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Lehrermarkt ist leergefegt

Die Lehrerversorgung zählt zu den klassischen Themen der Landespolitik, die Debatte darüber ist aber dieses Jahr stark von der Flüchtlingskrise überlagert. Die BZ wollte wissen, wie es aktuell im Landkreis Ludwigsburg aussieht. Einige Beispiele.

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Es gibt zu wenig Lehrer, die man einstellen könnte, deswegen kommt es zu Unterrichtsausfall. Selbst pensionierte Lehrer, wie hier in einem Nachhilfeunterricht, sind Mangelware.  Foto: 

Stefan Ranzinger, Leiter des Beruflichen Schulzentrums (BSZ) in Bietigheim-Bissingen, kann über die Unterrichtsversorgung nicht klagen. "Wir sind gut aufgestellt", sagt Ranzinger, der dafür aber nicht unbedingt die grün-rote Schulpolitik verantwortlich macht. Im Gegenteil: Die Unterrichtsausfallquote sei zwar rein rechnerisch auch im Beruflichen Schulzentrum zurückgegangen. Allerdings sei dies auch Folge von restriktiven Maßnahmen, die in den Erfolgsmeldungen über die Lehrerversorgung nicht auftauschten. So seien die Kleinklassen einkassiert und die sogenannten Verfügungsstunden gekürzt worden - am BSZ von 30 auf 20 Stunden. Diese sogenannten Pool-Stunden stehen Lehrkräften für besondere Aufgaben, etwa zur Qualitätsentwicklung, zur Verfügung. Hinzu komme, dass das BSZ 14 Lehrkräfte verliere, die in den Ruhestand gingen. Bisher sei noch nicht ausgemacht, ob und wan diese Stellen in vollem Umfang wieder besetzt werden könnten, so Ranzinger. Das BSZ beschäftigt derzeit 138 Lehrkräfte - mehr als vor fünf Jahren, was laut Ranzinger aber vor allem mit der Angebotserweiterung zu tun habe.

Im Schuljahr 2014/2015, so sagt Isolde Steigelmann, Rektorin der Gemeinschaftsschule im Sand in Bietigheim-Bissingen, sei ihre Schule "total unterversorgt" mit Lehrern gewesen. "In 21 Jahren als Lehrerin und Rektorin habe ich so eine katastrophale Unterversorgung noch nicht erlebt", sagt sie. Sechs Lehrer zu wenig, viele Krankheitsfälle sorgten dafür, dass über 100 Lehrerstunden pro Woche ausfallen mussten. Ein unhaltbarer Zustand, so die Elternschaft der Sandschule, die einen erbosten Brief an Minister Andreas Stoch schrieb, der auch reagierte: Zu Beginn des Schuljahres 2015/2016 startete die Schule, so Steigelmann, mit fünf neuen Lehrerstellen und somit einer 100-prozentigen Lehrerversorgung. Doch schon am ersten Schultag wurden zwei Lehrer wieder abgezogen, sie mussten an anderen Schulen Vertretungen übernehmen. Seit den Herbstferien sind sie wieder da und die Rektorin kann "im Vergleich zu anderen Schulen nicht meckern", aber: Fallen einer oder sogar zwei Lehrer aus, hat sie ein Problem, es gibt keine Notlösung, der Unterricht muss ausfallen. "Eine 103- oder 104-prozentige Lehrerbesetzung wäre optimal, vor allem bei einer Ganztagsschule", denn: "Ich kann Grundschüler im Ganztag nicht einfach nach Hause schicken, ihre Betreuung muss gesichert sein", sagt Steigelmann, die auch schon mal, so erzählt sie, aus Lehrermangel 100 Schüler zusammen in der Sporthalle betreuen ließ. Sie weiß, dass es vor allem an Inklusionslehrern und Sprachlehrern mangelt. "Wir haben Glück, wir haben für unsere drei Inklusionsklassen drei Sonderschullehrer, andere Schulen nicht", weiß sie. Grund sei, "dass der Markt an Lehrern abgegrast" sei. Es gäbe schlicht und ergreifend keine Lehrer, die man einstellen könne. Pensionierte Lehrer, die die Schulleiter bisher bis zu 70 Wochenstunden einstellen konnten, sind nicht mehr verfügbar, weil sie Sprachunterricht für Flüchtlinge geben. Andere Bundesländer, so Steigelmann, würden "agressiv" um Lehrer werben, "Baden-Württemberg hat dies verschlafen und so gehen viele Lehrer in andere Länder", so Isolde Steigelmanns Meinung. Ihre Prognose: Es wird noch schlimmer, der Engpass in der Lehrerunterversorgung extrem, da die Zahl der Flüchtlingskinder steigt und auch die der inklusiv unterrichteten Kinder. Außerdem, so weiß sie, wäre der Lehrerberuf heute trotz Beamtenstatus für viele jungen Menschen unattraktiv. "Im Lehramtsstudium und im Referendariat kommt es zu ungewöhnlich vielen Abbrüchen", hat sie beobachtet.

"Wir spüren es, dass die Wartelisten leer sind", sagt Mirko Samietz, Schulleiter der Sophie-La-Roche-Realschule in Bönnigheim. Man sei, so Samietz, gut gestartet ins Schuljahr 2015/2016. "Mit 100 Prozent ausreichend versorgt", bezeichnet dies der Realschulrektor. Ausfälle des ursprünglich 42 Lehrer zählenden Kollegiums, etwa durch Krankheit oder Schwangerschaft, konnten im Laufe des Schuljahres "nicht ganz aufgefangen werden", so der Schulleiter, ohne direkt Zahlen nennen zu können. Bedarf habe man immer, dennoch könnten die AG's, die von externen Praktikern betreut werden, und die schulischen Schwerpunkte - "durch das persönliche Engagement des Kollegiums" - geleistet werden. Samietz lobt die Zusammenarbeit mit dem Schulamt, dass die Realschule "im Rahmen seiner Möglichkeit unterstützt". Wenn die Referendare nach Abschluss des Studiums zum Schuljahresbeginn keine Zusage hätten, dann würden sie sich eben anderweitig orientieren, deshalb seien eben die Wartelisten danach leer.

Wenig Grund zur Klage hat Jörg Weisser, Rektor des Christoph-Schrempf-Gymnasiums in Besigheim. Die Schule sei "voll versorgt" mit Lehrern, die Planstellen besetzt. Langfristige absehbare Ausfälle, beispielsweise wegen Schwangerschaften, konnten aufgefangen werden, indem Kollegen ihr Deputat aufstockten. Das heißt aber nicht, dass kein Unterricht ausgefallen wäre. Wenn Lehrer zur Fortbildung müssen oder geschult werden oder wenn sie erkrankten, fehle es an Ersatz.

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Kommentare

22.04.2016 16:25 Uhr

Lehrermangel???

Liebe Leute,

einen Artikel zu schreiben mit dem Titel 'Lehrermarkt ist leergefegt' und dann vier Schulen vorstellen, die genug Lehrer haben!?

Ich bin fertiger Studienreferendar und in der glücklichen Lage einen Job bekommen zu haben. Viel zu viele meiner Kollegen sind arbeitslos. Es mag sein, dass Fächer wie Physik,... Mangelware sind, aber so eine generelle Behauptung wie 'Lehrermarkt ist leergefegt' ist wirklich nicht produktiv.
Das führt nur dazu, dass die Leute haufenweise Fächer wie Deutsch, Spanisch,... studieren und nacher ohne Arbeit dastehen.

Also bitte etwas mehr differenzieren!

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