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Sein Sitz ist ihm sicher

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Marc Jongen ist der Kandidat der AfD im Wahlkreis Neckar-Zaber für die Bundestagswahl und Landessprecher der Partei. Auf ein Direktmandat macht er sich trotzdem wenig Hoffnung.  Foto: 

Seinen Pasta-Teller schafft Marc Jongen, AfD-Kandidat für den Wahlkreis Neckar-Zaber, an diesem Dienstag in einem Lokal an der Enz in Bietigheim-Bissingen nicht, denn er formuliert seine Antworten stets lange, liefert dann druckreife Sätze, aber erst, wenn die Nudeln heruntergeschluckt sind. Eigentlich trifft sich die BZ mit den Kandidaten für die Bundestagswahl zum Frühstück, doch der 49-Jährige stand auf dem Weg von Karlsruhe nach Bietigheim-Bissingen im Stau – deshalb italienische Pasta.

Für Jongen stehen die Chancen auf ein Bundestagsmandat sehr gut, er rangiert auf der Landesliste auf Platz 3: Nimmt die AfD die Fünf-Prozent-Hürde, ist er in Berlin. Seine Zelte in Karlsruhe an der Hochschule für Gestaltung wird er dann abbrechen. „Ich halte die Pflichtlehrveranstaltung, habe mich aber innerlich schon aus der Uni verabschiedet.“ Er möchte auch als Abgeordneter weiterhin publizieren sowie Vorträge halten.

Geboren ist Jongen in Südtirol. Den österreichischen Einschlag in der Sprache hört man noch. Sein Vater ist Holländer, auch der 49-Jährige hatte bereits die niederländische Staatsbürgerschaft. „Ich konnte mich mit vollem Recht als Europäer bezeichnen.“ Aber inzwischen habe er davon Abstand genommen, denn die EU schade Europa. „Die Bürger fühlen sich ausgeliefert, können sich nicht mit der EU identifizieren.“

Mehr innerparteiliche Disziplin

Die Frage, wie die ideale AfD aussähe, bringt Jongen zum Lachen. „Ziehen Sie die menschlichen Unzulänglichkeiten und die Fehler, die gerade gemacht werden, ab.“ Die Streitigkeiten sorgten für permanenten Unfrieden in der Partei, man suche noch die Balance, Positionen, die „nicht die unseren sind, weil sie extremistisch sind“, richtig zu sanktionieren und andere als legitimen Widerstand gegen die Regierungspolitik von Angela Merkel zu akzeptieren. Wirklich extremistisch seien sowieso „nur ganz wenige“, findet der Landessprecher und hofft auf mehr innerparteiliche Disziplin. Die Grabenkämpfe in der Alternative für Deutschland seien deshalb gravierend, weil „die Themen das Nazi-Trauma berühren“. Das sei eine sehr gefährliche Zone, „in der Fehler die politische Existenz kosten können“, findet Jongen mit Blick auf Björn Höcke. Gegen den AfD-Fraktionschef in Thüringen läuft ein Ausschlussverfahren nachdem er mehrmals mit Äußerungen zum Umgang mit den deutschen Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus in die Schlagzeilen kam. Der Landessprecher steigt in die AfD-typische Medienschelte mit ein: „Wir brauchen die Unterstützung der Bevölkerung, damit uns die Medien nicht mehr boykottieren.“

Politisches Abenteuer

Wenn er über die Landesliste für die AfD in den Bundestag eingezogen sei, hofft der 49-Jährige das politische Ruder herumzureißen – „im großen Stil“. Es zieht den wissenschaftlichen Mitarbeiter für Philosophie in den Europa-, Bildungs- sowie Kultur- und Medienausschuss. Ein Abenteuer sei es für ihn dabei zu sein, wenn die Partei erstmals in den Bundestag einziehe. „Denn wir leben in spannenden Zeiten, in denen es reizvoll ist, politisch aktiv zu sein.“ Auf ein Direktmandat macht sich der Karlsruher wenig Hoffnung: „Am ehesten holen wir das in Pforzheim und selbst da wäre es eine Sensation.“

Seine Stimmen bekommt Jongen mutmaßlich aus der Mitte der Gesellschaft von Menschen, die Wert legen auf „alte deutsche Tugenden wie Fleiß und Anständigkeit und sich über Missstände empören“. Es gebe viele Selbstständige in der Wählerschaft, aber auch den typischen Arbeiter.

Auch um weibliche Wähler dreht sich das Gespräch mit dem Kandidaten: Das traditionelle Familienbild der AfD widerspreche nicht den starken Frauen an der Spitze wie Alice Weidel und Frauke Petry. „Man kann nicht einen Lebensentwurf, der sich am männlichen Karrieremodell herausgebildet hat, eins zu eins auf Frauen übertragen“, ist sich der wissenschaftliche Mitarbeiter für Philosophie sicher. „Wir sind gegen Quoten. Petry und Weidel haben es nach oben geschafft, weil sie gut sind.“

Die wahren Weinkönige

Zu seinem Wahlkreis Neckar-Zaber kam er aus einem banalen Grund: In Karlsruhe hat die Partei in Gemeinderat Marc Bernhard einen bekannten, lokalen Kandidaten. „Dem wollte ich die Direktkandidatur nicht streitig machen.“ Die Kreisverbände boten ihm den Platz an. „Neckar-Zaber ist nicht so weit entfernt, und Bietigheim-Bissingen mit der S-Bahn erreichbar“, sagt Jongen. Aber der AfDler macht sich nicht mit lokalen Themen gemein – „das wäre auch nicht glaubhaft, die AfD beschäftigt sich mit bundesweit relevanten Themen“. Er identifiziere sich jedoch mit den Dichterstädten Lauffen und Marbach und dem Weinbau. „Das erinnert mich an meine Heimat Südtirol.“

Wer kann denn Weinbau besser, die Südtiroler oder die Württemberger? Lachend versucht Marc Jongen eine möglichst diplomatische Antwort zu finden: „Die Rotwein-Trophäe vergebe ich an Südtirol, Weißwein können die örtlichen Winzer hier besser.“ Der 49-Jährige ist nach eigenen Angaben Rotweintrinker.

Jongen hat den Wahlkreis noch nicht häufig besucht. Auf der Straße erkannt wird er auch nicht, da keine Plakate von ihm hängen. „Ich besuche sicher noch einige Infostände vor der Wahl, kündige das aber aus Sicherheitsgründen kurzfristig an.“

Info Lesen Sie alle Kandidaten-Frühstücke in einem Online-Schwerpunkt zur Bundestagswahl auf

www.bietigheimerzeitung.de

Alter: 49

Wohnort: Karlsruhe

Beruf: wissenschaftlicher Mitarbeiter für Philosophie und Ästhetik

Familienstand: seit 14 Jahren mit seiner Lebensgefährtin liiert

Hobbys: Reisen, Lektüre, Skifahren, am liebsten in der Heimat im Ultental

Lieblingsfilm: Matrix, da geht es darum in einem System universeller Verblendung, die Wahrheit zu entdecken

Lieblingsbuch: Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra

Lieblingslied: Since I‘ve Been Loving You von Led Zeppelin cri

www.marcjongen.de

Was ist Ihr wichtigstes bundespolitisches Ziel? Deutschland als Staat und Kulturnation bewahren, denn aktuellen Entwicklungen brächten das deutsche Volk innerhalb weniger Jahrzehnte zum verschwinden.

Wie wollen Sie das erreichen? Die Grenzen kontrollieren und die Einwanderung aus islamischen Ländern eindämmen, denn sie bilden Parallelgesellschaften, in denen heute schon die Scharia-Polizei patrouilliert. Es muss ein Bewusstseinswandel vonstatten gehen. Wir müssen unsere Werte wehrhafter verteidigen. Wir brauchen mehr Selbstbewusstsein, dürfen nicht überall rechtes Gedankengut wittern.

Zwei weitere bundespolitische Kernthemen? Die EU-Politik und der Euro: Der Euro sollte reformiert werden durch Austritt der Krisenstaaten. Wäre das nicht machbar, sollte Deutschland austreten oder der Euro abgewickelt werden. Die EU muss mehr Rechte an die Einzelstaaten abtreten. Außerdem beschäftigt mich Bildungspolitik. Hier will ich den Hochschulen wieder mehr akademische Freiheit verschaffen und fordere Reformen mehr der Realität im Schulalltag anpasst. Beispiel: Inklusion ist gut gemeint, aber funktioniert nicht.

Warum soll man Sie wählen? Ich mache mir keine Illusionen, die AfD-Wähler geben ihre Stimme nicht dem Kandidaten, sondern sie geben sie der Partei. Als mittelgroße Partei hoffen wir auf viele Zweitstimmen. Sollte ich das Direktmandat holen, ziehe ich in den Wahlkreis Neckar-Zaber.
cri

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