Partner der

Einblicke in alten Gewölbekeller

In Bönnigheim gibt es viele Stadtführungen. Zu den begehrtesten gehört die Tour mit dem "Bretzel Bua" Mike Etzel und dem "Tratschweib" Eva Wöhr, bei der am Samstag 45 Teilnehmer historische Anekdoten und feine Weine genossen.

|

Das Schloss war an diesem lauen Sommerabend Treffpunkt eines ganz besonderen Stadtrundgangs unter der Führung von Brezel Bua Mike Etzel und "Tratschweib" Eva Wöhr. "Wir nehmen die Stadtführung heute eher humorvoll. Es geht nicht darum, ernste historische Fakten und Jahreszahlen zu vermitteln, sondern die Leute einfach gut zu unterhalten", betonte Etzel von der Historischen Gesellschaft in der Ganerbenstadt. Seine Kollegin Wöhr, die bei den Weingärtnern Stromberg-Zabergäu für Veranstaltungen zuständig ist, ergänzte lächelnd: "Natürlich gibt es dazu auch einen guten Wein."

Den Auftakt machte ein spritziger Secco, der sicherlich auch der bekannten Sophie La Roche gemundet hätte. Die Schriftstellerin, die einst in Bönnigheim lebte, hatte von der Stadt sehnsüchtig behauptet: "Wenn es doch unter den vorzüglichen Weinen noch andere Annehmlichkeiten in Bönnigheim gäbe."

Nach einem erfrischenden Beginn tauschten die 45 Teilnehmer der Stadtführung ihr Sektglas gegen ein Weinglas aus und folgten dem Leiterwagen von Wöhr und Etzel, in dem sich weitere edle Tropfen befanden. Nächste Station war der tiefste Punkt in der Altstadt Dolloch, wo früher die Stadtentwässerung unter der gewaltigen Stadtmauer hindurch geführt wurde.

"Hier sollten alle gut aufpassen, dass sie von oben nicht unfreiwillig nass werden", empfahl Etzel den Teilnehmern scherzhaft, bevor er zum schmucken Quartier "Im Zwinger" aufbrach, wo früher die Weinhändler wohnten. Das Erdgeschoss der ansehnlichen Fachwerkbauten ist jeweils aus heimischem Sandstein gemauert und besitzt einen Zugang zum stattlichen Gewölbekeller eines jeden Gebäudes. "Die Wengerter hatten damals ein schweres Leben. Es gab viel Frost und viele schlechte Weinlesen. Oft nagten die Winzer am Hungertuch", klagte "Tratschweib" Wöhr. Etzel wiederum lenkte die Blicke der Teilnehmer auf die Überreste der Stadtmauer, die damals durchschnittlich neun Meter hoch und 1,60 Meter stark war und deren Mörtel mit Wein angerührt worden sein soll.

Im Burgplatzkeller, dem heutigen Kulturkeller, nahmen die Teilnehmer selbst ein altes Gewölbe in Augenschein, das einst im Jahre 1675 aus den Steinen der zerstörten Stadtburg erbaut worden war und den Wein der feinen Stadtherren beherbergte.

Während Wöhr einen trockenen Weißburgunder ausschenkte, erinnerte Etzel daran, dass 1919 im Bärensaal der erste Bönnigheimer Weingärtnerverein gegründet worden war. Aus dem Alltag der Mitglieder der heutigen Weingärtner Stromberg-Zabergäu konnte Wöhr berichten. "Diese Genossenschaft ist die drittgrößte in ganz Württemberg und ihre Winzer kämpfen augenblicklich mit der gefürchteten Kirschessigfliege, die als neuester Schädling ganze Traubenernten vernichten kann, da sie diese sauer werden lässt", so Wöhr. Im Backhaus im Meiereihof gab es neben flüssiger Nahrung, einem süffigen Muskattrollinger, auch leckere Bretzeln, die Bretzel Bua Etzel aus dem Ofen holte. "Um 1830 waren heimische Herde in Bönnigheim wegen der Brandgefahr verboten, und die Frauen mussten in den fünf Backhäusern der Stadt ihr Brot backen. Die Aufsicht darüber führte die Backhausfrau, welche die Backzeiten genau einteilte. Wen sie nicht mochte, ließ sie morgens um sechs Uhr backen, denn dann dauerte es besonders lange bis der gewaltige Ofen die richtige Temperatur hatte", schilderte Etzel.

Auch den Ursprung des schwäbischen Ausspruchs "No net hudla" lernten die Teilnehmer der Stadtführung kennen, denn der Ofen musste sehr sauber und gewissenhaft mit dem Hudellappen gewischt werden. In der Neipperger Kelter wartete ein Trollinger auf die Teilnehmer und ein Auszug aus der Weinherbst-Verordnung von 1656, in der klar geregelt war, dass Frauen ihren Männern das Vesper in die Kelter nur in offenen Körben und zur rechten Zeit bringen mussten, damit nicht unbeobachtet Wein stibitzt werden konnte. Auch aus dem eigenen Wetterkalender der Bönnigheimer Winzer zitierte Etzel, bevor er seine Gäste in die altehrwürdige Cyriakuskirche führte, wo er auch von der kinderreichsten Bönnigheimerin erzählte, die im Volksmund "Schmotzerin" genannt wurde.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Partner der

Sitzung in der Sommerpause

Es kommt sehr selten vor, dass Gemeideräte während der Sommerferien tagen. Doch diese Woche gibt es unter anderem in Löchgau, Sachsenheim und Markgröningen Sitzungen. Warum? weiter lesen