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Heimatspaziergang: Mit Galerist und Schlossbesitzer Rudolf Bayer im Schlosss Freudental

Der Heimatspaziergang mit dem Galeristen Rudolf Bayer fürt durch den Park seines Schlosses Freudental. Er kennt es seit seiner Kindheit.

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Der Kunsthändler Rudolf Bayer vor dem Freudentaler Schloss, das ihm gehört.  Foto: 

„Schlossherr“ mag sich Rudolf Bayer nicht nennen lassen. Mit „Schlossverwalter“ kann er sich schon eher anfreunden. Andererseits: Schloss Freudental gehört ihm nun mal. Und er wendet viel Zeit und Geld dafür auf, es in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Innen, außen, am Gemäuer, im Garten, im Park. Der BZ-Heimatspaziergang mit dem 68-jährigen Bietigheimer Kunsthändler beginnt im Garten, angelegt 1807, im Empire-Stil. Friedrich I., König von Württemberg wollte seinen Garten nach französischem Vorbild mit schlichten, wenig verschnörkelten, aber dennoch elegant und fein geschwungenen Brunnen und Steinbänken.

„Als die Bäume noch nicht die Sicht verdeckten, konnten die Bediensteten die Kutsche des Königs von weitem nahen sehen – und sich schnell umziehen“, erzählt Bayer und zeigt auf die Straße in Richtung Ludwigsburg. Die heutige K 1633 verläuft über gut drei Kilometer schnurgerade. Sie wurde angelegt als Verlängerung des Kiesweges, der durch den Empire-Garten und durch den Park führt. „Diese Straße nennt man auch ,Königssträßle’“, sagt der Schlossbesitzer.

Dass Bayer einmal ein Schloss kauft, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Der Sohn eines Prager Architekten wuchs in einer Vertriebenen-Familie in Sachsenheim auf. Als Kind ist er am Schloss vorbeigeradelt, wenn es ins Zeltlager ging. Ebenso wie er auf dem Schulweg an der Villa Faber in Bietigheim vorbeifuhr, die auch an seinem Schulweg stand. Heute gehört ihm auch die Villa. „Dass ich einmal darin wohne, war für mich jenseits allen Denkens.“ Der Besitz von Villa und Schloss verleihen ihm „ein tiefes Gefühl, dass die Dinge sich fügen, rund werden“.

Erfolg, aus dem sich Selbstbewusstsein speist. Bayer fügt hinzu: „Ich weiß aber auch: Ich habe ungeheuer viel Glück im Leben gehabt.“

Als Geschichtslehrer, der er zunächst war, hätte er sich sowohl Schloss Freudental als auch die Villa Faber höchstens für ein verlängertes Wochenende zur Miete leisten können. Doch als sein erstes Kind auf die Welt gekommen war, ist er erstmal zu Hause geblieben – und hat sein Interesse für Kunst professionalisiert, in der Galerie am Unteren Tor in Bietigheim. „Das war die Initialzündung“, sagt Bayer, heute Vater zweier Söhne und einer Tochter. Danach ging es steil bergauf mit der Galeristen- und Händlerkarriere, mit Werken von HAP Grieshaber, von Adam Lude Döring und anderen modernen Künstlern. Den Grieshaber kannte Bayer noch aus seiner Studienzeit in Tübingen. Heute ist der 68-Jährige in erster Linie ein Kunsthändler klassischer Moderne. Unter anderem besitzt er den Nachlass von Max Ackermann (1887-1975) und hat in den 1990er-Jahren Otto Dix ausgestellt. Im Schloss überlässt Bayer derzeit dem Löchgauer Maler Wolfgang Häberle ein Atelier.

Mehr als zwei Millionen Euro hat Bayer für das Freudental Prachtstück bezahlt. Und einige Millionen in die Sanierung gesteckt. Allein 60 000 Liter Heizöl brauche das Schloss im Jahr. Heizte er nicht genug, würden die alten Mauern Wasser aufsaugen, Schimmel sich ausbreiten.

Noch immer hat er nicht verwunden, dass er in dem Schloss keine Privatschule errichten konnte, wie er sagt. Im Jahr 2011, als Bürgermeisterin Dorothea Bachmann ging, schrieb er an die BZ-Redaktion. Da war das Projekt bereits gescheitert. Er schrieb, die Gemeinde Freudental habe durch „dreijähriges und hinhaltendes Taktieren und Verzögern“ ein Projekt zu Fall gebracht, dessen Konzept 2007 „im konkreten Planungsstadium“ gewesen sei. Durch das jahrelange Hin und Her seien jedoch Sponsoren und Förderer abgesprungen.

„Einen Plan B hatte ich nicht“, sagt Bayer. Also betreibe er heute Denkmalschutz. Mit der Vermietung für Hochzeiten (das Wochenende für 3500 Euro) oder für einzelne Tagungstage (um die 800 Euro Miete am Tag) soll zumindest ein Teil der Haltungskosten reinkommen.

Ständig lässt er irgendwas erneuern. Zurzeit ist das Teehaus dran. Bayer hat bereits das Holzgerüst aufstellen lassen. Es ist überdacht und steht an einem aus der Ferne nicht erkennbaren „Ententeich“ mit einer seltenen Seerosenart. Bald stehen im Häuschen weiße, englische gusseiserne Stil-Möbel.

Vor dem Teehaus lässt Bayer Bäume fällen, um einen Kiesweg zum See in der Mitte der Anlage anrichten zu lassen. So wie es früher zuzeiten des Königs war, als in der Mitte des Sees noch ein Billard-Tisch aus Stein stand. Als Bayer von dem Bedauern erzählt, dass er einige der Platanen am See, die seit der Mitte des 19. Jahrhundert dort stehen, bald fällen lassen muss, weil sie alt und schief sind, beschließen gerade zwei Karpfen im grüngold schimmernden Wasser, ein Stück miteinander zu schwimmen. „Ist das nicht herrlich? Und das nur zehn Autominuten von Bietigheim entfernt. Wozu muss ich da noch  in den Urlaub fahren.“ Jubel in den Augen.

Der Kiesweg führt durch die gesamte Anlage, durch den Park mit seinen drei Seen mit den vielen Fischen vorbei an einer Obstplantage mit Nuss-, Apfel-,- und Mirabellenbäumen hin zu einem verschnörkelten Eisentor, über dem die Kronen zweier wuchtiger alter Linden unter Naturschutz thronen. „Das hier war eine Musterplantage. Freudentaler Obst war im 19. Jahrhundert berühmt“, sagt Bayer.

Er selbst ist derzeit etwa drei bis vier Mal die Woche da, höchstens eine Stunde. Um zu sehen, was als nächstes gemacht wird, und um nachzusehen, wie es gemacht wird. Das will er machen, bis er tot umfällt. „Ich stelle mir Ruhestand als Unglück vor“, sagt er. „Aus der Arbeiterbewegung heraus kann ich den Wunsch nach Ruhestand historisch nachempfinden. Aber ich darf gestalten. Und das empfinde ich als großes Glück.“  Vor allem, wenn es um ein Stück Heimat geht.

Bayer zitiert einen abgewandelten Satz des Philosophen Ernst Bloch: „Heimat ist, was in die Kindheit scheint, und doch nie erreicht wird.“ Er verbinde damit ein Heimatgefühl, das stark an der Biographie angelehnt und eine Verwurzelung bedingt. Das Kind, das am Schloss vorbei geradelt ist, mit all seinen Fantasien dazu. Der Erwachsene, der den Traum kauft, damit aber in der Verantwortung steht. Der nicht in der Fantasie leben kann, sondern sich mit der Welt und ihren Realitäten auseinandersetzen muss. Zum Beispiel mit widerborstigen Freudentaler Gemeinderäten.

„Ein Schloss ist immer Eigentum auf Zeit“, sagt Bayer. Er weiß: Das Gebäude hat nicht nur Friedrich I. von Württemberg überlebt, es wird sehr wahrscheinlich auch Rudolf Bayer überleben. „Die Demut kommt von alleine, wenn man mit so etwas umgeht“, sagt er. Seine Lebenszeit reiche nicht, mit der Restaurierung fertig zu werden. Das Schloss trägt dennoch zur Sinnhaftigkeit im Leben bei: „Ich bin wohl dazu da, manche Dinge in die richtige Richtung zu lenken“, meint er. Dem Denkmal gerecht werden, nennt er das.

Bayer gibt zu, dass er damit zugleich hofft, dass etwas von ihm bliebt. Er vergleicht das Werden des Schlosses mit einer Zwiebel, die viele Schichten hat: „Vielleicht werde ich eine schmale Schicht in dieser Zwiebel sein.“ Der Umgang mit der Endlichkeit ist eine Verzweiflung, aus der Kultur entsteht, sagt Rudolf Bayer am Ende des Heimatspaziergangs durch seinen Schlosspark. „Und Kultur ist etwas Bleibendes.“

Info
„Heimatspaziergang“ nennt sich eine Serie der BZ während des Sommers, die in loser Folge erscheint. Dabei erzählen bekannte Personen bei einem Gang über die Markung unter anderem, was der Ort oder seine Natur für sie bedeuten.

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