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„Politik vernachlässigt duale Ausbildung“

Das Handwerk hat in einigen Bereichen gewaltige Probleme, Auszubildende zu finden. Ein Gespräch mit dem Kreishandwerksmeister Albrecht Lang.

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    Ein beliebter Handwerker-Beruf, aber auch nicht ohne Nachwuchsprobleme: Schreiner. Foto: 
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    Albrecht Lang (58), ist Kreishandwerksmeister und damit Vorstand der Kreishandwerkerschaft. Foto: 
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Herr Lang, für das Handwerk wird es immer schwieriger, geeignete Azubis zu finden. Fürchten die jungen Leute, sich die Hände schmutzig zu machen?

ALBRECHT LANG: Das trifft schon ein bisschen zu. Aber natürlich gibt es viele Gründe. Zum Beispiel habe ich den Eindruck, die jungen Leute in der digitalen Gesellschaft sind fit im Tippen auf dem Smartphone, aber einen Nagel in die Wand schlagen, das können viele nicht. Ich beobachte ein allgemeines gesellschaftliches „Weg vom Handwerk“.

Wie erklären Sie sich das?

LANG: Als ich aufgewachsen bin, hatte mein Opa unten im Haus seine Werkstatt, da hatte er eine Säge, einen Schleifbock oder einen Hobel. Man hat dem Opa zugeguckt, wie er was repariert oder  der Mutter ein Regal in die Küche gebastelt hat. Durch Zuschauen hat man viel gelernt. So etwas selbst auszuprobieren, war faszinierend. Ein 20-Jähriger, der heute in einem Reihenhaus aufwächst, hat als einziges Handwerkszeug sein Handy. Und wenn einer dann einen Handwerksberuf anstrebt, muss es einer sein, der als sexy gilt. Kfz-Mechatroniker ist so ein Beruf, aber Metzger? Die Vorstellungen der jungen Leute sind oft klar, aber dass man im Metzgerhandwerk mit spannenden hygienischen Fragestellungen konfrontiert ist, wissen die wenigsten. Das trifft auch den Stuckateur: Was der alles macht, weiß kaum jemand.

Entscheidet  also vor allem die Frage, ob man dreckig wird oder nicht, darüber, ob ein Ausbildungsberuf beliebt ist oder nicht?

LANG: Es ist schon ein wichtiger Grund. Sogar Schreiner, eigentlich ein beliebter Beruf, haben Probleme, geeignete Leute zu finden. Eben weil in unserem Leben Handwerkliches nicht mehr so oft vorkommt. Aber auch andere Berufe tun sich schwer. Bäcker etwa, weil sie nachts arbeiten.

Was tun? In der Region gibt es ja zudem viele metallverarbeitende Betriebe, die weit besser zahlen. Handwerker-Chefs können auch nicht einfach sagen: Wir geben Lehrlingen 500 Euro mehr im Monat.

LANG: Ich mache mir tatsächlich Gedanken, wie wir das schaffen sollen. Das mit dem Geld können wir vergessen. Ein Lehrling bei einem großen Industriebetrieb verdient besser während der Ausbildung, er verdient auch besser nach der Ausbildung. Diesen Kampf können wir gar nicht erst aufnehmen. Wir müssen es anders angehen. Über den Handwerkerstolz zum Beispiel. Ein Bäcker kann von sich sagen: Ich kann gutes Brot backen. Ich tue etwas, das mir eine gewisse Befriedigung verleiht. Das ist heute aber schwer zu vermitteln.

Glauben Sie eigentlich, dass es den jungen Leuten heute mehr ums Geld geht?

LANG: Auch im Handwerk kann man seinen Lebensunterhalt verdienen, aber man wird natürlich nicht zwingend reich. Neun von zehn Jugendlichen wollen erst mal Fußballprofi werden, dann kommt irgendwann mal Kfz-Mechaniker. Aber Flaschner, Parkettleger? Diese Berufe gelten nicht als schick. Und sie bedeuten harte Arbeit

Was tun?

LANG: Was ich immer sage, ist: Wenn jemand in einem guten Industriebetrieb arbeitet, ist das natürlich in Ordnung. Aber da ist man die Nummer soundso. In den meisten Handwerksbetrieben sind oft fünf bis zehn Leute angestellt. Dort kann man sich zu Hause fühlen, ist nicht nur eine Nummer, sondern der Dennis, der Karl oder der Fritz.

Oder der Ali oder der Mohammed – können Flüchtlinge helfen, das Problem zu beheben?

LANG: Schwieriges Thema. Es gibt interessierte Betriebe. Aber aus einem jungen Syrer einen schwäbischen Handwerker zu machen, ist ein langer Weg. Ich will nicht sagen, dass die das nicht können, aber die Hürden sind gewaltig. Für diese Jugendlichen ist ein deutscher Handwerksbetrieb ein Buch mit sieben Siegeln. Das Prinzip der dualen Ausbildung in Schule und Betrieb kennen die nicht. Manche haben nicht mal eine Schule besucht.  Wichtig ist auch, dass die wissen, was es heißt, als Handwerker zu arbeiten: Fünf vor sieben gesattelt und gespornt da zu sein. Jeden Morgen. Das Problem ist oft, dass auf der einen Seite der Fachkräftemangel gesehen wird, auf der anderen die vielen geflüchteten jungen Männer. Aber das kann man nicht eins zu eins aufrechnen.

Muss das Handwerk seine Ansprüche an die Bewerber herabsenken.

LANG: Ich predige immer: Wir müssen weg von einer zu starren Sicht auf Noten. Das machen die Handwerker ja auch. Ob der Lehrling in der Schule eine Zwei oder eine Vier hatte, ist zweitrangig. Ein Bäcker muss praktisch arbeiten können. Aber Deutsch und Englisch sollten Handwerker schon beherrschen. Das Problem ist nur: Es gibt immer weniger Bewerber, die gut in Deutsch und Mathe sind.

Woran liegt das?

LANG: Seit Jahren ist Bildung in der Politik ein wichtiges Thema. Als Folge gehen immer mehr Richtung Gymnasium, insbesondere wegen der Gemeinschaftsschulen wollen immer mehr Abitur machen. Wer auf der Realschule gut war, geht heute eher aufs Gymnasium. Die gingen früher auch oft ins Handwerk. Insgesamt gilt: Die guten gehen nach oben weg. Das spielt uns nicht in die Karten. Wenn die Politik von Bildung spricht, meint man, die spricht nur von akademischer Bildung, nicht von dualer Ausbildung.

Was passiert auf lange Sicht, wenn die Betriebe keinen Nachwuchs mehr erhalten. Dominieren dann ausländische Handwerker?

LANG: Die neue wirtschaftliche Freizügigkeit für Handwerker gibt es EU-weit seit Jahren faktisch ohne Auswirkungen im Landkreis. Ins Ausland verlagern kann man das Handwerk auch nicht. Die Dienste werden vor Ort gebraucht. Ich vermute: Das Handwerk würde dann kleiner werden. Die Belegschaften bleiben erhalten, überaltern aber. Wenn es weniger Handwerker gibt, die Leistungen aber weiterhin nachgefragt werden, steigen die Preise – und damit wohl auch die Löhne – für die Handwerker. Auf einen Dachdecker müssen Sie jetzt schon mehrere Wochen warten.

BZ-Schwerpunkt zum Start des Ausbildungsjahres und wo die Not am größten ist

Bäcker „spitze“ Laut Arbeitsagentur Ludwigsburg gibt es derzeit im Landkreis gut 600 erfasste Lehrstellen, die unbesetzt sind. Sebastian Schick, Teamleiter Arbeitgeberservice, betont aber, dass sich in den nächsten Tagen noch viel tun wird. Dass die Bäcker alle 48 offenen Stellen bis dahin besetzt haben, ist unwahrscheinlich. Kein Handwerk im Kreis hat mehr unbesetzte Stellen. Danach kommt der Lebensmittelhandel (43), der Hotel- und Gastronomiebereich (36), Zahnmedizinische Fachangestellte (28), Metzger, Garten- und Landschaftsbau (27) sowie Sanitär, Heizungs- und Klimatechnik (21).

Warum? Was die Gründe angeht, bestätigt Sebastian Schick von der Arbeitsagentur im Groben Gründe, die Kreishandwerksmeister Albrecht Lang im obigen Interview genannt hat: Wegen der Arbeitszeiten (Bäcker, Lebensmittelhandel im Supermarkt) oder wegen der Sorge, sich vielleicht die Hände schmutzig zu machen oder etwas Unangenehmes zu sehen oder zu riechen (Metzger, Zahnarzthelferin oder Klempner).

Keine Sorgen Sehr gefragte Ausbildungsberufe sind kaufmännische Berufe wie Industriekaufmann, ebenso Kfz-Mechaniker, Industriemechaniker, Mechatroniker oder Jobs, die mit Informatik  zu tun haben.

BZ-Schwerpunkt Kurz vor dem Start des Ausbildungsjahres, das für die meisten am 1. September beginnt, informiert die BZ zum Lehrlingsmarkt in der Region. Es geht um suchende Bäcker, um die beliebte Metallbranche  – und um die Frage, wie Betriebe Lehrlinge locken. Und: inwiefern Flüchtlinge ausgebildet werden, Mehr dazu auf den Seiten 10 bis 14 und 19.

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