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Interview mit Dieter Hallmann: Windrad läuft seit einem Jahr rund

Für Dieter Hallmann, Vorsitzender der Energiegenossenschaft Ingersheim, ist das Windrad ein weit sichtbares Symbol für die Energiewende. Andere Menschen sollen damit ermutigt werden, neue Projekte im Energiebereich anzustoßen.

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    Vor einem Jahr wurde das Ingersheimer Windrad unter großer Anteilnahme der Bevölkerung offiziell eingeweiht. Foto: 
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    Start frei: Zur Inbetriebnahme kam auch Umweltminister Franz Untersteller (Vierter von rechts) zum Ingersheimer Windrad. Foto: 
  • Dieter Hallmann: "Die energetische Amortisation haben wir schon erreicht." 3/3
    Dieter Hallmann: "Die energetische Amortisation haben wir schon erreicht." Foto: 
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Vor einem Jahr ging das Windrad in Ingersheim offiziell in den Betrieb. Am Anfang bekämpft, gehört die rund 140 Meter hohe Anlage inzwischen zum Landschaftsbild. Die energetische Amortisation der Anlage wurde bereits erreicht, sprich, der Betreiber, die Energiegenossenschaft Ingersheim, konnte im ersten Betriebsjahr mehr Energie produzieren, als für den kompletten Bau der Anlage erforderlich war. Nach zwei Jahren wäre der richtige Zeitpunkt, um über weitere Anlagen zu beraten, so Dieter Hallmann, Vorstand der Energiegenossenschaft, im BZ-Interview.

Was hat sich für Sie in diesem einen Jahr Windrad-Betrieb am stärksten verändert?

DIETER HALLMANN: Große Anerkennung und Akzeptanz für unser Windradprojekt ist die wichtigste Veränderung, die ich wahrgenommen habe. Und ich habe nicht damit gerechnet, dass nach der sehr intensiven Planungs- und Bauphase das Interesse an unserem Windkraftprojekt weiterhin derart groß ist. In der Zwischenzeit, hat sich das Ingersheimer Windrad zu einem der Vorzeigeprojekte für viele andere Initiativen entwickelt. Die Menschen im Ort identifizieren sich inzwischen mit "ihrem" Windrad, auch wenn sie nicht daran beteiligt sind. Wir erhalten sehr viele Anfragen zu Führungen und Einladungen zu Informationsveranstaltungen. Inzwischen haben über 3.000 Besucher seit der Inbetriebnahme vor rund einem Jahr das Windrad bei unseren Führungen besichtigt. Bei diesen vielen Windradführungen, Vorträgen und anderen Veranstaltungen haben wir ein durchweg positives Feedback für unser Genossenschaftsprojekt erhalten.

Was lässt sich nach einem Jahr über die Wirtschaftlichkeit sagen?

HALLMANN: Die ersten Erträge nach einem unterdurchschnittlichen Windjahr in 2012 liegen im Bereich der Prognosen und unserer Erwartungen, was uns sehr zuversichtlich für die kommenden Jahre macht. Bis jetzt hat die Anlage bereits 3,55 Millionen kWh sauberen Strom produziert. Eine verlässliche Aussage zur Wirtschaftlichkeit ist jedoch frühestens nach einem Betrieb von rund zwei bis drei Jahren möglich. Die energetische Amortisation der Anlage haben wir schon erreicht, dass heißt, wir konnten bereits mehr Energie produzieren, als für den kompletten Bau der Anlage erforderlich war.

Lohnt es sich, in Bezug auf die Rendite, Mitglied in der Energiegenossenschaft Ingersheim zu sein?

HALLMANN: Die Motivation unserer Mitglieder zielt nicht nur auf die Rendite des Projekts ab. Aus einer Studie der Uni Siegen, die eine wissenschaftliche Mitgliederbefragung durchgeführt hat, wissen wir, dass es für unsere Mitglieder eine wesentliche Motivation war, selbst an einem Projekt für erneuerbare Energien beteiligt zu sein und damit einen Beitrag zur Energiewende vor Ort zu leisten. Dennoch ist es für uns wichtig, dass wir mit einem ökologischen Projekt auch wirtschaftlich erfolgreich sind und unsere Mitglieder langfristig mit soliden Erträgen rechnen können. Das zeigt sich schon daran, dass bereits nach knapp acht Monaten Betrieb ein Gewinn erzielt werden konnte und die ersten planmäßigen Rückzahlungen der Mitgliedsanteile getätigt wurden. Darüber hinaus haben wir einen nicht unerheblichen Gewerbesteuerbetrag in Höhe von mehreren Tausend Euro an die Kommune gezahlt. Und gewerbesteuerpflichtig ist nur, wer Gewinn macht.

Aber gibt es, vor allem in Ingersheim, in Bezug auf das Windrad nicht ein Akzeptanzproblem? Kritiker bemängeln, hier sei nicht der richtige Ort dafür.

HALLMANN: Die zügige und geeignete Standortauswahl sowie die Akzeptanz von Windrädern sind für die erfolgreiche Energiewende in Baden-Württemberg wesentliche Erfolgsfaktoren. Es müssen Kompromisse eingegangen werden. Die Argumentation "Wir sind für erneuerbare Energien, aber nicht hier", ist meiner Meinung nach oftmals nichts anderes als verklausulierte Verhinderungsargumentation.

Was tun Sie dagegen?

HALLMANN: Mit unserem Genossenschaftsmodell und den umfangreichen Informationen vor Ort von Beginn an und während der Bauzeit an der Imbissbude konnten wir viele Menschen erreichen und von der Sinnhaftigkeit des Projektes überzeugen. Wir haben von Anfang an auf eine objektive Information gesetzt, damit die Menschen sich ihre eigene Meinung bilden konnten.

Es gab und gibt aber immer noch Kritik?

HALLMANN: Von den im Vorfeld geäußerten Befürchtungen wie Immobilienwertverlust, Krach, unerträglichem Schattenschlag, Todesfalle für Roten Milan und Fledermäuse oder Infraschall hat sich nichts bestätigt. Sogar manche kritisch eingestellten Bürger sind inzwischen zu Befürwortern des Projektes geworden und stehen hinter dem Windrad. Wie bei jedem größeren Projekt mit einer spürbaren und wahrnehmbaren Veränderung wird es immer ablehnende Stimmen geben. In Ingersheim handelt es sich aus unserer Sicht jedoch nur um wenige Einzelstimmen. Das Windrad ist inzwischen für viele Menschen zum weithin sichtbaren Symbol für eine Energiewende in Bürgerhand geworden - darauf sind unsere Mitglieder und viele Menschen in Ingersheim stolz.

Machen Windkraftanlagen Krach, wie von vielen behauptet?

HALLMANN: Die pauschale Aussage, dass Windkraftanlagen "Krach" machen, kann man so nicht stehen lassen. Die Geräusche, und das sind vornehmlich die Strömungsgeräusche, die bei Windrädern entstehen können, sind jeweils von der Art, Anzahl der Anlagen und des Anlagentyp, aber auch von den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten abhängig. Diese können in Einzelfällen auch zu Belastungen führen. In Ingersheim ist dies jedoch keineswegs der Fall. Jedes vorbeifahrende Auto, Flugzeuge, landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge oder je nach Windrichtung auch die Autobahn verursachen deutlich größere Geräusche als das Windrad. Dies bestätigen uns regelmäßig die vielen Besucher, darüber hinaus wurde eine gutachterliche Geräuschmessung durchgeführt, die bei Volllast die entstehenden Geräusche durch die Windkraftanlage ermittelt hat. Diese Ergebnisse werden derzeit durch die Genehmigungsbehörde geprüft. Wir haben keine Bedenken - die Anlage wird nur innerhalb der zulässigen Grenzwerte betrieben, und diese sind niedrig angesetzt.

Zur Kernenergie gibt es ja unterschiedliche Ausstiegsszenarien, 2015, 2017, 2020. Was kann die Windenergie bis 2020 leisten?

HALLMANN: Wir haben uns für ein lokales Projekt entschieden, um hier vor Ort einen Weg aufzuzeigen, wie verbrauchernah ökologisch und ökonomisch sinnvoll Strom erzeugt werden kann. Die Windkraft ist ein wichtiger Bestandteil, aber nicht der einzige, auf dem noch langen vor uns liegenden Weg hin zu erneuerbaren Energien.

Heißt der Ausstieg aus der Kernenergie auch mehr Windräder?

HALLMANN: Ganz eindeutig. Das größte Ausbaupotenzial für erneuerbare Energien in Baden-Württemberg liegt derzeit in der Nutzung der Windkraft. Wir sind aber der Überzeugung, dass der Weg zu einer nachhaltigen Energieerzeugung alle erneuerbaren Ressourcen mobilisieren muss. Dezentralität, Energieeffizienz, intelligente Netze sind ebenso wesentliche Bestandteile, die in einer länderübergreifenden Energiekonzeption vorkommen müssen. Vor zehn Jahren ging zum Beispiel keine Prognose davon aus, was heute mit bereits 15 Prozent Windstromanteil am Gesamtstrombedarf in Deutschland erreicht wurde. Baden Württemberg hat hier noch einen großen Nachholbedarf.

Welche langfristigen Ziele setzt sich die Energiegenossenschaft Ingersheim?

HALLMANN: Zunächst ist das satzungsgemäße Ziel der Energiegenossenschaft dieses eine Windkraftprojekt in Ingersheim aufzubauen und erfolgreich zu betreiben. Das ist an sich ein langfristiges Ziel. Hier gibt es noch genügend Arbeit für die Ehrenamtlichen. Nach etwa zwei Jahren Betriebserfahrung mit dem Windrad wäre der richtige Zeitpunkt, um über weitere Projekte zu beraten. Unseren momentanen Schwerpunkt neben dem Betrieb sehen wir darin, andere Menschen zu ermutigen, Projekte im Energiebereich anzustoßen. Als erstes Bürgerwindrad in Baden-Württemberg haben wir Pionierarbeit geleistet und möchten unser Wissen und unsere Erfahrungen an andere Initiativen weitergeben.

Wie stark schätzen Sie die "Kraft von unten" wirklich ein? Für viele ist der Wechsel zu einem Ökostromanbieter schon mühevoll, warum soll man dann Mitglied in einer Energiegenossenschaft werden?

HALLMANN: Die bewährte Idee einer Genossenschaft erlebt mit der stark wachsenden Zahl von Energiegenossenschaften eine Renaissance. Das Genossenschaftsmodell steht wie keine andere Beteiligungsform für demokratische Mitbestimmung, Bürgerbeteiligung vor Ort und Nachhaltigkeit. Aus unserer Erfahrung können wir sagen, dass es kein großes Problem war, genügend Mitglieder für ein solches Projekt zu gewinnen. Wir gehen deshalb davon aus, dass es an vielen anderen Orten möglich sein wird, große Projekte anzugehen. Die Bürger vor Ort wollen es nicht mehr den Energiekonzernen alleine überlassen, sondern möchten sich selbst über Genossenschaftsmodelle an der Energiewende beteiligen.

Ist der Trend zur grünen Energie also unumkehrbar?

HALLMANN: Die fossilen Ressourcen sind begrenzt, die Risiken der Kernkrafttechnologie nicht beherrschbar und deshalb mehrheitlich nicht mehr gewollt. Es bleibt lediglich die Frage, ob es uns gelingen wird, die Energiewende schnell genug voranzutreiben, um unser Land unabhängig von den zu Ende gehenden Ressourcen zu machen. Auf der anderen Seite bietet sich die einmalige Chance, die Energiewende erfolgreich und nachhaltig voranzutreiben und damit auch wirtschaftlich davon zu profitieren. Das Ingersheimer Windrad ist ein gutes Beispiel dafür.

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Kommentare

11.06.2013 12:10 Uhr

Ein Jahr ist ja so lang

Was bedeutet es in Ingersheim eigentlich, wenn man von „vor einem Jahr“ spricht ? Wann begann dieses Jahr, am 14 April, 6. Mai oder erst am 11. Juni 2012 und wann wird es enden ?

Daher sollte doch erwähnt werden, dass die angegebenen 3,55 Mio. Kilowattstunden nicht in einem Jahr, sondern in knapp 14 Monaten (Tag der ersten Einspeisung ins Netz) erreicht wurden. Die anvisierten 3,9 – 4,1 Mio. Kilowattstunden sind also erst einmal in weite Ferne gerückt.

Handelt es sich bei der Gewerbesteuerzahlung vielleicht nur um die ersten Vorauszahlungen aus 2011 oder 2012, ausgelöst z.B. durch die anfänglichen Zinserträge der Einlage bei der Bank ? Die Zukunft wird zeigen, was man sich bei der Energiegenossenschaft so unter einem Gewinn vorstellt.

Wer die Zusammensetzung der EG-Mitglieder nach Herkunftsort kennt, hat nicht den Eindruck, dass das Einsammeln der Geldeinlagen ein Spaziergang war. Wenn das alle so toll gefunden hätten, würden die Beteiligten zu mindestens 80-90 Prozent aus Ingersheim und Pleidelsheim kommen. Das war anfangs das Ziel der Genossenschaftsgründer. Ist nun aber leider nicht der Fall.

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