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Schulfach Wirtschaft: Mist oder Muss?

Gewerkschaften und Linke halten das Fach "Wirtschaft" schon mal für neoliberalen "Mist" und warnen davor. Für die IHK gehört es zum Allgemeinwissen.

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Unterricht in einem Wirtschaftsgymnasium: Wirtschaft ist dort Programm und wird es auch an allen übrigen weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg. Doch das gefällt nicht allen.  Foto: 

Bisher war die Welt auch für Gewerkschafter noch in Ordnung. Denn in den Lehrplänen für die weiterführenden Schulen war Wirtschaftswissen eingebettet in eine Fächerkombination mit Geografie und Gemeinschaftskunde. Auch die Einführung in die Berufsorientierung ab Klasse 8 wurde akzeptiert. Doch seitdem der neue Bildungsplan diskutiert wird, der im kommenden Jahr in Kraft treten soll, ist Feuer unterm Dach. Erst entzündete sich der Streit um den Sexualkundeunterricht, weil er angeblich schwule und lesbische Paare mit der klassischen Familie auf Augenhöhe sieht - und nun steht das neue Schulfach "Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung" im Fokus der öffentlichen Diskussionen.

"Wir wollen nicht, dass aus den baden-württembergischen Schulen künftig lauter kleine Neoliberale herauskommen", wetterte Verdi-Landeschefin Leni Breymaier kürzlich. Und die GEW-Vorsitzende Doro Moritz beklagte sich über den großen Einfluss von Wirtschaftskreisen auf den Bildungsplan, der sich in dem neuen "isolierten" Fach "Wirtschaft" spiegelt. Dieses Thema müsse in gesellschaftspolitischen Zusammenhängen gesehen werden. In das gleiche Horn stößt Bernd Sauer, Landesvorsitzender des Philologenverbands. Die bisherige Vermittlung der Themen sei in Gemeinschaftskunde und Geografie gut aufgehoben gewesen, sagt er.

Im Kultur- und Schulausschuss des Ludwigsburger Kreistags lehnte vor wenigen Tagen Kreisrat Walter Kubach als Sprecher der Linken-Fraktion die Einführung eines Schulversuchs "Profil Finanzmanagement" als "neoliberalen Mist" ab, weil er darin zusätzlich noch eine Weiterentwicklung des Fachs "Wirtschaft" sieht. "Der jahrelang erfolgreiche Werbefeldzug der Arbeitgeberverbände soll nun auch in den Schulen ankommen", klagte er.

Auch der Landeselternbeirat meldete sich erst jüngst mahnend zu Wort. Für ihn sollen durch das neuen Schwerpunktfach Wirtschaft Schüler zu "willigen Konsumenten erzogen werden". Dagegen lobt der Landesschülerbeirat ausdrücklich die Einführung dieses neuen Bildungsangebots, weil er seinem schon lange gehegten Wunsch nach mehr Berufsorientierung schon während der Schulzeit entspricht.

Auch Industrie und Handel begrüßen das erweiterte Angebot. Die IHK Region Stuttgart ließ in einer Pressemitteilung wissen: "Wirtschaftswissen gehört zur Allgemeinbildung." Von dem neuen Schulfach würden Schülerinnen und Schüler nämlich im Hinblick auf ihre ökonomische Grundbildung und ihren späteren Lebensweg deutlich profitieren. Die Zusammenarbeit der Schulen mit Wirtschaft und Arbeitswelt leisteten dazu einen wichtigen Beitrag, so der IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Richter.

Er verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass es nach wie vor Absolventen der weiterführenden Schulen nach Ende der Schulzeit eine Berufswahl zu treffen. "Eine Rekord-Abbrecherquote von fast 30 Prozent bei Bachelor-Studenten ist ein deutliches Signal dafür, dass Schülern Alternativen sehr deutlich und nicht versteckt in anderen Fächern aufgezeigt werden müssen", so Richter. Von einer Dominierung ökonomischer Inhalte durch Wirtschaftsvertreter könne jedenfalls nicht die Rede sein.

Oberstudiendirektor Stefan Ranziger, der Leiter des Berufsschulzentrums Bietigheim-Bissingen, begrüßt deshalb auch durchaus die verstärkte Fokussierung auf die Berufsorientierung im neuen Schulfach. Vor allem dann, wenn die weiterführenden Schulen das jüngste Angebot der IHK annehmen, sie kostenpflichtig durch Seminare auf Berufsorientierung vorzubereiten. Allerdings hat er Zweifel daran, dass es die Schulen schaffen, ihren Schülern wirtschaftliche Zusammenhänge fachgerecht zu vermitteln. Den Berufsschulen, die das seit Jahr und Tag leisten müssen, stünden dazu Lehrer zur Verfügung, die Wirtschaftswissenschaften studiert hätten. Das sei bei den weiterführenden Schulen nicht der Fall.

Ein Kommentar von Andreas Lukesch: Klassenkampfparolen

Wieder einmal sind es die Schulen und die Schüler, auf deren Rücken ideologische Auseinandersetzungen ausgetragen werden. Erst waren es ewig Gestrige, die mit ihrem überholten Familienbild gegen modernen Sexualkundeunterricht zu Felde zogen. Und jetzt sind es vor allem die Gewerkschaften, die in einer der wirtschaftsstärksten Regionen Europas gegen das Schulfach Wirtschaft keilen und sich dabei eines Vokabulars aus verstaubten Klassenkampfzeiten bedienen. Allein schon durch die Wortwahl disqualifizieren sich die Kritiker, in der Diskussion um das Fach ernst genommen zu werden. Sie ideologisieren und verkennen dabei die Notwendigkeit, dass mit einer Fokussierung auf Wirtschaftsinhalte im Unterricht Zukunftssicherung betrieben wird. Es geht darum, Schulabgänger auf Studienfächer und Ausbildungsberufe so vorzubereiten, dass sie den nachschulischen Anforderungen auch gewachsen sind. Das hat nichts mit Neoliberalismus zu tun, sondern bedient eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Das Wichtigste aber ist: Die Schüler wollen das Fach Wirtschaft. Wenigstens sie haben die Realität im Blick.

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