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Die Ochsentour oder lieber Quereinstieg? Polit-Karriere kann man kaum planen

Politiker von Beruf zu sein, bedeutet Flugblätter im Wahlkampf verteilen und endlose Stunden in Ausschusssitzungen verbringen. Was macht den Job attraktiv - und wie wird man eigentlich Politiker?

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Der Landkreis Ludwigsburg wird im noch amtierenden Bundestag unter anderem von zwei CDU-Politikern vertreten, deren politische Karriere unterschiedlicher nicht hätte verlaufen können. Steffen Bilger (Wahlkreis Ludwigsburg) ist Jahrgang 1979 und schon sehr früh zur Politik gekommen. Bereits als Schüler wurde er Mitglied der CDU, engagierte sich stark auf kommunaler Ebene, arbeitete im Stadtjugendring mit und kletterte kontinuierlich die Parteileiter empor. Bilger war Landesvorsitzender der Schüler-Union, dann Chef der Jungen Union Baden-Württemberg. Seit 2009 sitzt er als direkt gewählter Abgeordneter im Deutschen Bundestag.

Ganz anders verlief die Karriere von Bilgers Bundestagskollegen Eberhard Gienger, der den Wahlkreis Neckar-Zaber vertritt. Gienger ist Jahrgang 1951 und fand den Einstieg in die Politik erst sehr spät. Er sei gefragt worden, ob er einen Wahlkreis übernehmen wolle und habe Ja gesagt. 2001 wurde er Mitglied der CDU und schon 2002 zog er mit einem Direktmandat in den Bundestag ein. Im Wahlkampf kannte ihn bereits jeder. Gienger ist eine Sportlegende, war Ausnahmeturner, Europameister, Weltmeister, Olympiasieger und Sportler des Jahres. Vor dem hauptberuflichen Wechsel in die Politik beschäftigte er sich mit Sportmarketing, gründete eine eigene Firma.

Welche der beiden so gegensätzlichen politischen Biografien ist nun typisch für den Berufspolitiker? "Weder die eine noch die andere", sagt der Politikwissenschaftler Lars Vogel von der Universität Jena im Gespräch mit der Bietigheimer, Sachsenheimer und Bönnigheimer Zeitung. "Die Mehrzahl der Berufspolitiker erhält erst mit Anfang, Mitte 40 ein politisches Mandat, das sie dann hauptberuflich ausfüllen. Das ist immer noch so." Bundestagsabgeordnete ziehen also zu einem großen Teil auf dem Höhepunkt ihres Schaffens in den Plenarsaal um.

Gleichwohl entspricht Bilgers Weg in den Bundestag eher den Vorstellungen politischer Karrieren als der des Turners Gienger. Quereinsteiger wie Gienger gebe es in der Politik etwa sechs bis sieben Prozent. Sie haben meist dann Erfolg, wenn sie wie Gienger ihre allgemeine Prominenz nutzen können, um Stimmen zu gewinnen. "Dabei sind Seiteneinsteiger für die Parteien auch ein Risiko. Sie neigen dazu, nicht parteikonforme Positionen einzunehmen", so Vogel. Aber meistens sei das schnell vorbei, und auch die Quereinsteiger entwickelten sich schnell zu "ganz normalen Politikern".

Also doch die Ochsentour durch die Parteihierarchie? "Eine strategische Karriereplanung in der Politik ist schwerer als in anderen Bereichen, weil sie von so vielen Faktoren abhängt, die man selbst nicht beeinflussen kann", meint Vogel. Oft spielen Glück und Zufall eine Rolle, wenn Kandidaten zur richtigen Zeit auf der richtigen Wahlversammlung sind. Mitunter werden die Politiker auch zu ihrem Glück von den Parteistrategen gedrängt.

Das Abgeordnetengehalt ist jedenfalls in den seltensten Fällen der Hauptanreiz, eine politische Karriere anzustreben. "Das mag bei den jüngeren Kandidaten noch eine Rolle spielen", sagt Vogel. "Die Mehrzahl der Politik treibt nicht der monetäre Aspekt an." Studien hätten gezeigt, dass sich die meisten Bundesparlamentarier bei ihrem Wechsel in die professionelle Politik nicht verbessert hätten.

Schließlich gibt es unter den Bundestagsabgeordneten kaum Frauen und Männer ohne akademische Ausbildung. Doch bevölkern nicht etwa überwiegend Politikwissenschaftler den Plenarsaal, sondern in erster Linie Wirtschaftswissenschaftler und Juristen. Am seltensten sind Erziehungswissenschaftler anzutreffen. Im Wahlkreis Ludwigsburg zum Beispiel sind unter den zehn Direktkandidaten der Parteien allein vier Juristen beziehungsweise Rechtsanwälte: Steffen Bilger (CDU), Macit Karaahmetoglu SPD), Alexander Deicke (FDP) und Ingrid Hönlinger (Grüne).

Wichtig ist also weniger, was Politiker studiert haben, sondern ob. Auf einer Hochschule erlangt man rhetorische und analytische Fähigkeiten am besten, meint Vogel. Bei einer Befragung des Politikwissenschaftlers konnten 70 Prozent aller Abgeordneten im Bundestag ein abgeschlossenes Studium vorweisen. Noch entscheidender aber ist laut Vogel die Fähigkeit, Mehrheiten um sich zu scharen und Netzwerke zu pflegen. Dazu befähigt kein Studium. Möglicherweise aber die eigens eingerichteten Nachwuchsschmieden der Parteien. In der Union sind dies sogenannte Zukunftsakademien, die Sozialdemokraten nennen sie Kommunalakademien. Dort lernen die jungen Hoffnungsträger, wie man sich als Politiker ausdrückt, wie man vor der Kamera besteht und wie der politische Diskurs professionell zu führen ist.

Ändert sich die Nachwuchsförderung der Parteien angesichts schrumpfender Mitgliederzahlen? Vogel kann das nicht beobachten. "Es hat sich bisher relativ wenig geändert. Die Parteien haben allesamt ähnliche Rekrutierungsrituale. Man muss sich halt bewähren." Aber das schrecke potenzielle Kandidaten vielfach ab. Junge Menschen seien heute weniger bereit, sich dauerhaft zu binden, sie verlangten nach Flexibilität auch in der Lebensplanung. "Parteienstrukturen sind jedoch vor allem auf eines programmiert: Verlässlichkeit", so Vogel.

Wer es dennoch wagen will, eine Polit-Karriere einzuschlagen, der sollte einen unpolitischen Plan B besitzen.

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