alamannen. Danach ließ sich Chlodwig mit seiner Gefolg­schaft an Weihnachten taufen – das genaue Jahr ist unsicher. Die Franken rissen sich die nördlichen Gebiete der Alamannen unter den Nagel – im Kreis Ludwigsburg war es das Land nördlich des Aspergs. Dort wanderten fränkische Familien ein. Später brachten sie ganz Alamannien unter ihre Herrschaft, 746 verloren die Alamannen nach einem Massaker bei Cannstatt auch noch ihren Herzog und ihre Führungsschicht.

Unter fränkischer Ägide wurde mithilfe von Bischöfen, Klöstern und Missionaren die Christianisierung vorangetrieben. Allerdings ging das nur schleppend. Ein byzantinischer Geschichtsschreiber beobachtete noch Mitte des 6. Jahrhunderts, dass Alamannen, die im fränkischen Heer in Italien mitkämpften, „irgendwelche Bäume und Flüsse, Hügel und Schluchten wie Götter“ verehrten und ihnen Tiere opferten. Er hoffte aber auf den fränkischen Einfluss.

Der zeigte sich in einer Zunahme von christlichen Grabbeigaben. Während die Beihinger Goldscheibenfibel im fränkischen Rheinland angefertigt worden war, verbreiteten sich sogenannte Goldblattkreuze, die bei den Alamannen sehr beliebt waren, von Süden aus. In Freiberg-Geisingen wurde in den 80er-Jahren ein Grab eines Adeligen aus dem 7. Jahrhundert entdeckt, dem neben den traditionellen Beigaben wie Schild, Schwert und Lanze auch ein rund acht Zentimeter langes Goldblattkreuz auf dem Weg ins Jenseits mitgegeben wurde. Die Kreuze wurden nur für die Bestattung angefertigt. Dünne Goldblechstreifen wurden auf  Tücher genäht und den Toten übers Gesicht gebreitet.

Man geht davon aus, dass Ende des 8. Jahrhunderts die Alamannen weitgehend christlich waren. Die heidnische Grabausstattung verschwand allmählich, es entstanden nun  Ortsfriedhöfe um die neu gegründeten Ortskirchen herum. Die älteste nachweisbare Kirche im Kreis Ludwigsburg befand sich laut Ingo Stork in Kornwestheim (damals nur West­heim). Grabungen haben ergeben, dass der Vorgängerbau der heutigen Martinskirche um 630/40 gebaut wurde. Viel Staat war mit ihr noch nicht zu machen: Sie war knapp zehn Meter lang, 4,50 Meter breit und aus Holz. Besitzer war wohl der örtliche Adel. Nach dem „Cannstatter Blutgericht“ im 8. Jahrhundert machten die neuen Herren indes kurzen Prozess: Sie brannten das Kirchlein ab und bauten darüber eine doppolt so große Kirche aus Stein. Ziel war es, die Erinnerung an die Kirchengründer zu tilgen, was ihnen dank der Archäologie aber nicht gelang, so Stork.

Info Die Sonderausstellung „Schicksalsfunde – Fundschicksale“ im Keltenmuseum in Hochdorf, in der unter anderem auch frühchristliche Exponate gezeigt werden, ist noch bis 7. Mai zu sehen.

www.keltenmuseum.de

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