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Das Biomüll-Netzwerk entsteht

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Bietigheim Bürgerentscheid Biomüll Steinbruch Fink. Plakate für- und gegen die Biogutvergärungs-Anlage in Bietigheim. Plakat-Aufschrift: Keine Müll-Stadt Bietigheim-Bissingen. Biomann-Plakat: Energiewende betrifft uns alle.  Foto: 

Bereits am Samstag berichtete die BZ über die Pläne einer Vergärungsanlage für Biomüll aus dem Landkreis Ludwigsburg im rheinland-pfälzischen Landkreis Germersheim nahe Westheim (Luftlinie von Bietigheim-Bissingen: 63 Kilomteter, auf der Straße rund 114 Kilometer). Jetzt laufen die Mühlen des Planungsverfahrens an. Mit ähnlich großen Widerständen wie sie der  geplanten Anlage im Steinbruch Fink in Bietigheim-Bissingen entgegenschlugen rechnen die Beteiligten bisher nicht. Im Gegenteil: „Im Moment ist das die beste Lösung, wirtschaftlich mit der geplanten Anlage in Bietigheim-Bissingen vergleichbar“, sagte Stadtwerke-Chef Rainer Kübler der BZ.

Drei bis vier Lkw täglich

Die Bietigheimer Stadtwerke sind Teil des Konsortiums Biogutvergärung Bietigheim (BVB), das die Anlage in Germersheim errichten und betreiben wird. Die Biomüllgärung entsteht auf dem Gelände einer 20 Jahre alten Kompostierungsanlage, die von Suez betrieben wird. Der Entsorger ist auch im Landkreis Ludwigsburg aktiv, so sind die Bietigheimer auf die sanierungsbedürftige Anlage in Rheinland-Pfalz gestoßen.

Für die Bietigheimer kann die Planung zum Glücksfall werden, denn mit dem erfolgreichen Bürgerentscheid vor genau einem Jahr gegen eine Biomüllvergärung im Steinbruch Fink waren die potenziellen Betreiber der Anlage gegenüber dem Landkreis und der AVL nicht aus der Pflicht entlassen, den Biomüll aus dem Landkreis zu verwerten. Und so lief die Standortsuche weiter.

Dass die Müllwagen voraussichtlich ab 2019 mehr als 100 Kilometer zurücklegen müssen, um den Landkreis-Biomüll der Vergärung zuzuführen, ist der Wermutstropfen. Drei bis vier Lkw werden sich nach Einschätzung Küblers täglich auf den Weg nach Germersheim machen. „Natürlich hätten wir uns den Verkehr gern mit einer Anlage vor Ort erspart, aber das ist ja verhindert worden“, erklärte Kübler, der jetzt lieber auf die Vorteile des neuen Standorts hinweist. Denn langfristig denkt Kübler bei der Biomüllvergärung ohnehin in ganz anderen Dimension. Allein im näheren Umfeld des Landkreises sind derzeit mehrere Anlagen in der Planung, darunter in Stuttgart. Für den Standort Sinsheim habe sich die BVB bereits Kapazitäten gesichert, so Kübler. Ziel ist ein Netzwerk aus Betreibern und Anlieferern zur möglichst optimalen Auslastung der Anlagen. Auch eine Biomüllvergärungsanlage im Kreis Germersheim braucht Fremdmüll, um sich zu rechnen. Die bisherige Kompostierung liegt in einem Waldstück, dennoch sollen die Anrainer auch dort im Planungsverfahren mit ins Boot geholt werden. Ähnlich wie in Bietigheim sind in der Pfalz Informationsfahrten zu Modellanlagen und Bürgerinformationen geplant.

Auch die Argumente ähneln denen von vor einem Jahr in Bietigheim-Bissingen. „Alle geruchs­intensiven Produktionsschritte werden bei der neuen Anlage vollständig eingehaust. Daher ist keine Erhöhung der Lärm- und Geruchsemission zu befürchten“, sagte Kübler bei der Vorstellung der Planungen in Germersheim. Und der dortige Landrat Fritz Brechtel bekräftigte: „Bei der Anlieferung der Bioabfälle aus den anderen Gebietskörperschaften dürfen die Einwohnerinnen und Einwohner der angrenzenden Orte nicht zusätzlich belastet werden.“

Die Bürgerinitiative „Weder Bio noch Gut“ feierte unterdessen in Bietigheim den Jahrestag ihres erfolgreichen Bürgerentscheids. Zu den neuen Planungen ihrer „Gegner“, der BVB, bemerkte Eberhard Pfitzner von der Bürgerinitiative: „Das Grundproblem der problematischen Rückstände in den Gärresten und der zu laschen Vorschriften ist damit nicht aus der Welt geschafft.“ Tatsächlich hatte die Bürgerinitiative ihren Protest nicht nur gegen den Standort formuliert, sondern auch gegen eine nach ihrer Ansicht unausgereiften Technik der Biomüllvergärung.

Drehen und wenden

Als die BZ am Samstag über die Pläne einer Vergärung von Biomüll aus dem Landkreis in Germersheim berichtete, hätten die Mitglieder der Bürgerinitiative „Weder Bio noch Gut“ eigentlich sofort ihre Transparente einpacken und im Pfälzer Wald wieder aufbauen müssen. Denn angeblich ging es der Bürgerinitiative ja nicht nur um den Standort Steinbruch Fink, sondern vor allem auch um jene Müllkippen, die die Biomüllvergärung aus ihrer Sicht aus unseren Äckern macht. Sollte dieses Argument immer noch gelten, stünden sie nun in der Pflicht, eine vergleichbare Anlage in Germersheim zu verhindern. Tun sie es nicht, bleibt als Bilanz ein Jahr nach dem Bürgerentscheid: keine Biomüllvergärung in Bietigheim, dafür Biomüll-Tourismus über 100 Kilometer. Hinzu kommt: Weil Biomüll ein Geschäft ist, werden Verwertungsanlagen in der gesamten Region gebaut, nur nicht vor der Haustür der Bürgerinitiative. Eng betrachtet könnte man also sagen: Wir sind verschont geblieben. Weniger provinziell betrachtet haben die Biomüllgegner aber nichts gewonnen, ganz im Gegenteil.

Das Suez-Kompostwerk in Westheim bei Germersheim hat eine Kapazität von 28.000 Tonnen. In der künftigen Biovergärungsanlage sollen 58.000 Jahrestonnen verarbeitet werden. Aus dem Landkreis Germersheim kommen 12.000 Tonnen Bio- und 10.000 Tonnen Heckenabfälle (38 Prozent), aus Karlsruhe 8000 Tonnen (14 Prozent) und aus Ludwigsburg 28.000 Tonnen (48 Prozent). Langfristig ist laut Suez-Geschäftsführer Oliver Grimm geplant, Teilmengen aus dem Landkreis Ludwigsburg in ortsnähere Anlagen zu liefern.

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Kommentare

15.08.2017 16:22 Uhr

Antwort auf „Probleme können durch Verhinderung nichgt gelöst werden”

Herr Jüttner! Ich gehe davon aus, dass Sie derjenige sind, der SPD angehört sowie im Kreistag vertreten sind. Sie machten sich stark für eine Biomüllanlage in Bietigheim-Bissingen. Ihrem Leserbrief vor ca. einem Jahr in der LKZ entgegnete ich mit meinem Leserbrief, dass Sie sich für eine Biomüllanlage inmitten Ihrem Wohnort Tamm doch einsetzen sollten. Was geschah zwischenzeitlich von Ihnen? Dazu habe ich absolut nichts gehört. Die Biomüllanlage wäre in Bietigheim nur einige hundert Meter von Schulen, Sportstätten, Freibad, dem hoch frequentierten Schülerradverkehr und dem Baugebiet junger Familien entfernt gestanden. Unverständlich ist für mich heute noch, wie Ärzte der SPD für diese Biomüllanlage stimmen konnten. Wie ich im o. g. Leserbrief sinngemäß entnehme, haben Sie noch Nachwehen über dieses von den Bürgern demokratisch ganz klar abgelehnte Projekt. Nun im Klartext: Sie, als nicht Betroffener, befürworten demnach die Gefahren einer möglichen Verseuchung des Grundwassers der Bürger in Bietigheim-Bissingen (siehe Pressemitteilung Nr. 8 der Bürgerinitiative „Weder -Bio-noch.gut.de). Für mich nicht nachvollziehbar! Bitte kehren Sie künftig vor der eigenen Haustür.

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12.08.2017 23:27 Uhr

Bio-Müll auf´s Binnenschiff

wie von Herr Kübler im Artikel dargestellt, ist der sogenannte Fremdmüll aus den umliegenden Gebieten notwendig um so eine Anlage wirtschaftlich betreiben zu können.
Auch am Standort Bietigheim wäre dieser Fremdmüll erforderlich gewesen und wie von der BZ in 3/2016 berichtet waren ca. 15.000 to aus Karlsruher Gemarkung dafür vorgemerkt gewesen.
D.h. nicht der Fremdmüll ist das Problem, sondern einen möglichst umweltfreundlichen Transport zu finden.
Ein kleines Binnenschiff könnte einmal im Monat das Zeugs den Neckar runter und den Rhein rauf schippern. Das kostet deutlich weniger und verbraucht auch nur 1/10 des LKW Treibstoffs. Und da Ludwigsburg einen Müll-Verwertungsbetrieb direkt am Neckar hat und Germersheim ebenso direkt im Rheinhafen, sollte das echt mal jemand durchrechnen. Übrigens will das Land die Binnenschifffahrt auf dem Neckar ausbauen....da gibt's bestimmt Unterstützer oder gar Zuschüsse.

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18.07.2017 13:39 Uhr

Probleme können durch Verhinderung nichgt gelöst werden

Die Bürgerinitiative hat recht, wenn sie es als Problem ansieht, dass bei dem in einer Biomüllvergärungsanlage erzeugren Kompost auch unerwünschte Plastikteile und andere potenziell schädliche Stoffe enthalten sind. Dies ist allerdings bei der bisher betriebenen Methode der Kompostierung kein Haar anders, nur dass bei der Kompostierung kein Flüssigsubstrat und vor allem keine Energie entsteht. Soll das Problem der Störstoffe beseitigt werden, muss an der Müllquelle angesetzt werden und nicht in der Müllbehandlung. Aber letztendlich ging es der Beitigheimer Initiative in erster Linie offenkundig darum, den Standort zu verhinder.

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Bioanlage

In Bietigheim-Bissingen soll eine Biomüllvergärungsanlage entstehen. Über den Standort wird aber noch diskutiert. In diesem Schwerpunkt sind alle bisher erschienenen Artikel rund um die Bioanlage in Bietigheim-Bissingen zu finden.

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