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Heimat von Literatur und Gemälden

Seit Juli 1994 gehört das Schloss der Stadt. Knapp ein Jahr später wurde Charlotte Zander Mieterin, seit September 1996 wird dort ihre Sammlung gezeigt.

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Eine wechselvolle Geschichte hat das Stadionsche Schloss in Bönnigheim. Die Schriftstellerin Sophia La Roche, aber auch die Sammlung Zander, die aktuell ihre neue Ausstellung zeigt, sorgten und sorgen für Aumerksamkeit weit über die Stadt hinaus.  Foto: 

Mehr als 11 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche bietet das 1756 gebaute Stadionsche Schloss auf drei Geschossen. Seit September 1996 ist dort die Heimat der Sammlung Zander, die als weltweit größte und wichtigste ihrer Art genannt wird: In mehr als 60 Jahren hat die ehemalige Galeristin und Sammlerin Charlotte Zander (1930 bis 2014) Arbeiten der Naive und Art Brut zusammengetragen. Zum 20-jährigen Bestehen der Ausstellung im Bönnigheimer Barockschloss haben Kuratorin Susanne Pfeffer, Kunsthistorikerin und Direktorin des Friedericianum in Kassel, und Susanne Zander, Tochter der verstorbenen Sammlerin und Mäzenin, mit 209 ausgewählten Arbeiten von 27 Künstlern seit März eine neue Sichtweise auf die umfassende Sammlung zusammengestellt. Das Hauptgewicht der Ausstellung beruht auf Werken der französischen Klassiker wie André Bauchant, Camille Bombois und als eine der wenigen weiblichen Vertreter Séraphine Louis. Dazu gesellen sich Arbeiten von Adolf Dietrich, Adalbert Trillhaase, Alfred Wallis und Vertretern der Outside Art wie Augustin Lesage, Adolf Wölfli.

Für ein Landstädtchen wie Bönnigheim war das Schloss von Beginn an ein bedeutsames Bauwerk. Es wurde nach den Plänen des Mainzer Hofes von Anselm Friedrich Ritter von Groenesteyn geplant und von Baumeister Anton Haaf für Friedrich Graf Stadion 1756 als Sommerschloss errichtet. Und es war vor knapp 250 Jahren schon einmal ein Ort der Kunst: Dort verfasste seine Schwiegertochter Sophie La Roche um 1770/1771 das Buch "Die Geschichte des Fräulein von Sternheim" - bekanntlich der erste in Deutschland von einer Frau veröffentlichte Roman. Eine Frau, die als Vorreiterin in ihrer Zeit die Literatur dazu nutzte, frei und jenseits der Gepflogenheiten ihr sprachliches Können zu entfalten, um der Nachwelt zu erhalten, wie es damals wirklich zuging in den Kreisen der Offiziere, des Klerus und des Adels. Eine Frau, die Johann Wolfgang von Goethe, überaus schätzte und so in "Dichtung und Wahrzeit" beschrieb: "Wer die Gesinnung und die Denkweise der Frau von La Roche kennt - und sie durch ein langes Leben und vielen Schriften einem jeden Deutschen ehrwürdig bekannt geworden -, der möchte vielleicht vermuten, dass hieraus ein häusliches Missverständnis hatte entstehen müssen. Aber keineswegs! Sie war die wunderbarste Frau, ich wüsste ihr keine andere zu vergleichen. Schlank und zart gebaut, eher groß als klein, hatte sie bis in ihre höheren Jahre eine gewisse Eleganz der Gestalt sowohl als des Betragens zu erhalten gewusst, die zwischen dem Benehmen einer Edeldame und einer würdigen bürgerlichen Frau gar anmutig schwebte."

La Roche hatte 1770 genau den Zeitgeist, den Publikumsgeschmack getroffen. Rund 15 Jahre lang war sie das, was man heute eine gefeierte Star-Autorin nennen würde. Sie blieb ihrer einmal eingeschlagenen Richtung treu, entwickelte sich literarisch nicht weiter. Stattdessen pflegte sie ihre empfindsame Sprache, eine gefühlsbetonte Ausdrucksweise, während sich andere zeitgenössische Schriftsteller in eine andere Richtung bewegten: Zum Gefühl gesellte sich im Formalismus der Klassik wieder der Verstand. So wurde ihr Lebenswerk nach der Erfolgszeit zunächst bespöttelt, später fast vergessen. Joseph von Eichendorff schrieb "über die geistige Ahnfrau jener süßlichen Frauengeschichten" insbesondere im Blick auf Sophies Enkel, Clemens Brentano und Bettina von Arnim (geborene Brentano), "die leibliche Großmutter eines völlig anderen, genialen Geschlechts" nehme sich dabei wie eine Henne aus, "die unverhofft Schwäne ausgebrütet hat". Von Stadions Schwiegertochter hat sich dennoch weit über das hinausgewagt, was ihr als Frau in dieser Zeit von der Gesellschaft zugestanden wurde. Damit verkörpert sie in ihrem Werk und insbesondere in ihrem persönlichen Wirken eine Vorkämpferin für ein verändertes Verständnis der Frauenrolle.

Eine Einschätzung, die sich erst in unserer modernen Zeit manifestiert hat. Dabei kommt man fast zwangsläufig auf die aktuell im Stadionschen Schloss gezeigte Kunst zurück. Auch diese ist in der Bönnigheimer Bevölkerung nicht immer unumstritten, zumal die Stadt nicht nur bei der Renovierung 1995 umgerechnet mehr als fünf Millionen Euro in das Gebäude investierte, sondern auch erst in den vergangen Monaten für Erhaltungsmaßnahme 180 000 Euro ausgeben musste.

Info Die Sammlung Zander ist donnerstags bis sonntags, jeweils von elf bis 17 Uhr. Zum Museumstag am Sonntag, 22. Mai, gibt es um 11.30 Uhr und 14 Uhr Führungen durch "27 Künstler, 209 Werke".

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