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Wie der Müllerberuf früher war

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„Das sollt´ doch eher die Welt verderben, als beim Müller Hungers sterben“, rezitierte Wolfgang Fessler, Inhaber und Betreiber der Sersheimer „Fessler Mühle“, einen der „tausenden“ Müllersprüche, die sich im Laufe der Jahrhunderte um den „zweitältesten Beruf der Welt“ rankten. „Der älteste ist noch ein bisschen älter und wird im Liegen ausgeführt“, sagte Fessler.

Zu Gast war der Müller im Bönnigheimer Restaurant Alte Apotheke, eingeladen von dem Kulturfenster und der Historischen Gesellschaft im Rahmen der Reihe „Achtung Kulturkopf“. Der Begriff der „Kultur“ wird hier bewusst weit gefasst und nicht nur auf die darstellenden Künste bezogen, erklärte Kurt Sartorius von der Historischen Gesellschafte Bönnigheim. In lockerer Atmosphäre begannen die gut 15 Gäste im oberen Stock des Restaurants nach einem Abendessen den Abend. Müller Fessler referierte über die Geschichte der Mühle, die „eine der ältesten Mühlen des Landes ist“.

Begonnen beim Jahrhunderte alten Stadtwappen der Fessler, mit Helm und Mühlrad, wurde von den Mühlenkobolden erzählt, die die Mühle mit geschulterten Säcken regelmäßig nachts auf der Suche nach Beute heimsuchten, jedoch beim Anblick des „Kleiekotzers“ furchtsam Reißaus nahmen. Die geschnitzte Maske des Kleiekotzers hing in der Mühle an der Wand, und durch ihren Mund strömte die Kleie aus der Mühle.

Abseits von befestigten Städten und ihren Nachtwächtern waren die Mühlen auch immer Anlaufpunkt für zwielichtige Gestalten, die dort Unterschlupf suchten. „Das gibt’s auch heute noch“, sagte der Müller und schmunzelt. Weiter geht die Reise durch die Geschichte, die Fessler mit zahlreichen Anekdoten und deftigem Humor zu würzen wusste: Von einem Adligen wird erzählt, der mit seinem Gefolge in der Mühle „übernachtete“, und diese so gebrandschatzt zurückließ, dass daraufhin Müller und Müllerin sowie einige ihrer Kinder verhungerten.

Erzählt wird vom Mühlenbauer, der das Korn zur Mühle brachte, und eines Abends schlafend auf den Säcken der Kutsche gefunden wurde: Die Pferde waren mit dem schlafenden Bauern auf der Pritsche den wohlbekannten Weg alleine gelaufen.

Die eigenen Großeltern lebten kinderreich in der Mühle, ein Onkel Wolfgang Fesslers´ ertrank als Kind im Mühlkanal, ein anderer starb bei der Geburt.

Wehmut kommt auf

Wehmütig berichtete Fessler auch, in der eigenen Vergangenheit angekommen, von den langen Erntekarawanen, die sich am Ende jedes Sommers vor der Mühle bildeten: Die Bauern warteten in scheinbar nie endenden Schlangen von Traktoren mit vollen Anhängern. „Die haben uns die Kästen leergetrunken, weil jeder natürlich ein Bier bekam.“ Kinder seien in diesen Karawanen beim Warten geboren worden, ein geselliges Treffen war es immer. „Das gibt’s heute auch nicht mehr“, so der Müller: Die Erntezeit dauere heutzutage zehn Tage, der Bauer käme mit seinem riesigen Traktor einmal und beeile sich, wieder wegzukommen, „weil er sonst Standgeld bezahlen muss“.

Das Mühlensterben in den 1960ern und dann in den 1970ern, nach dem nun die Großmühlen das Gewerbe beherrschen und täglich viermal so viel mahlen wie Fessler im ganzen Jahr, zwangen ihn, neue Wege zu gehen. Diese beschreibt er rückblickend als „sehr holprig, sehr riskant.“ Um Platz bei der Mühle nicht verlegen, gründete er erst ein Fitnesstudio, es folgten die Kleinkunstbühne, das Mühlenmuseum, eine Ausweitung des Ladenangebots um Sportnahrung und seit Neuestem die Whisky- und Ginproduktion. Auch mit einem alten Bekannten hat der Müller Frieden geschlossen: Der Mühlenkobold ziert das Etikett seiner Flaschen.

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