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Familiendrama in Löchgau: Opfer hat alle schikaniert

Am vierten Verhandlungstag zum Drama auf dem Löchgauer Bauernhof präzisierten weitere Angehörige das problematische Verhältnis zu dem Mann, der wohl von seinem eigenen Vater erschossen wurde.

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Tag vier im Prozess um die Schüsse in Löchgau, die einem 54-Jährigen im Juni das Leben gekostet haben. Auch dieses Mal ging es vor dem Heilbronner Landgericht um das Verhältnis des Toten zu seiner Familie, insbesondere zu seinem Vater - denn der hat ihn wohl erschossen. Noch in der Tatnacht hatte der heute 83-Jährige gestanden. Während vergangenen Donnerstag der Bruder und der gerichtlich bestellte Betreuer des Opfers befragt worden waren, äußerten sich am Dienstag unter anderem die Schwester, die beiden Söhne und die Exfrau des Erschossenen sowie ein Psychiater.

Meistens ging es um die Frage, wie aus dem ältesten Sohn der Löchgauer Schweinebauern der Tyrann werden konnte, als den ihn die Familie einhellig beschreibt. Alle soll er schikaniert haben: Den jüngeren Sohn, heute 26, den er ausgesperrt hatte, wenn der zu spät vom Feiern kam. Den Vater und den Bruder, indem er ein Traktorrad abgeschraubt hatte. Und die Ehefrau, der er nach der Trennung auf ihrer Arbeitsstelle aufgelauert hatte.

Streit, sagte der jüngere Sohn des Toten, habe sein Vater immer nur in der Familie gesucht. "Ich habe nie jemanden gekannt, der so provoziert hat." Sein Großvater hingegen sei "ein besonnener Mensch, der keiner Fliege was zu Leide tun kann." Warum er dann doch schoss, erklärte er sich in etwa wie der Rest der Familie: "Er konnt' nimmer. Er hatte nicht mehr die Kraft für diese Streitereien, für das Hin und Her, die Bedrohungen. Er hat sich schlicht im Stich gelassen gefühlt vom Staat." Damit meinte er die Sache mit der Axt.

Denn noch vor den Schüssen hatten die Streitereien der Familie Polizei und Gerichte beschäftigt. Doch keine Situation wurde als so unmittelbar gefährlich beschrieben wie der Tag, an dem der nun Erschossene seine Eltern mit einer Axt bedroht hatte. Erst nach gutem Zureden der Polizei hatte er sie auf den Boden gelegt. Die Beamten hatten seine Personalien aufgenommen und waren gegangen. "Ich frage mich heute noch, ob das gängige Praxis ist", sagte die Schwester des Toten und macht der Polizei Vorwürfe: Immerhin hätte ein gerichtliches Betretungsverbot ihn schon damals von den Eltern fernhalten müssen. Die alten Bauern hatten sich den Betrieb und das Anwesen bereits vom Sohn zurückgeholt: Er hatte die Schweine verenden lassen und die Rechnungen nicht bezahlt. Regelmäßig verärgerte er die Familie auch, indem er zu spät zu wichtigen Arbeiten kam - oder gar nicht.

War er psychisch krank? Diese Leitfrage zog sich durch alle Befragungen. Dass etwas nicht stimmen konnte, war allen klar, allein die Antriebslosigkeit, das späte Aufstehen. An was er genau litt, konnten die Experten noch nicht abschließend klären: ein gerichtlich bestellter Gutachter, der den Toten noch zu Lebzeiten gesprochen hatte, und der Gutachter des laufenden Prozesses. Beide vermuten eine "schizotype Störung", die zum Spektrum einer schizophrenen Erkrankung gehöre, ohne deren Kernsymptome zu beinhalten. "Denken und Sprache waren vage", sagt der Experte, der das Opfer vier Monate vor den Schüssen sprach. "Ein Laie würde am ehesten sagen, dass er komisch ist, aber nicht, dass er krank ist."

Der Verteidiger des mutmaßlichen Schützen konzentrierte sich auf die aggressive Ader des 54-Jährigen. So soll er gedroht haben, seine Mutter und die Ehefrau umzubringen, darin stimmen Aussagen der Familienmitglieder überein. Unmittelbar vor den Schüssen hatte das Opfer seine Mutter bedroht.

Trotz all der Drohungen: "Mein Vater hat ihm eigentlich immer geholfen", sagte die Schwester des Toten. Sie habe ihm vertraut und deshalb auch das Gewehr, die spätere Tatwaffe nie problematisiert. "Weil er kein aggressiver Mensch ist."

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