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"Der innere Frieden ist zertrümmert"

Wie bewerten Menschen mit türkischen Wurzeln aus dem Kreis die andauernden Proteste in der alten Heimat? Was halten sie vom Regierungsstil des Ministerpräsidenten Erdogan? Wir haben nachgefragt.

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  • Die Proteste in der Türkei dauern seit fast zwei Wochen an. Foto: dpa 1/4
    Die Proteste in der Türkei dauern seit fast zwei Wochen an. Foto: dpa
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    Yavuz Tigli.
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    Sebahat Dalkilic.
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    Sevim Sapkur.
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Die seit gut zwei Wochen andauernden Proteste in der Türkei haben auch in Deutschland ein großes Medienecho ausgelöst. Aus der Ferne betrachtet wirken die Demonstrationen wie eine Massenbewegung gegen den Regierungsstil des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Wie viele tatsächlich dahinter stehen, ist jedoch schwer zu sagen. Auch Männer und Frauen mit türkischen Wurzeln, die im Landkreis Ludwigsburg leben, kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen.

"Es wird so dargestellt, als ob dort chaotische Zustände herrschen, aber es ist nicht so schlimm, wie es von außen aussieht. Es ist nur ein kleiner Teil, der auf dem Taksim-Platz gegen die Regierung ist, und der nutzt die Situation voll aus. Es wird sich alles beruhigen", meint zum Beispiel Yavuz Tigli vom TKSZ Ludwigsburg. Der 42-Jährige ist Abteilungsleiter beim Fußball-Bezirksligisten, der seit 1981 am Spielbetrieb des Württembergischen Fußball-Verbandes (WFV) teilnimmt. Fußball gespielt wird beim TKSZ, der 2013 sein 50-jähriges Vereinsbestehen feiert, schon seit 1975, damals noch in einer türkischen Liga in Württemberg. "Die Parteien, Organisationen und der Ministerpräsident haben sich schon zusammengesetzt. Es wird ein Referendum geben", ist sich Tigli sicher. "Mit der Politik der Regierung hat das nur indirekt zu tun, sondern mehr mit Istanbul. Nur 20 Prozent sind für diese Aktion. Die jetzige Türkei hat diese Aktion nicht verdient, wenn man bedenkt, dass dort 2020 die Olympischen Spiele stattfinden sollen, muss man vernünftig sein und das Land nicht aufteilen. Das möchten Mächte im Hintergrund und von außen, dass die Türkei gespalten wird, so wie zum Beispiel in Syrien. Da muss man vorsichtig sein."

Tigli findet die Politik Erdogans gut: "Man muss doch nur die letzten Jahre verfolgen. Im Osten wurde viel bewegt, auch in der Wirtschaft, und die PKK wurde fast ausgelöscht durch den Dialog und die Integration der Kurden. Wo war denn die Türkei vor zehn Jahren? Da gab es Inflation. Die jetzige Türkei ist viel weiter. Es gibt aber eine Gruppe, deren Vorteile immer weniger werden, die jetzt mobilisiert und Lobbyarbeit betreibt, weil zu viele für Erdogan sind", vermutet Tigli.

Sevim Sapkur lebt seit 31 Jahren in Deutschland. In der Bietigheimer Innenstadt betreibt sie mit ihrem Ehemann einen Dönerladen. Die Vorgänge in der Türkei verfolgt sie über den Fernseher - und befürwortet die Proteste. Denn von Ministerpräsident Erdogan hält Sevim Sapkur als gebürtige Kurdin wenig. Das Staatsoberhaupt habe den Kurden viel versprochen, aber wenig gehalten, kritisiert sie. Für sie gehöre Erdogan daher abgewählt. Von der zunehmenden Islamisierung der alten Heimat hält sie obendrein nichts, Kirche und Staat gehörten strikt getrennt.

Das sieht auch Sebahat Dalkilic so. Die 43-jährige Postangestellte, die mit zehn Jahren nach Deutschland kam, ist Gründungsmitglied und stellvertretende Vorsitzende des "Vereins zur Förderung der Ideen Atatürks" und Mitglied des Integrationsbeirats in Ludwigsburg. Tayyip Erdogan und sein Kabinett hätten die von Mustafa Kemal Atatürk aufgestellten Grundsätze für die moderne Türkei missachtet, so lautet ihr Vorwurf, den inneren Frieden, die regionale Zusammenarbeit und Sicherheit vollständig zertrümmert.

Die Protestwelle hat aus ihrer Sicht eine ganze Reihe von Ursachen: "Die Menschen sind insbesondere empört über zunehmende Armut und Arbeitslosigkeit." Und: In keinem anderen Land würden mehr Journalisten in Untersuchungshaft sitzen als in der Türkei. "Seit mehr als sechs Jahren werden regierungskritische Intellektuelle und Oppositionelle im Silivri-Folterlager festgehalten", beklagt Dalkilic.

Aus ihren Kontakten in die Türkei ziehe sie den Schluss, dass die Protestwelle solange fortgesetzt werde, "bis die Erdogan-Regierung ihren offiziellen Rücktritt einreicht und vor Gericht gestellt wird". Der Eindruck, dass sich das ganze Land in Aufruhr befinde, täusche nicht. Besonders in den Großstädten Ankara, Istanbul, Izmir, aber auch in vielen anderen Städten seien die Menschen erwacht und rebellierten. Die exzessive Polizeigewalt gegenüber friedlichen Demonstranten scheine nicht aufzuhören. "Pro-AKP-Medien versuchen vergeblich, die Zusammenstöße und die Zusammenhänge zu verschleiern", kritisiert die Ludwigsburgerin und spricht von einem polizeistaatlichen Macht- und Unterdrückungsapparat der AKP-Regierung.

Sebahat Dalkilic selbst hat sich an Protesten in Stuttgart beteiligt und ist sich sicher: "Die Massendemonstrationen und -kundgebungen werden unumgänglich zur Wiederbelebung der Errungenschaften der modernen Türkei führen." In der Türkei sollte ihrer Meinung nach eine nationale Einheitsregierung gebildet werden, um die Atatürk-Revolution zu vollenden und die Beziehungen zu den Nachbarn und zum Westen zu normalisieren.

Ismet Harbi, Vorsitzender des türkisch-islamischen Kultur- und Sportvereins Sachsenheim, verfolgt seit vielen Tagen die Proteste in Istanbul sowie in vielen anderen türkischen Städten, sowohl in den deutschen als auch den türkischen Medien. "Ich finde, man hätte viel früher Gespräche miteinander führen sollen", sagt er und meint damit, dass die Eskalation zwischen Polizei und Demonstranten auf diesem Weg vielleicht von vorneherein hätte verhindert werden können. Dass die jungen Menschen auf die Straße gehen und ihrem Ärger über Missstände in Demos Luft machen, findet er legitim - problematisch werde es aber, wenn Gewaltbereitschaft hinzukomme. "Die Jugend sollte einen Verein oder eine Partei gründen, um ihren Zielen mehr Gewicht zu verleihen", sagt Harbi und merkt an, dass es ursprünglich ja eigentlich nur um ein paar Bäume im Istanbuler Gezi-Park gegangen sei. "Nun geht es aber um viel mehr - man hat aber eigentlich keinen richtigen Einblick, was sich so alles hinter den Protesten verbirgt."

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