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Ein Pfarrer über die Hochzeit: „Man sollte nicht zu lange warten“

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Michael Harr traut in der Großingersheimer Kirche. Manche, die er traut, hat er schon getauft. Seit 36 Jahren ist Harr Pfarrer in Großingersheim.  Foto: 

Seit 36 Jahren ist Michael Harr Pfarrer in Großingersheim. Manche aus dem Dorf, die er traut, hat er schon getauft. Und mit Ingersheimer Paaren, die er getraut hat, feierte er schon die Silberhochzeit (die feiert man nach 25 Jahren Ehe). Michael Harr kann also einiges dazu sagen, ob an dem Sprichwort „Jung gefreit hat nie gereut“ etwas dran ist. Ein Gespräch über den richtigen Zeitpunkt für die Hochzeit, über allzu anspruchsvolle Paare und über sehr traditionelle Moralvorstellungen.

Herr Harr, wenn Sie Paare trauen, wissen Sie dann auf Anhieb, ob es in der Ehe zwischen den beiden klappen wird?

Michael Harr: Teilweise. Ich kann schon sagen, wo die Problemstellen sein werden.

Wo sind die denn meistens?

Oft leiden die Partner unter der Vorstellung, sie müssten immer alles richtig machen. Man gibt sich ein Ja-Wort. Etwas Größeres können sich Menschen einander nicht geben.

Aber das Ziel an sich ist doch ehrbar.

In der Theorie, vielleicht. Praktisch aber ist das bedenklich. Denn der Mensch mit dem Hang zur Perfektion erwartet auch von seinem Partner, dass dieser den hohen Ansprüchen genügen kann, die man an sich selbst richtet. Da ist doch schon der Tod im Topf.

Ha, wieder ein Sprichwort!

Das ist aus der Bibel, von dort stammen übrigens sehr viele Sprichwörter, die unsere Gesellschaft kennt. Der „Tod im Topf“ stammt aus dem Alten Testament. Das bedeutet, dass man einer an sich guten Sache etwas beimischt, was sie dann verdirbt. In diesem Fall bedeutet das: Der Wunsch nach Perfektion verdirbt die Liebe. Wer immer alles perfekt machen will, und sich und anderen keine Fehler zugesteht, ist auf dem perfekten Weg in die Depression.

Sind vor allem junge Paare gefährdet?

Nein, das hat mit dem Alter nichts zu tun. Junge Paare verheirate ich sowieso kaum mehr. Heutzutage sind oft beide Partner um die 30 Jahre alt. Manche sind schon viele Jahre beieinander, manche haben mehrere Beziehungen hinter sich.

Früher konnte man sich halt nicht so ausleben, wie das heute gestattet ist.

Früher haben die Paare mir vor der Hochzeit unumwunden gesagt, dass sie keine Wohnung bekommen, wenn sie nicht heiraten. So war die Zeit. Ein Beispiel aus den 1950er-Jahren aus Stuttgart: Ein Paar musste in ein Hotel, wenn der Mann am Wochenende die Frau besuchte. Die Vermieterin der Frau hatte gesagt: „Das ist ein anständiges Haus. Ich dulde keine geschlamperten Verhältnisse.“ Dabei war das Paar schon verheiratet, der Mann war beruflich halt viel unterwegs.

Damals herrschte noch Zucht und Ordnung!

Und wie. Kennen Sie das Kranzgeld?

Nein.

Wenn eine Verlobte ihrem Verlobten den Beischlaf gewährte, und die Beziehung vor der Hochzeit auseinanderbrach, musste der Mann der Frau oder ihrer Familie etwas bezahlen, weil sie nach ihrer Entjungferung nicht mehr so leicht vermittelbar war. Der Kranz symbolisiert die Jungfräulichkeit.

Gruselig. Das klingt heutzutage nach einer Art Abnutzungsgebühr.

So zynisch klingt es tatsächlich.

Heute hat sich die Moral etwas mehr der Realität angenähert.

Richtig. Die Leute sind heute ehrlicher.

Das ist ein bisschen wie mit der kirchlichen Hochzeit. Die muss gemäß der Moral der Mehrheit heutzutage auch nicht mehr zwingend sein. Deshalb heiraten weniger Leute kirchlich.

Für viele ist die kirchliche Hochzeit die Schlagsahne auf dem Kuchen. Ich sage aber immer: Das ist das Brot, von dem wir essen. Wir bitten Gott um seinen Segen, damit er diesen Weg mit uns geht. Und mit den Ansprüchen, den viele heute an sich und ihren Partner haben, ist das doch ein guter Gedanke. Denn man kann nicht alles allein schaffen in dieser Welt. Die Grenzen des eigenen Perfektionsmus, die zeigen sich sehr bald in einer Ehe, glauben Sie mir.

Für die meisten ist es Sahne.

Es wird weniger kirchlich geheiratet als vor 30 Jahren. Aber die, die es machen, wissen warum.

Empfehlen Sie, jung zu heiraten?

Daran ist nichts verkehrt. Aber: Wenn man jung ist, ist noch mehr Gärung drin. Es gibt mehr Streit, natürlich sind die Hormone noch präsenter. Gärung ist aber noch in einer anderen Weise drin: Viele junge Menschen sind noch nicht gefestigt in der Frage, was sie mit sich und dem Leben anfangen wollen.

Viele junge Menschen wollen sich halt erst einmal ordentlich ausprobieren, das heißt auch: austoben. Sie ist mächtig, die Furcht vor dem Stich des Versäumthabens.

So sagt man. Aber ich kann Ihnen eines sagen: Manche sind, wenn sie älter sind, über manches froh, auf das sie in der Jugend verzichtet haben. Ich habe von einem verheirateten Familienvater aus Ingersheim einen schönen Spruch gehört: „Rauchen nein, Saufen in Maßen und Frauen mit Verstand.“

Sie haben bestimmt noch ein Sprichwort auf Lager, das zum Thema passt.

Klar. Aus dem Buch der Prediger: „Es ist besser, dass man zu zweit ist als allein, denn die beiden haben einen guten Lohn für ihre Mühe.“

Jetzt werden Sie aber pragmatisch. Das klingt ein bisschen nach Kosten-Nutzen-Rechnung.

Och, in den 1990er-Jahren ging es sehr oft genau darum. Damals habe ich von diesen Betriebswirtschaftlern vielsagende Fragen zur Ehe gehört, etwa: „Was genau kommt dabei für mich raus?“, und „Lohnt sich meine Investition?“.

Die haben das zugegeben?

Zum Teil, ja. Die hatten Kosten und den Nutzen der Ehe richtig durchgerechnet. Auch in emotionaler Hinsicht, etwa in dem Stil: „Ich gebe Kraft rein, ich gebe Zeit rein, was also springt da für mich raus.“

Ein Credit-Point-System der Liebe.

Wenn Sie so wollen. Konkret ging eine Rechnung so: „Wenn ich jetzt heirate und zwei oder drei Kinder bekomme, dann habe ich später zwei oder drei pubertierende Kinder, die mir auf die Nerven gehen können. Stattdessen aber könnte ich in Ruhe auf dem Sofa sitzen, wenn ich diese Kinder nicht hätte.“

Und? Bemessen an ihrer Erfahrung als Vater mit drei Töchtern, und als Pfarrer mit Brautpaaren, schreienden Taufkindern und pubertierenden Konfirmanden: Lohnt sich das?

Es lohnt sich.

Sind Brautpaare heute immer noch so betriebswirtschaftlich drauf?

Diese neoliberale Welle ist durch. Heute ist das Problem eher der Perfektionismus. Der hat, wie gesagt, auch Tücken.

Soll man nun also früh Nägel mit Köpfen machen oder sich Zeit lassen mit der Ehe?

Wovon ich abraten würde, ist, die Dinge auf die lange Bank zu schieben – man sollte nicht zu lange warten. Wenn man weiß, was man will, und wenn man weiß, wer der Mensch ist, mit dem man zusammenleben will, dann sollte man nicht erst spät Klarheit schaffen.

Warum nicht?

Das Leben ist nicht endlos. Wenn ich Klarheit habe, sollte ich den Weg gehen. Das klingt jetzt vielleicht etwas zu sehr nach Hausaufgaben, aber da fällt mir ein Sprichwort ein: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

Und besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach? Woher kann man sich sicher sein?

Wissen Sie, ich hatte während der letzten Wirtschaftskrise – das muss vor etwa zehn Jahren gewesen sein – in einem Jahr nur zwei Hochzeiten. Das ist selbst für Ingersheim wenig, und ich dachte schon, dass die Leute vielleicht gar keine Lust mehr auf kirchliche Hochzeiten haben. Und im darauffolgenden Jahr? Da waren es 15. Im kleinen Ingersheim, stellen Sie sich das mal vor.

Das bedeutet?

Mehrere dieser Heiratswilligen sagten zu mir: „Wir wollten eigentlich heiraten, aber dann kam die Wirtschaftskrise. Und da merkte ich erst recht: Das ist der Mensch, mit dem ich das Leben angehe.“ Die haben sich einfach entschieden. Der Punkt ist doch: Wenn ich mir immer neue Optionen offen halte, ergeben sich dadurch wieder neue Optionen. Das schafft keine Klarheit. Das Leben ist nicht vorbei, nur weil man sich entschieden hat.

Michael Harr, geboren 1954 in Stuttgart, ist seit 36 Jahren Pfarrer in Ingersheim. Er hat mit 24 Jahren geheiratet, und es nie bereut, wie er sagt.

Für diesen Samstag hat sich die BZ zu einem ungewöhnlichen Schwerpunkt entschieden: Sprichwörter sollen im Leben der Region auf ihre Gültigkeit abgeklopft werden. Das ist allein deshalb nicht abwegig, weil Sprichwörter häufig nichts weniger als eine Art gemeinschaftliches Gedächtnis sind – ewige und erwiesene Weisheiten des Zusammenlebens in unserer Zivilisation.

Das Sprichwort „Jung gefreit hat nie gereut“ wird in diesem Artikel nach der Lesart behandelt, die sagt: Wer sich jung verheiratet, der bereut das nicht. Noch existenzieller geht es im Beitrag zum Sprichwort „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ zu. Dafür hat die BZ mit einer Bestatterin gesprochen (Seite 10). Ob „Sich regen bringt Segen“ wirklich zutrifft, erzählt ein Physiotherapeut (Seite 11). Ob böse Menschen keine Lieder kennen, erzählt uns der Vertreter des Ochsenbacher Männergesangsvereins (Seite 13). Warum im Wein die Wahrheit liegt, erklären eine Expertin aus der Bönnigheimer Vinothek (Seite 14). Und ob die dümmsten Bauern tatsächlich die dicksten Kartoffeln haben, dazu äußert sich der Walheimer Bauer Heinz Alber. Natürlich mit einem Augenzwinkern (Seite 15). mart

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