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­Fieser Prinz mit Mundgeruch

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Das Scapino Ballett Rotterdam zeigte verschiedene Choreografien im Forum.  Foto: 

Verständlich ist das keineswegs, dass man modernes Ballett so zeitnah erleben kann: Noch kein halbes Jahr ist vergangen seit der Uraufführung, und schon sind mit „Love Gun“, „Prince“ und „While we can“ drei aktuelle Choreografien aus Rotterdam in Ludwigsburg zu sehen. Vor vollem Haus im Forum am Schlosspark, versteht sich.

Ed Wubbe, seit 1992 künstlerischer Direktor der innovativen Kompanie und selbst Choreograf, wurde erst im Oktober mit dem „Golden Swan“ ausgezeichnet, einem Preis, der an Personen verliehen wird, die den niederländischen Tanz signifikant bereichern. Wubbe bereichert nicht nur den niederländischen sondern den zeitgenössischen Tanz international mit seinen eigenwillig agierenden Choreografen. Dies zeigte auch das Gastspiel im Forum, allen voran ist  sicherlich „Prince“ von Martin Harriague anzuführen, eine verhaltene Parodie auf das klassische Dornröschen zu Auszügen von Tschaikowskys Musik und außerdem eine Korrektur des Traumprinzen schlechthin.

Märchen im neuen Gewand

Ein Leichtes wäre es gewesen, unterhaltsam vielleicht, wenngleich wenig originell, aus Petipas Dornröschen die 195ste Lachnummer zu bauen. Davon sah Martin Harriague zum Glück ab. Komische Momente gab es zuhauf: Der Prinz ist eben kein adretter Mann, sondern ein fieser, feister Knirps mit Mundgeruch. Das Dornröschen hingegen ein Mann, der ein Prinzessinnenkostüm aus seinem seidenen Kissen hervorzaubert, und die Trikots, Tüllteile, Körperpolster und Stehkragen von Mieke Kockelkorn sind alles andere als kleidsam.

Doch kaum hat man eine der verdrehten Tatsachen dieser Geschichte begriffen, kommt schon die nächste Ablenkung ins Bizarre, schwungvoll und so ganz und gar nicht klassisch getanzt. Auf dieser Folie jedoch konnte später ein Pas de Trois umso besser wirken in all seiner Poesie. Harriague lässt das Ganze enden im Tableau einer menschlichen Pyramide – mit dem Rücken zum Publikum. Verkehrte Welt des zeitgenössischen, im besten Sinne keinem einzelnen Stil gewidmeten Tanzes.

Wie überhaupt diese Unabhängigkeit jeglicher Schule das Markenzeichen von Wubbes Gruppe ist. Auch „Love Gun“ und „While we can“ zeigen sich liberal, offen nicht nur für sämtliche Figuren und Positionen der Tanzgeschichte, nein, auch Yogaelemente lassen sich hier entdecken, Kampfkunst und Urban Dance sowieso – absolut in sich stimmig.

In „Love Gun“ etwa finden sich die drei Figuren in transparenten Kutten plötzlich in Synchronie, wirken, als würden sie an der rechten Bühnenwand einen Gott mit erhobenen Fäusten anbeten, dann wieder zerstreuen sie sich in Einzelbewegungen, mal kräftig kreisend mit Armen und Köpfen, dann wieder wandern zwei der drei langsam die Ränder des Raums ab, als wollten sie die Zeit selbst abschreiten.

Vereinzelung im Tanz

Hauschoreograf Itamar Serussi lässt keine Berührung zwischen den beiden Frauen und dem Mann zu und gibt damit das Thema der Vereinzelung vor, um es in The Human Leagues’ Hit „Don‘t You Want me“ samt seitlich explodierender Konfettibombe enden zu lassen.

Das Scapino Ballet ist bekannt für seine theatralischen Elemente, ohne deshalb als Tanztheater durchzugehen. So auch Felix Landerers „While we can“ mit seiner Tänzer-Elf in Science-Fiction-Klamotten zu einer Musik, wie auf einem Weltraumbahnhof. In sich durchaus einheitlich und mit 25 Minuten das längste Stück des Abends, jedoch auch – auf immer noch hohem Niveau – das schwächste. Dafür gab es das Thema einfach schon zu oft: Masse und Maschine hier, der nach Liebe und Nähe dürstende Einzelne dort. Und nicht alle Tänzer sind für alle Urban Moves geschaffen. Für einen kurzen, wertvollen Moment jedoch hält das Ballettpublikum den Atem an, auch wenn dieser Erfolg eher lichttechnisch begründet ist: In all dem Trubel wandelt plötzlich eine Art Glitzerfussel diagonal durchs Bild. Das Bühnenlicht gedimmt, den Spot auf das reflektierende Lamettawesen gerichtet, scheint es, als würde der Rest der Kompanie schweben – und mit ihnen das Publikum.

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