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Chef der Arbeitsagentur Ludwigsburg über Jobchancen von Flüchtlingen

Welche Chancen haben Flüchtlinge auf dem regionalen Arbeitsmarkt? Martin Scheel, der Chef der Ludwigsburger Agentur für Arbeit, berichtet über Chancen und Hindernisse - jenseits der Sprachprobleme.

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Nachholbedarf bei der Qualifikation: Das Archivbild zeigt eine Geflüchtete aus dem afrikanischen Guinea bei einem Kurs im E-Schweißen in Bremen.  Foto: 

Welches Bildungssystem in welchem Land, aus dem Flüchtlinge in den Landkreis kommen, passt am ehesten zum deutschen Arbeitsmarkt?
Fakt ist: Mit dem deutschen Bildungssystem kann kaum ein Land konkurrieren, aus dem Flüchtlinge zuwandern. Dennoch gibt es ein Land, das viele Parallelen aufweist, wie Martin Scheel, der Leiter der Bundesagentur für Arbeit Ludwigsburg, sagt: "Unsere Fachleute haben die Erfahrung gemacht, dass das syrische Schulsystem am ehesten dem unseren entspricht." Auch in Syrien, sagt Scheel, muss beispielsweise jeder, der studieren will, zwölf Jahre die Schule besuchen. Dies sei in den meisten anderen Ländern nicht der Fall. Martin Scheel nennt noch eine Ähnlichkeit des syrischen Bildungssystems zum deutschen: Auch dort entscheidet bei der Einschreibung in einen Studiengang der Notendurchschnitt. Wegen ihrer guten Bildung haben syrische Flüchtlinge in Deutschland Vorteile gegenüber jenen aus anderen Ländern: "Die Erfahrung, die wir bei den Sprachkursen in unserem ,Stella'-Programm gemacht haben, ist, dass die Syrer vergleichsweise schnell gelernt haben." Im Programm "Stella" wollen Agentur, Land und Landkreis hochqualifizierte Bewerber, die gute Chancen auf Asyl haben, in Arbeit bringen.

Wie sieht es mit den Ausbildungssystemen aus? Gibt es Parallelen?
Auch bei den Ausbildungssystemen gibt es große Unterschiede zum deutschen - das gilt für die Heimatländer aller Flüchtlinge im Landkreis. Das hat zunächst damit zu tun, dass das Duale System der Ausbildung in Betrieb und Berufsschule selten ist in der Welt. In den Heimatländern der Flüchtlinge, die in den Landkreis kommen, herrscht zudem meist ein anderes Verständnis von Berufsausbildung. Martin Scheel sagt: "Wenn zu uns jemand kommt und sagt, er ist Friseur, kann man davon ausgehen, dass er im Heimatland sechs Monate gearbeitet hat und dann den Berufsabschluss gemacht hat." In Deutschland dauert die Ausbildung zum Friseur drei Jahre. In der Sprache der Arbeitsagentur ergänzt Chef Martin Scheel: "Wir haben festgestellt, dass wir bei nahezu allen Kunden noch nacharbeiten müssen."

So viele Unterschiede. Was tun?
Die Unterschiede zwischen dem deutschen (Aus-)Bildungssystem und jenen der Herkunftsländer der Flüchtlinge sind also gewaltig, auch die Unterschiede zwischen den Herkunftsländern sind diesbezüglich groß. Wie macht man diese Menschen fit für den Arbeitsmarkt? "Man muss schauen, was der Mensch kann", sagt Agenturchef Martin Scheel. Ein Praktikum sei daher erst einmal sinnvoll. Dies gelte unabhängig vom Beruf, den ein Flüchtling gelernt habe.

Wie viele Flüchtlinge mit Asyl-Status hat die Ludwigsburger Agentur für Arbeit in Praktika vermittelt?
Im Jahr 2015 hat die Arbeitsagentur 44 Flüchtlinge, die am Sprachkurs des "Stella"-Projektes teilgenommen haben, in ein Praktikum vermittelt. Wie Martin Scheel sagt, war dies die Mehrheit der Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr an dem Projekt teilgenommen haben (56). Die Praktika dauern meistens etwa vier Wochen.

Fällt die Integration in den Arbeitsmarkt bei Hochqualifizierten leichter?
In der Regel gilt das Gegenteil: Das Problem der unterschiedlichen Ausbildungssysteme und der unterschiedlichen Berufspraxis, sagt Martin Scheel, nimmt mit der Qualifikation eher noch zu. "Nehmen Sie einen Architekten: Der kann ohne Frage Häuser planen. Aber für die Arbeit in Deutschland braucht er Kenntnisse im deutschen und im europäischen Baurecht." Auch wegen dieser Unterschiede erfolge der Einstieg in vielen Berufen zunächst häufig auf Helferniveau. Dem Vorwurf, dass der Abschluss eines syrischen Architekten in Deutschland ohnehin kaum anerkannt werden dürfte, entgegnet Martin Scheel: "Das kann man so nicht sagen. Die Perspektive, dass dieser Mensch als Architekt arbeiten kann, ist da. Wenn auch nicht sofort." Wie lange die Integration in den Arbeitsmarkt dauere, lasse sich nicht pauschalisieren: "Es kommt immer auf den einzelnen Menschen an. Wie viel Erfahrung hat er, was bringt er mit?"

Wieviele Flüchtlinge beziehen derzeit im Landkreis Arbeitslosengeld?
Diese Frage ist nur näherungsweise zu beantworten. Denn Menschen mit Asylstatus sind in keiner Statistik der Arbeitsagentur ausgewiesen. Die Statistiken weisen allerdings die Staatsangehörigkeit der Aufgezählten aus. Aus den sogenannten Asylzugangsländern, also Staaten, aus denen Flüchtlinge nach Deutschland kommen, haben im Dezember 2015 insgesamt 155 Menschen ALG I erhalten - aus der Arbeitslosenversicherung, in die sie zuvor eingezahlt haben mussten. "Hartz IV" (ALG II) haben im Dezember 500 Menschen aus diesen "Asylzugangsländern" erhalten. Aber Vorsicht: Es kann sich dabei auch um Ausländer handeln, die zwar aus diesen Staaten stammen, aber nicht als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Neben diesen zusammengerechnet 655 Arbeitslosen zählt die Arbeitsagentur noch 1260 Arbeitssuchende aus "Asylzugangsländern" . Der Unterschied zwischen "arbeitslos" und "arbeitssuchend" ist: Arbeitslose müssen jeden Job annehmen, der ihnen angeboten wird. Arbeitssuchende sind in diesem Fall meist Menschen ohne Arbeit, die einen Sprachkurs belegen. Davon abgesehen hatten allerdings 3907 Personen aus "Asylzugangsländern" im Dezember 2015 einen Job.

Wie sind die langfristigen Perspektiven von Flüchtlingen auf dem deutschen Arbeitsmarkt?
Zur Antwort verweist Martin Scheel auf eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, der Forschungseinrichtung der Bundesagentur. Weniger als 20 Prozent der Flüchtlinge haben demnach ein Jahr nach der Ankunft in Deutschland einen Job. Nach fünf Jahren sind es knapp 50 Prozent, nach 15 Jahren sind es ungefähr 70 Prozent.

 

Ein Kommentar von Martin Tröster: Realitätsfern

Wer denkt, dass Deutschland sofort Kapital aus der Flüchtlingskrise schlagen könnte, verkennt die Realität. Wer glaubt, dass aus dem hochentwickelten Syrien jetzt ganz viele Herzchirurgen fliehen, träumt. Um Nutzen darf es erst einmal ohnehin nicht gehen. Zu den zentralen Denkfehlern in der aktuellen Flüchtlingsdebatte gehört, dass Menschen, die Krieg und Terror nicht mehr ausgehalten haben, verklärt werden – und zwar hinsichtlich ihrer Nützlichkeit, getreu dem Motto: „Eines Tages werden sie unseren leidigen Fachkräftemangel ausgleichen.“ Schon rein rechtlich betrachtet führt dieser Gedanke in die Irre – Asyl wird nicht nach Nützlichkeit, sondern nach Schutzbedürftigkeit gewährt. Das ist auch gut so. Zu den Wahrheiten, die im Dienste einer ehrlichen Debatte deutlicher auf den Tisch müssen, gehört: sich den sehr langen Weg vor Augen zu führen, den fast alle Flüchtlinge vor sich haben, bis sie so sind, wie viele Deutsche ihre Notleidenden gerne hätten – fähig, wie brauchbare Arbeitskräfte zu funktionieren. Politische Konfliktfurcht nutzt weder den Flüchtlingen noch der Gesellschaft, die sie aufnimmt.

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