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Von Wasen, Wiesen und Wörth

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Das Gewann „Bleichwörth“. Wörth bedeutet Land am Wasser, und um 1935 wuschen hier sonntags die Bauern ihre Pferde. Danach durften übrigens die Frauen baden, heißt es.  Foto: 

Bietigheim im Jahr 1935. Bauern führen ihre Pferde zur Enz am „Bleichwörth“ unterhalb der alten Enzbrücke. Für Experten in Sachen Flurnamen ist klar, dass ein solcher Ort, ein Wörth oder Wert, nur an einem Gewässer liegen kann. Es handelt sich von der Wortbedeutung her um ein Stück Land am Wasser (oder auch um eine Insel). Doch woher stammt der erste Teil des Wortes? Lauerten hier Gefahren, die einen bleich werden ließen? Keineswegs: Hier hängten im Mittelalter Tuchmacher ihre Stoffe auf, um sie vom Sonnenlicht bleichen zu lassen, sie also heller zu machen.

In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts waren die Tuchmacher jedoch schon längst Geschichte. Die Flurnamen gehen in ihrer Entstehung weit ins Mittelalter zurück und beschreiben, wie damals die Landschaft aussah. Sie dokumentieren damit die vorindustrielle, landwirtschaftlich geprägte Zeit.

Röte ist nicht gleich rot

Daran, dass erst gerodet werden musste, bevor man etwas anpflanzen konnte, erinnern die Rodungsnamen. Reinhard Hirth, ehemaliger Lehrer im Ellental-Gymnasium und Mitglied im Geschichtsverein, der sich intensiv mit den Flurnamen in Bietigheim-Bissingen beschäftigt hat, hat ermittelt, dass der Flurname „Grünwiesen“ dazu zählt. In der ältesten Überlieferung als „Gereuwisen“ bezeichnet, hat dieser Name gar nichts mit „Grün“ zu tun, sondern geht auf gereutete, das heißt gerodete Wiesen, die durch Beseitigung des Waldes entstanden sind, zurück. Ein weiteres Beispiel für einen Rodungsnamen, der ebenfalls zu einer Fehlinterpretation verleiten kann, ist die Bezeichnung „Röte“ am Brandholz. Auch hier sei keine rote Farbe Namensgeber, sondern es sei eine Dialektform für „Reuthe“, also ein gerodetes Gelände, das dem Brandholz abgerungen wurde, sagt Hirth.

Die Flussaue blieb im Mittelalter dem Grasland vorbehalten, da dort aufgrund der Überschwemmungsgefahr eine ackerbauliche Nutzung wenig Sinn gemacht hätte. Namen wie Langwiesen, Mühlwiesen oder Brühlwiesen kommen auf der Gemarkung von Bietigheim und Bissingen entlang der Enz vor. Als Brühl bezeichnete man eine feuchte Wiese, die sich besonders gut als Viehweide eignete, oft im Besitz der Dorfherrschaft. Gab die Wiese weniger her, weil sie auf schlechtem Grund lag, wurde sie Wasen genannt. Auch diesen Flurnamen findet man in Bissingen, wobei der berühmteste Wasen im Land zweifellos in Cannstatt liegt.

Der steile Abhang am Fluss wurde Hälde oder Halde genannt – was also nichts mit irgendwelchen Hinterlassenschaften zu tun hat, die man dorthin brachte. Im Gegenteil: Die „Brandhalde“ in Bissingen diente laut Reinhard Hirth sogar dazu, dass von dort etwas geholt wurde – nämlich Brennholz. Diese Interpretation sei allerdings ohne Gewähr, so der Experte.

Die fruchtbarsten Äcker

Denn nicht immer ist ganz klar, was die alten Namen bedeuteten. Bei den Namen „Söllert“ und „Hutstütze“ (Richtung Löchgau) muss auch Hirth passen.

Teilweise selbsterklärend sind dagegen Namen mit dem Bestandteil „-äcker“. Nach Einführung der Dreifelderwirtschaft wurden im Mittelalter die fruchtbaren Böden intensiv genutzt, was sich in vielen Flurnamen niederschlug. Die Kreuzäcker könnten auf ein altes Wegkreuz hindeuten. Doch die „Mehläcker“? Reinhard Hirth weiß die Antwort: Das seien „die fruchtbarsten Äcker in Bietigheim“ gewesen, sie lieferten also das meiste Mehl.

Der ehemalige Lehrer plant schon seit geraumer Zeit eine Publikation über die örtlichen Flurnamen. Die werde allerdings noch eine Weile auf sich warten lassen, so Hirth, der aber gleichwohl der Erforschung der Vergangenheit Bietigheim-Bissingens treu bleibt: Derzeit beschäftige er sich vor allem mit den Stiftern der Gemälde der Kilianskirche.

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