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Heimat und Hightech: Jochen Haller im BZ-Interview

Beim Neujahrsempfang der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg gibt es diesmal einen besonderen Tagesordnungspunkt: die Verabschiedung des Leitenden Geschäftsführers Jochen Haller. Im BZ-Interview blickt Haller zurück auf 36 Jahre IHK.

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Herr Haller, Sie sind ein Urgewächs der IHK in Ludwigsburg: seit 36 Jahren dabei, seit 1995 Leitender Geschäftsführer. Ende Februar gehen Sie nun in den Ruhestand. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

JOCHEN HALLER: Ich kann nur sagen: Rundum gut. Der Norden der Region Stuttgart - und nicht nur der - hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten kontinuierlich aufwärts bewegt. Wir haben eine tolle Wirtschaft, engagierte Kommunen und ein lebenswertes Umfeld. Vielleicht lässt es sich so zusammenfassen: Es ist eine gesunde Mischung auch Heimat und Hightech.

Und woran liegt das?

HALLER: Das liegt vor allem an einem gesunden Wirtschaftsmix, aus einer geglückten Verknüpfung von Industrie und Dienstleistung. Das ist ein Erfolg der Unternehmen, aber ebenso der Erfolg einer konstruktiven Verzahnung von Wirtschaft und Politik. Dazu gehört auch ganz wesentlich die IHK mit ihrer durch die Bezirkskammern tief in der Region verwurzelten Struktur.

Das hört sich nach viel Harmonie an. Aber gerade gegenüber der Politik können Sie schon sehr deutlich werden, wenn es darum geht, die Interessen der Wirtschaft zu vertreten. Da legen Sie sich auch mal lautstark mit den so engagierten Kommunalvertretern an.

HALLER: Wenn es sein muss, aber dazu muss man sich die Struktur der IHKen vor Augen führen. Die Kammern haben hoheitliche, also Pflichtaufgaben, etwa im Bereich Außenhandel, bei der Ausbildung, aber auch als Träger öffentlicher Belange. Und da gibt es den von Ihnen angesprochenen Interessensbereich. Wir müssen unsere Stimme erheben, wenn es um die Interessen unserer Mitgliedsbetriebe geht.

Dabei streiten Sie mit den Kommunen oder dem Land meist immer um die selben Themen: Gewerbeansiedlung und Verkehr

HALLER: ...und nicht zu vergessen Steuern. Bei Gewerbesteuererhöhungen scheuen wir uns nicht, uns offen mit den jeweils politisch Verantwortlichen auseinanderzusetzen. Tatsächlich sind das die klassischen Themen, die uns immer wieder und schon seit Jahrzehnten beschäftigen. Aber es kommen auch neue hinzu, etwa Themen der Energie- oder Breitbandversorgung.

Nicht immer haben Sie dabei Erfolg: Eine Gewerbesteuererhöhung in Ludwigsburg konnten Sie trotz massivem Protest nicht verhindern. Und auch bei der Ausweisung von Gewerbegebieten gab und gibt es aus Sicht der Wirtschaft Rückschläge.

HALLER: Man darf nicht vergessen, wir sind keine politischen Entscheider. Wir bilden Meinungen und führen das Gespräch, mahnen und versuchen, zu überzeugen. Wir haben da schon in dem einen oder anderen Rathaus ein wenig wirtschaftliche Nachhilfe leisten können. Wer soll es denn auch sonst machen, wenn nicht wir? Dass das große regionale Gewerbegebiet an der A 81 am Widerstand Pleidelsheims gescheitert ist, war in der Tat ein Rückschlag. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, dass die sehr vernünftigen von der Regionalplanung vorgeschlagenen Alternativstandorte für neue Gewerbegebietsflächen umgesetzt werden.

Das sieht nicht danach aus: Auch bei den Ersatzflächen regt sich Widerstand, wie etwa zuletzt in Bietigheim-Bissingen bezüglich einer Erweiterung des Gewerbegebiets Laiern. Erleben wir da nicht gerade einen Stimmungsumschwung bei den Menschen gegen einen weiteren Flächenverbrauch und die damit einhergehenden Folgen?

HALLER: Es gibt da tatsächlich eine Entwicklung, die von einer Anti-Stimmung gegen Gewerbegebiete geprägt ist. Viele Menschen, auch Entscheidungsträger, haben sich ganz offensichtlich an ihren Wohlstand gewöhnt und dabei vergessen, dass dieser Wohlstand auch mit Verkehr, Flächenverbrauch und mitunter Lärm verbunden ist. Ich beobachte die Entwicklung mit großer Sorge. Und ich halte es für grob fahrlässig, wenn wir es in unserer Region nicht schaffen sollten, dringend benötigte und vorhandene Möglichkeiten zur Aus- und Ansiedlung von Unternehmen zu schaffen.

Ist dieser Paradigmenwechsel vielleicht nicht auch Ausdruck von Versäumnissen der Vergangenheit, etwa in der Verkehrspolitik?

HALLER: Ganz sicher sogar. In der Verkehrspolitik formulieren wir seit Jahrzehnten unsere Forderungen, aber mal ehrlich: Auf den Straßen in der Region ist in den zurückliegenden 40 Jahren - außer ein paar Ortsumgehungen - doch nicht viel passiert. Den Ausbau der A 81 fordern wir, solange ich denken kann. Und selbst bis zur Umsetzung einer Minimallösung mit Nutzung des Standstreifens vergehen Jahre.

Grün-Rot im Land hat Ihnen das Leben nicht wirklich leichter gemacht.

HALLER: Das kann man so nicht sagen. Es gab vor fünf Jahren natürlich erhebliche Befürchtungen, dass mit dem Regierungswechsel verkehrspolitische Ziele auf den Straßen nicht mehr durchzusetzen sind. Inzwischen fällt nach einer IHK-Erhebung die verkehrspolitische Bilanz der Landesregierung so schlecht gar nicht aus, da wurden Lob und Tadel verteilt, Forderungen der Kammer aufgenommen und viele Projekte angeschoben.

Ein neues Phänomen in der IHK ist die Kaktusinitiative, die lautstark an den inneren Strukturen der Kammer rüttelt. Haben diese Kritiker die IHK bereits verändert?

HALLER: Die Kakteen sind 2012 mit dem Anspruch angetreten, die gesetzliche Mitgliedschaft in der IHK abzuschaffen und im Zuge der Diskussion um Stuttgart 21 eine Entpolitisierung der Kammer zu erreichen. Ich kann nicht beobachten, dass die Kammer unter dem Einfluss der Kaktusinitiative sprachlos geworden wäre, schon gar nicht stellt sich die Kammer selbst in Frage. Warum auch? Über wirtschaftspolitische Positionen wird demokratisch abgestimmt, das muss man dann aber auch akzeptieren. Im Übrigen sind die Kakteen Gremienmitglieder wie alle anderen auch, und berechtigter Kritik stellen wir uns.

Blicken wir in die Zukunft: Neben den bereits angesprochenen Themen werden der Fachkräftemangel und die Ausbildungssituation ebenfalls beherrschende Themen bleiben.

HALLER: Wenn nicht sogar ganz entscheidende Themen. Der IHK kommt dabei eine ganz wichtige Rolle zu, die sie ja auch jetzt schon einnimmt. Dabei geht es beispielsweise angesichts eines zunehmenden Drangs zur Akademisierung um ein vernünftiges Verhältnis zwischen dual ausgebildeten Fachkräften und Hochschulabsolventen. Unsere Wirtschaft braucht beide Gruppen, muss aber auch dafür sorgen, dass die Abgrenzung von dualer und akademischer Ausbildung aufgeweicht wird, dass passgenaue Qualifizierungsangebote geschaffen werden und Studienabbrecher eine Perspektive erhalten. All das passiert bereits und wird weiter eine wichtige Aufgabe bleiben. Hinzu kommen Aufgaben bezüglich der Integration von Migranten und Flüchtlingen, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder der Beschäftigung älterer Mitarbeiter.

Was macht das Besondere aus, Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg zu sein?

HALLER: Sicher der besondere Reiz einer starken Mittelstandsregion. Der Kontakt zu den Familienunternehmen, zu den mittelständischen Betrieben, deren Zuversicht und Unternehmenskultur hat mir immer am meisten Freude bereitet. Sie machen die Stärke der Region aus, sie haben durch ihre Personalpolitik und ihr vorausschauendes Handeln bewirkt, dass der Landkreis Ludwigsburg deutlich besser als andere Regionen durch die Wirtschaftskrise 2008/09 gekommen ist.

Was werden Sie vermissen?

HALLER: Das große Netzwerk, die Kontakte zu den Unternehmen, den Organisationen, aber auch den Schulen. Und natürlich die tollen Kollegen hier im Haus der Bezirkskammer.

Gibt es einen Ratschlag an Ihre Nachfolgerin?

HALLER: Nein, meine Nachfolgerin Sigrid Zimmerling benötigt keine Ratschläge. Sie bringt ausreichend Erfahrung mit und weiß, wie die IHK tickt.

Herr Haller, vielen Dank für das Gespräch.

Jochen Haller und Sigrid Zimmerling

Zur Person Jochen Haller (Jahrgang 1950) ist gelernter Jurist, verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Nach seinem Studum arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt in Böblingen, dann von 1979 an in der Rechtsabteilung der IHK Ludwigsburg in Personalunion auch für den Verband der Metallindustrie (VMI). Von 1989 bis 1995 war er Geschäftsführer der Bezirksgruppe Ludwigsburg des VMI und Leiter der IHK-Rechtsabteilung. 1995 übernahm er den Posten des Leitenden Geschäftsführers der IHK Ludwigsburg. Haller hat zahlreiche Ehrenämter inne und will sich auch im Ruhestand weiter ehrenamtlich engagieren, möglicherweise in der Flüchtlingshilfe.

Die Nachfolge Nachfolgerin von Jochen Haller, der am 30. März in den Ruhestand geht, wird die 35 Jahre alte Sigrid Zimmerling. Sie ist ebenfalls Juristin und kommt von der IHK Darmstadt. Dort ist sie bis zu ihrem Wechsel Leiterin des Geschäftsbereichs Recht und Steuern und Regionalverantwortliche für den Landkreis Darmstadt-Dieburg. Sigrid Zimmerling stammt aus Ludwigsburg, hat in Würzburg studiert und ein Aufbaustudium im Europäischen Recht absolviert.

BZ

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