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Geschichte wird greifbar

Nicht mehr gebrauchte religiöse Schriften und Kultgegenstände haben Juden nicht weggeworfen, sondern aufbewahrt - in einer Genisa. Bei der Sanierung der Freudentaler Synagoge wurde eine solche Genisa auf dem Dachboden gefunden.

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  • Martin Haußmann war einer der "Entdecker" der Freudentaler Genisa. PKC-Geschäftsleiterin Barbara Schüßler erläutert er den schriftlichen Willkommensgruß an Herzog Friedrich II. von Württemberg. 1/2
    Martin Haußmann war einer der "Entdecker" der Freudentaler Genisa. PKC-Geschäftsleiterin Barbara Schüßler erläutert er den schriftlichen Willkommensgruß an Herzog Friedrich II. von Württemberg. Foto: 
  • Ein Schmuckband wie dieses wurde in der Wohnung zu festlichen Anlässen aufgehängt. 2/2
    Ein Schmuckband wie dieses wurde in der Wohnung zu festlichen Anlässen aufgehängt. Foto: 
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Martin Haußmann, in den 1980er-Jahren im Vorstand des Förder- und Trägervereins Ehemalige Synagoge Freudental, erinnert sich heute noch genau an den Abend der Entdeckung der Genisa. "Wir stiegen auf einer schmalen Leiter von der Frauenempore hinauf zu einer kleinen Luke im hohen Muldengewölbe der Synagoge."

Bewusst habe man für das waghalsige Unternehmen die Dunkelheit abgewartet, "damit durch die Sprossen der tief unter uns liegende Boden nicht zu erkennen war und Höhenangst erst gar nicht aufkommen konnte", so Haußmann heute. Im Schein der Taschenlampen entdeckten Haußmann und andere neugierige Forscher dann zwischen den Balken des Dachgestühls die Genisa - ein Sammelsurium an Gebetsbüchern, Kalendern, Aufzeichnungen, Textilien, Stoff- und Lederbeuteln sowie Gebetsriemen. Überzogen waren die modrigen Haufen mit Dreck und Staub aus rund zwei Jahrhunderten. Mühsam in Plastiksäcken gesammelt, wurde der Fund an Seilen zu Boden gebracht und im Rathaus gelagert.

Martin Haußmann, damals als Restaurator im Württembergischen Landesmuseum tätig, hat sich in seiner Freizeit der Schriftstücke angenommen, diese gereinigt und geglättet. Erstmals bei der offiziellen Einweihung des PKC im Januar 1985 konnten Exponate aus dem Freudentaler Genisa-Fund ausgestellt werden. Danach waren etliche Experten am Werk, die einen kleinen Teil des gefundenen Materials wissenschaftlich unter die Lupe nahmen.

Unter dem Motto "Das verborgene Erbe der jüdischen Gemeinde Freudentals" wurde 1997 auf der Frauenempore der ehemaligen Synagoge eine Dauerausstellung eröffnet. Dort befindet sie sich noch heute. Für Barbara Schüßler, Leiterin des Pädagogisch-Kulturellen Centrums (PKC) ist die Ausstellung von besonderem Wert. "Die Exponate geben uns wichtige Aufschlüsse über die kulturhistorische Geschichte im Allgemeinen sowie des Landjudentums." Bei ihren Führungen spielt die Ausstellung meist eine Rolle, weil "durch die Objekte in den Vitrinen Geschichte wirklich greifbar ist", erklärt die Geschäftsleiterin.

In der entdeckten Genisa befanden sich wertvolle Fundstücke wie etwa ein gebetsartiger Willkommensgruß an Herzog Friedrich II. von Württemberg, den späteren König Friedrich I. von Württemberg. Dieser in Hebräisch verfasste Gruß ist ein Exponat unter vielen. Die Zeilen stammen aus der Feder des Freudentaler Rabbiners Nathan Elsässer.

Am 25. Mai 1801 schrieb sie der Rabbiner aus Anlass des hohen Besuchs von Herzog Friedrich II. von Württemberg. Der Herzog war anfangs des Jahres 1801 aus dem Exil in Erlangen nach Württemberg zurückgekehrt und machte danach auch Station in Freudental. In der Stromberggemeinde befanden sich damals das dem Haus Württemberg gehörende Schloss und die herrschaftlichen Jagdreviere.

Die im Ort ansässigen Juden waren stets auf das Wohlwollen und den Schutz des Landesherrn angewiesen. Deshalb sprachen sie in der Synagoge regelmäßig ein Gebet für den Landesherrn aus. Der in der Genisa gefundene Willkommensgruß beginnt mit den Worten: "Dies ist der Tag, den wir ersehnt, nach dem unsere Seele verging" Und an anderer Stelle der fünfseitigen Schrift heißt es: "Erfülle die Hoffnung der Armen. Erbarme dich unser. Und in deinem Schatten verbirg uns vor falscher Rede. Über Tand und Nichtigkeit möge Gott dich erheben. Gedenk, dass wir ein Abbild Gottes sind"

Die Schrift sei ein bedeutendes historisches Dokument, sagt Barbara Schüßler. Dennoch fällt es ihr schwer, ein Exponat aus der Sammlung besonders hervorzuheben. Die Geschäftsführerin verweist auf bunte Torawimpel und Schmuckbänder, die zum Laubhüttenfest aufgehängt wurden, Schuldscheine und Taschenkalender. Ihr Lieblingsstück ist das Fragment eines Werbezettels in hebräischer Schrift. Die Landkaffeemanufaktur in Vaihingen warb damit für koscheren Zichorienkaffee.

Auch dieser gelbe Fetzen Papier wurde Anfang der 1980er-Jahre auf dem Dachboden gefunden. Was in der Freudentaler Ausstellung zu sehen ist, ist jedoch nur ein Bruchteil dessen, was vor mehr als 30 Jahren gefunden wurde. Der größte Teil des Funds lagert noch in Kisten und wartet auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung.

Info In einer lose Reihe spürt die BZ-Redaktion unter dem Motto "Selten gesehen" Ausstellungsexponate auf, die eher im Verborgenen oder versteckt zu finden sind. Wir erkunden dabei Ausstellungen, Museen und Sammlungen in Bönnigheim, Erligheim, Freudental, Kirchheim und Löchgau.

Sammlung ausgebrauchter Schriften und Kultgegenstände

Übersetzung Genisa bedeutet übersetzt Lager, Speicher oder Depot. In der Praxis des rabbinischen Judentums wurden in einer Genisa unbrauchbar gewordene oder nicht mehr gebrauchte Schriften deponiert, die man deshalb nicht wegwarf, weil sie den heiligen Namen Gottes enthielten. Mangelnde Hebräisch-Kenntnisse in der jüdischen Gemeinde führten im Laufe der Zeit dazu, dass sicherheitshalber alle Texte mit hebräischen Buchstaben, darunter auch profane Texte , aber auch Kultgegenstände, die auf irgendeine Weise mit der Religionsausübung in Verbindung standen, in der Genisa abgelegt wurden.

Fund In der Freudentaler Synagoge wurde die Genisa mit Beginn der Sanierungsarbeiten Ende 1981 im Dachgestühl gefunden.

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