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Die Geschichte einer Flucht

Das Schicksal eines Freudentaler Bauernjungen steht im Mittelpunkt des jüngsten Buchs von Steffen Pross. Der Ludwigsburger Autor stellte "Adolf. Bruchstücke einer deutschen Jugend" nun im Pädagogisch-Kulturellen Centrum vor.

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Das Buch "Adolf. Bruchstücke einer deutschen Jugend" wird vom PKC Freudental herausgegeben.  Foto: 

In Freudental beginnt die Geschichte von Adolf Herrmann, des Sohnes einer jüdischen Bauernfamilie. Im April 1939 machte er sich auf Anraten seines Lehrers Simon Meisner mit dessen Mutter auf die Flucht nach Brüssel, als die Nazis mit der Judenverfolgung begonnen hatten. Rund 50 jüdische Bürger habe es um 1933 in Freudental gegeben, schätzt der Autor Steffen Pross, ab 1942 sei es dann "judenrein", so die damalige Ausdrucksweise, gewesen. Als es hieß "Rette sich, wer kann!" verließ der gerade mal 15-jährige Adolf Herrmann sein Elternhaus und floh nach Brüssel zu seinem Lehrer, bei dem er anschließend wohnte. Dort war er zunächst vor den Nazis sicher, sein großes Ziel war aber Amerika, wo sein älterer Bruder lebte.

Für Pross war die Friedhofsschändung in Freudental im Jahr 2007 Auslöser für seine Arbeit. Der Germanist und Historiker veröffentlichte das zweibändige "Freudentaler Adressbuch 1935" sowie die Dokumentation "Freudental '38. Eine Ermittlung" und wurde dafür im letzten Jahr in Berlin mit dem "Obermayer German Jewish History Award" ausgezeichnet. Nun widmete er sich ganz ausführlich dem Schicksal eines Jungen, der ohne bisher viel von der Welt gesehen zu haben eine Odyssee durch Europa antritt. In Belgien bis zum Kriegsausbruch noch mit halblegalem Status geduldet, kam er schließlich in eine "Kolonie" und ein Internierungslager. Am Tag des Einmarschs der Deutschen in Belgien wurde Adolf nach Frankreich in ein berüchtigtes Auffanglager in der Nähe von Perpignon deportiert. Der Versuch, mit der letzten funktionierenden Schiffsverbindung doch noch nach Amerika zu kommen, schlug fehl. Er kam in ein Zwangsarbeiterlager und wurde im Sommer 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er später ermordet wurde. Pross hat sich bei seinen Recherchen, wie er sagt, hauptsächlich auf Online-Quellen konzentriert, hatte aber bereits Kontakte zu Familien aus der Zeit und tauschte auch Dokumente mit anderen Historikern aus. Was dieses Buch für ihn "sehr heftig macht", seien Fälschungen der Nazis zu den Todesursachen, aber auch die fürchterlichen Umstände einer Flucht, so der Historiker. Adolf kenne er seit 25 Jahren, sagt Pross, der nach eigenem Bekenntnis in den letzten acht Jahren keinen Tag ohne Freudental verbracht hat. Im Jahr 2007 waren 14 jüdische Opfer aus Freudental bekannt, später stieg die Zahl nach weiteren Recherchen auf 30. Barbara Schüßler vom Pädagogisch-Kulturellen Centrum Ehemalige Synagoge Freudental initiierte auf Basis der Veröffentlichungen nun ein pädagogisches Projekt mit einer achten Klasse der Hohenhaslacher Kirbachschule. In der nächsten Woche werden die 30 Schüler an drei Tagen zur Projektwoche im Freudentaler Centrum sein.

Freudentaler Blätter

Dokumentation Mit der Monografie "Adolf. Bruchstücke einer deutschen Jugend" wird die Biografie eines Jugendlichen in die Gesamtgeschichte des Holocaust in ihrer europäischen Dimension eingeordnet. Diese lässt sich als Nachwort zu dem zweibändigen "Freudentaler Adressbuch 1935" (2011 und 2013) verstehen, erklärt das Pädagogisch-Kulturelle Centrum Ehemalige Synagoge Freudental als Herausgeber des Buchs. ISBN: 978-3-9809962-8-0, Preis: zehn Euro. Das Buch kann man auf dem Homepage des PKC bestellen.

SWP

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