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Der Führerschein für Partymacher

In der Freiberger Disco Palazzo haben am Freitag 80 Teilnehmer den DJ-Führerschein gemacht. Die Initiatoren wollen mit der Aktion für das Thema Lärm sensibilisieren. Und zwar nicht nur auf der Tanzfläche.

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Haben den DJ-Führerschein gemacht: In der Disco Palazzo in Freiberg legen David Graf (rechts) und Max Schurig regelmäßig auf. Auf einem Bildschirm sehen sie die Dezibelzahlen.  Foto: 

Wenn DJs wie Max Schurig aus Bietigheim-Bissingen und David Graf aus Heilbronn im Dancing Park Palazzo in Freiberg auflegen, können sie überprüfen, wie laut die Musik ist. Ein Monitor neben dem Mischpult zeigt ihnen mittels eines Schallpegelmessgeräts die Dezibelzahl an. Die beiden jungen Männer wissen: Über 100 sollte die Zahl möglichst nicht steigen, sonst könnten Hörschäden fürs tanzende Volk entstehen.

Nun sind nicht alle DJs so gut informiert wie Schurig und Graf, zumal es längst nicht überall die entsprechenden Messgeräte gibt. Vor zehn Jahren ist deshalb der DJ-Führerschein ins Leben gerufen worden. Ziel: Bei den Partymachern an den Mischpulten soll ein Bewusstsein dafür entstehen, dass sie eine Verantwortung für die Gäste und deren Gesundheit haben.

Ein ganzes Bündel von Akteuren hat die Fortbildungsreihe initiiert: der Bundesverband deutscher Discotheken und Tanzbetriebe (BDT), der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Baden-Württemberg, der Berufsverband Discjockey (BVD), das Sozialministerium Baden-Württemberg sowie die Techniker Krankenkasse. Zweimal im Jahr veranstalten sie ein Seminar, an dessen Ende die Teilnehmer den DJ-Führerschein erhalten. Dabei gehts um gesundheitliche Folgen lauter Musik, technisch-akustische Möglichkeiten, Schäden zu verhindern, und haftungsrechtliche Hintergründe.

28 solcher Workshops sind mittlerweile bundesweit über die Bühne gegangen, 2600 DJs haben das Zertifikat nach Angaben der Initiatoren bislang erhalten. Und das soll längst noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Man rufe alle Betreiber von Clubs und Diskotheken, von denen es etwa 2000 in Deutschland gibt, auf, nur noch DJs mit Führerschein zu beschäftigten, sagte Stephan Büttner vom BDT am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Freiberg.

Im dortigen Dancing Park Palazzo fand der jüngste Workshop der Initiative statt. Dirk Wöhler, der Präsident des BVD, erinnert sich gut an die Anfänge des Führerscheins, als der von TV-Moderator Stefan Raab noch lächerlich gemacht worden sei. Aber: "Das war die beste Werbung." Der Eindruck, den er vermitteln möchte: Mittlerweile gelte es als "uncool", den Lappen nicht zu haben. Zumal der Beruf nicht geschützt sei. Wöhler präzisierte, was die DJs Schurig und Graf schon praktizieren: "Pro halbe Stunde soll die Dezibelzahl im Durchschnitt nicht über 100 liegen." Sprich: Ein DJ könne auch mal drüber gehen, müsse dann aber auch wieder runterfahren, so Wöhler.

Hintergrund: Nach Angaben der Techniker Krankenkasse zieht sich fast jeder Zehnte bereits in jungen Jahren einen Hörschaden zu. Oft ohne es zunächst zu merken, wie die Mitarbeiterin Bettina Bruder sagte. Verantwortlich dafür sei freilich nicht nur laute Discomusik, sondern Freizeitlärm und das Hörverhalten junger Leute an sich steckten dahinter. Vom DJ-Führerschein erhofft sich die Techniker Krankenkasse - Stichwort Prävention -, dass das Thema in die Breite getragen wird, so Bruder. Denn: Hörschäden könnten zu einer Erhöhung der Unfallgefahr (Alarmfunktion), Isolation und Depression führen.

Die Berufsverbände fordern deshalb auch neue rechtliche Rahmenbedingungen, die schon im Kindesalter ansetzen - offenbar auch zur eigenen Verteidigung. Stephan Büttner "Die Jugendlichen kommen zu uns mit 16 oder 18. Da sind viele schon geschädigt - die Discos sind nicht für alles verantwortlich." Und Dirk Wöhler ergänzte: Wenn man einem Kind eine Quietscheente ans Ohr halte, könne das eine Lautstärke von 120 Dezibel erreichen. Das ist einer Geräuscheskala zufolge fast so laut wie ein Flugzeug beim Start. Waschmaschinen seien gekennzeichnet, das sollte man beispielsweise auch mit Spielzeug machen, gab Prof. Dr. Brigitte Schult-Fortkamp von der TU Berlin, die das Ganze wissenschaftlich begleitet, zudem zu bedenken.

Etwa 80 Teilnehmer legten am Mittwoch den DJ-Führerschein in Freiberg ab, darunter auch Max Schurig und David Graf. Die anderen DJs im Palazzo besitzen ihn bereits. Chef Ekkehard Menninger: "Das ist bei mir obligatorisch." Die Gesundheit seiner Gäste und der Mitarbeiter sei ihm wichtig.

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