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Überall fremd, nirgends zu Hause

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Von links: Fatema Sarwadi (12), Atefeh Ahmadi (16) und Sima Alimardani (15) sind seit einem Jahr in Deutschland und würden gerne in Bietigheim-Bissingen bleiben.  Foto: 

Vom Iran in die Türkei dauert die Reise fast einen Monat, pro Tag 18 Stunden zu Fuß. Bei Schnee und Eis, Regen, Kälte sind Atefeh Ahmadi, Fatema Sarwari und Sima Alimardani mit ihren Familien diesen Weg gegangen. „Es war so schlimm, ich wollte nicht mehr“, sagt Atefeh. Die drei Mädchen sind im Iran geboren, aber ihre Familien sind schon vor ihrer Geburt aus Afghanistan geflohen, „wegen des Krieges“, sagt Atefeh. Ihre Eltern stammen aus Kundus, Simas aus Kabul und Fatemas Familie kommt aus Herat. Kennengelernt haben sich die Mädchen erst in Bietigheim an der Sandschule, die sie seit einem Jahr besuchen. Dort sind sie Teilnehmer am Projekt „Deutsch geht gut“ der BZ und der Freundeskreise der Sandschule, der Realschule Bissingen und der Waldschule. „Ich will aufschreiben, wie es mir geht, was wir erlebt haben“, gibt Atefeh als Grund an. Alle drei haben die afghanische Staatsbürgerschaft, das bedeutet auch, nachdem Afghanistan als „sicheres Herkunftsland“ eingestuft wurde, dass sie theoretisch in das Land, das sie nicht kennen, abgeschoben werden können.

Afghanen sind im Iran staatenlos

Im Iran sind Afghanen staatenlos, sie besitzen keinen Pass, dürfen deshalb nicht arbeiten oder Eigentum besitzen. „Wir durften nicht mal Sim-Karten fürs Handy kaufen“, sagt Atefeh, deren Vater vor fünf Jahren starb, worüber sie nicht gerne spricht. Und Afghanen dürfen nicht zur Schule gehen, wie Fatema erzählt. Atefeh hat aber drei Jahre lang eine Schule besuchen dürfen, „weil meine Mutter viel Geld bezahlt hat“, sagt sie. Ihre fünf älteren Brüder haben mit Schwarzarbeit das Leben der Familie finanziert.

Wegen Merkel nach Deutschland

Die Erfahrungen der anderen Mädchen sind ähnlich. Da kamen Angela Merkels Willkommensgesten gerade Recht: „Wir wollten nach Deutschland wegen Angela Merkel“, sagt Atefeh. Genauso wie ihrer Familie ging es Tausenden Afghanen im Iran. Sie machten sich auf den Weg über die Türkei nach Deutschland, um die Chance auf ein Leben mit Arbeit und Bildung zu haben. „Wir wollen unbedingt zur Schule gehen“, sagen alle drei. Erstmal sind sie in der Bietigheimer Sandschule untergebracht, lernen – schnell und gut – Deutsch und lernen auch in ihrer Freizeit viel. Denn: Alle drei Mädchen wollen das Abitur machen. Fatemah und Atefeh wollen Ärztinnen werden, weil sie „so viele kranke Kinder auf der Flucht gesehen haben“, so Fatemah. Atefeh weiß ganz genau, dass sie in Flüchtlingslagern arbeiten will, „dort gibt es so viel Leid“. Sie hat gesehen, wie Kinder leiden und sterben, „das vergesse ich nie“.

Fast ein bisschen neidisch

Atefeh und Fatema sind derzeit fast ein bisschen neidisch auf Sima. Die 15-Jährige hat seit vergangener Woche eine einjährige Aufenthaltserlaubnis für Deutschland bekommen. Die 16-jährige Atefeh Ahmadi und die 12-jährige Fatema Ssarwari müssen in der Woche nach Ostern zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nach Heidelberg. Dort wird darüber entschieden, ob sie nach Afghanistan zurück müssen oder hier bleiben können. „Wir sind überall fremd und nirgends zu Hause“, sagt Fatema. Und Atefeh erklärt: „In Afghanistan war ich noch nie, ich kann kein Afghanisch, was soll ich dort? Im Iran wollte uns auch keiner, obwohl wir perfekt Persisch sprachen und in Deutschland sind wir auch fremd.“ Doch die drei, die mit ihren Familien im Flüchtlingswohnheim in der Bietigheimer Rötestraße leben, würden gerne in Deutschland bleiben.

„Was ich gut finde, ist, dass es in Deutschland viele verschiedene Religionen gibt, manche glauben sogar gar nicht an Gott“, sagt sie. Dass jeder gleich viel wert sei, ob „schwarz oder weiß, Moslem oder Christ, Frau oder Mann, das finde ich sehr gut“, so Atefeh.  „Im Iran gab es nur den Islam, nichts anderes, deshalb war es sehr interessant, zu sehen, wie viele Religionen hier nebeneinander leben“, sagt Atefeh. Sie fühlen sich schon willkommen in ihrem neuen Wohnort, „es gibt viele freundliche Menschen, die uns helfen“, sagt Atefeh Ahmadi. „Hoffentlich dürfen wir bleiben.“

Sehr wenige Abschiebungen nach Afghanistan

Bei den Syrern ist die Sache klar: Sie dürfen erst mal in Deutschland bleiben, denn ihre Heimat ist vom Krieg durchzogen, daran rüttelt kaum einer. Mit Afghanen ist die Lage komplizierter. Experten des Außenministeriums befinden, dass es dort nicht überall  derart unsicher sei, dass Asylbewerber nicht dorthin abgeschoben werden können. Die EU hat jüngst ein Abkommen mit Afghanistan getroffen, laut Medienberichten sollen bis zu 80.000 Afghanen aus Europa dorthin abgeschoben werden – wobei etwa bei alleinstehenden Frauen Einzelfälle genau geprüft werden sollen.

Für die Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz ist die Abschiebung von Afghanen derzeit ein im Landkreis ein „sehr präsentes Thema“, wie Mitarbeiterin Martha Albinger bestätigt. Sie berät unter anderem Flüchtlingshelfer, eine Kollegin bereitet Afghanen für die Anhörung durch das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge vor – wenn also die Abschiebung im Raum steht. „Sie lernen, alles Relevante vorzubringen und vor allem nicht aus falscher Höflichkeit viel zu knapp zu antworten“, sagt Albinger. Manche schämten sich, schlimme Dinge zu erzählen.

Noch haben Afghanen relativ gute Chancen, Asyl zu erhalten. Bundesweit liegt ihre Anerkennungsquote bei etwa 50 Prozent. Aus Baden-Württemberg wurden seit Jahresbeginn bis zum 10. März lediglich sieben abgelehnte Asylbewerber nach Afghanistan abgeschoben, Im gesamten Jahr 2016 waren es neun. Das teilt das für Abschiebungen zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe auf Anfrage mit. Ohnehin wird aus Deutschland bislang sehr zurückhaltend abgeschoben. So traf es 2016 in Baden-Württemberg 20 Gambier. Zwischen der Ablehnung eines Asylantrags und einer Abschiebung vergehen oft Jahre. Wer nach einer gewissen Zeit den Status „geduldet“ hat, darf fürs Erste bleiben. Im Südwesten lebten Ende Februar  21.584 Geduldete, davon 1982 Afghanen.

Acht Prozent der Flüchtlinge, die im Landkreis eintreffen, sind aus Afghanistan.

Die Heimat der gebrochenen Herzen, von Atefeh Ahmadi (16):
Ich komme aus Afghanistan und jede Ecke meiner Heimat ist von Müdigkeit, Kummer und Unglück geprägt. Es ist kein Ort mehr, an dem man leben kann. In Afghanistan herrscht seit 35 Jahren Krieg und viele unschuldige Menschen, darunter auch süße, kleine Kinder, werden umgebracht. Leider habe ich keine Hoffnung mehr für meine Heimat.
Wir Menschen, die keine Heimat mehr haben, werden leider nicht freundlich empfangen. Obwohl wir nicht reisen, weil es uns Spaß macht, sondern dazu gezwungen sind. In Afghanistan gibt es sehr viele Analphabeten, kaum was zu essen und keine Schlafplätze.

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Bietigheim-Bissingen

Einwohner: 42968 (31. Dez. 2015)
PLZ: 74321
Regierungsbezirk: Stuttgart
Höhe: 211 m ü. NHN
Oberbürgermeister Jürgen Kessing (SPD)

www.bietigheim-bissingen.de/

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