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„Evakuierung“ in den Tod

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Jan und Julius fühlen sich in der Pflicht. Erstens ist es an ihnen bei der Gedenkfeier zur Erinnerung an die erste Judendeportation vor 75 Jahren am Montagabend vor dem Freudentaler Rathaus ein paar Worte zu sagen. Und weil die beiden 15-Jährigen finden, der Verantwortung für die Verbrechen der Nationalsozialisten ist nicht nur mit Gedenken genüge getan, sondern es braucht auch heute aktives Handeln.

Die beiden Jugendlichen haben am vergangenen Wochenende an einem Workshop des Jungen Pädagogisch-Kulturellen Centrums Ehemalige Synagoge Freudental (PKC) teilgenommen. Immer wieder organisiert Barbara Schüßler, Leiterin Pädagogik & Kultur im PKC, solche Seminare, in denen Kinder und Jugendliche sich in Projektarbeiten mit der Geschichte der NS-Zeit auseinandersetzen. Diesmal waren die 20 Teilnehmer zwischen 9 und 15 Jahre alt.  Am Ende des Wochenendes wusste jeder, worum es bei der Gedenkveranstaltung geht. „Selbst die jüngsten in der Gruppe verstehen, was den Menschen damals angetan wurde. Sie sind betroffen und oft erschrocken“, sagt Schüßler.

Im Seminar erfahren die Jugendlichen, dass vor 75 Jahren vier Haushalte in Freudental die Anweisung erhielten, sich für den „Evakuierungstransport nach dem Osten“ bereitzuhalten. Der Brief kam von der Jüdischen Mittelstelle, auf Anordnung der Staatspolizeileitstelle Stuttgart, berichtet die Leiterin Pädagogik & Kultur im PKC. Dabei berufen sie sich auf Forschungsarbeit des Ludwigsburger Historikers Steffen Pross. Dass die vermeintliche Evakuierung in den Osten ihren Tod bedeuten würde, das wussten Klara Jordan, Sara Wilensky, Johanna Metzger und Max und Hermann Rosenfeld noch nicht. Sie fanden sich im Rathaus ein und mussten sich dort einer Leibesvisitation unterziehen. Auch ihr Gepäck wurde von Gendarmen durchsucht. Einpacken durften sie nur Alltagsgegenstände wie Bettzeug und warme Kleidung. „Wertsachen sollten in Freudental belassen werden, damit sich der Staat an ihrem Vermögen daran bereichern konnte“, so Schüßler. Von Freudental ging es mit der Kutsche zum Besigheimer Bahnhof – die Gendarmen auf dem Rad nebenher. Von dort mit dem Zug zum Stuttgarter Killesberg, dort wurden über 1000 Juden aus Baden-Württemberg zusammengetrieben und später vom Nordgüterbahnhof aus nach Riga gebracht. Keiner der Freudentaler überlebte das Kriegsende.

 In individuellen Gruppen haben sich die Neun- bis 15-Jährigen auf unterschiedliche Weise am Wochenende dem Thema der Judenverfolgung angenähert, zum Beispiel mit dem Buch „Ich bin ein Stern“ von Inge Auerbacher. „Sie stellen gleich Bezüge zu ihrem Leben her und überlegen, wie wir die damalige Situation auf die heutige Zeit und Geschehnisse übertragen und  daraus lernen können“, sagt die PKC-Mitarbeiterin.

Info Am Samstag ist Ludwigs Bez gestorben, der langjährige Leiter des PKC. Einen Nachruf finden Sie hier.

Am 75. Jahrestag der Deportation hat der Bundesgerichtshof nach mehr als einjähriger Prüfung das Urteil gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning bestätigt. Die gegen den 95-Jährigen verhängte Haftstrafe ist nun rechtskräftig. Er war wegen Beihilfe zum massenhaften Mord im NS-Vernichtungslager Auschwitz angeklagt. Der Leitende Oberstaatsanwalt Jens Rommel von der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen mit Sitz in Ludwigsburg reagierte erleichtert. Seine Behörde leitet die Vorermittlungen gegen mutmaßliche NS-Verbrecher und gibt die Ergebnisse an die zuständige Staatsanwaltschaft weiter. „Wir fühlen uns in unserer Rechtsauffassung bestärkt, wonach auch ein Wachmann mitverantwortlich ist, weil er durch seine Tätigkeit die vom Staat organisierte Vernichtung unterstützt hat“, sagte Rommel der BZ. Ob die Strafe gegen den Gröning vollstreckt wird, ist unklar.

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