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Rhetorikdozent: Utz war am besten

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  • Die Kandidaten und der Moderator beim BZ-Wahlforum am Mittwochabend im Paulaner am Viadukt (von links nach rechts): Marcel Distl (FDP), Thomas Utz (SPD), Eberhard  Gienger (CDU), BZ-Chefredakteur Andreas Lukesch, Catherine Kern (Grüne), Walter Kubach (Linke) und Dr. Marc Jongen (AfD).  1/2
    Die Kandidaten und der Moderator beim BZ-Wahlforum am Mittwochabend im Paulaner am Viadukt (von links nach rechts): Marcel Distl (FDP), Thomas Utz (SPD), Eberhard Gienger (CDU), BZ-Chefredakteur Andreas Lukesch, Catherine Kern (Grüne), Walter Kubach (Linke) und Dr. Marc Jongen (AfD). Foto: 
  • Bruno Schollenberger.  2/2
    Bruno Schollenberger. Foto: 
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In der Politik geht es um Inhalte, aber nicht ausschließlich. Wichtig ist nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, wie etwas gesagt wird. Immerhin versuchten die Kandidaten, die Wähler von ihren Inhalten zu überzeugen. Wie sich die sechs Kandidaten für den Wahlkreis Neckar-Zaber beim BZ-Wahlforum als Redner geschlagen haben, sagt Bruno Schollenberger. Der Bissinger, 82 Jahre alt, hat jahrzehntelange Erfahrung als Rhetorikdozent.

Herr Schollenberger, wer war am besten?

Bruno Schollenberger: Am besten war zweifellos Thomas Utz von der SPD. Er war rhetorisch sehr schwungvoll und hat durch diesen Elan seine Forderungen sehr gut zum Ausdruck gebracht. Auch seine Körpersprache, seine gesamte Vortragstechnik war sehr gut: der schweifende Blick zum Beispiel, bei dem viele sich angesprochen fühlen. Auch hat er gut auf Gegenfragen reagiert.

Aber hat Herr Utz es manchmal nicht übertrieben? Stellenweise wirkte er, als hätte er die Bremse vergessen.

Manchmal hat er etwas überzogen, das stimmt. Er könnte sich noch etwas drosseln, dann wirkte er ruhiger und seine Persönlichkeit wirkte mehr nach außen.

Wer war die Nummer zwei?

Für mich war das Eberhard Gienger von der CDU. Er unterstützte seine Argumente mit tastenden Bildern, das ist gute Rhetorik. Auf die Ja-oder-Nein-Fragen hat er zu viel geantwortet, mit einem Übermaß an blumiger Rhetorik. Er sagte dann zum Beispiel: „Ich wollte noch was dazu sagen.“ Das passt an dieser Stelle nicht. Aber: Gienger hat den Grundsatz beachtet, dass das stärkste Argument am Schluss stehen sollte. Leider ließ sich der altgediente Abgeordnete dann etwas aufreizen.

...als ihn ein Zuschauer  provokant auf sein Fehlen bei Abstimmungen befragte. Gienger sagte, er habe nur an zwei namentlichen Abstimmungen gefehlt in der ablaufenden Legislaturperiode. Aus wichtigen privaten Gründen, wie er sagte. Zuvor hätte er nie eine derartige Abstimmung verpasst.

Natürlich, die Frage hatte viel polemische Substanz.

War Ihnen Walter Kubach von den Linken zu aggressiv?

Ich würde ihm empfehlen, nicht den anderen dazwischenzusprechen. Und, dass er auf seine Wortwahl achtet. Zum Beispiel hat er gesagt: „Es werden hier Unwahrheiten gesagt.“ Das kann man auch anders ausdrücken. Etwa, dass man eine andere Wahrheit vertrete.

Aber jemandem die Unwahrheit vorzuwerfen, ist andererseits doch recht effektiv, oder?

Auf jeden Fall bringt man als Redner eine negative Note in die Debatte hinein. Übrigens musste Kubach  auch mehrere „Ähs“ verwenden. Gut, weil sehr einprägsam, war hingegen seine Argumentation bei den öffentlichen Verkehrsmitteln...

...wonach der Bürger nur ein Drittel zahlen solle, den Rest solle der Staat finanzieren.

Ja. Hat funktioniert. Dafür gab es viel Applaus. Leider hat er die von ihm aus rechte Seite nicht mit Blickkontakt bedient. Wer dort saß, fühlte sich weniger angesprochen.

Wie hat denn Marc Jongen von der AfD seine rechte Seite bedient?

Er hätte wie Kubach auch häufiger dorthin blicken sollen. Vor allem aber hätte er mehr aus sich herausgehen und nicht so oft auf den Boden blicken sollen. Gute Rhetorik wäre auch eine positive Ausstrahlung.

Herr Jongen hat ziemlich ernst ins Publikum geblickt.

Das stimmt. Er wirkte insgesamt stark in sich zurückgezogen, das gipfelte in verschränkten Armen. Das hat er vielleicht auch bewusst gemacht, möglicherweise im Hinblick auf das schlechte Image seiner Partei in der Öffentlichkeit. Rhetorisch ist das dennoch schlecht. Herr Jongen sollte mehr den Inhalt ins Publikum tragen, sonst prallt das ab. Rhetorisch lag er für mich an letzter Stelle.

Jongen hat erwähnt, dass er sich gleich heimisch fühle, wenn er die Weinberge im Zabergäu sehe. Das erinnere ihn an Südtirol, woher er stammt. Funktioniert so was?

Ja, das funktioniert. Das war gut.

War der erst 24-jährige Marcel Distl als jüngster Teilnehmer auf dem Podium zu zurückhaltend?

Auch Herr Distl hat sich der Bildersprache bedient, was auch bei Herrn Gienger funktioniert hat. Distl hat eine lebendige Vortragsweise präsentiert: mit seinen Gesten, der Modulation der Stimme, also ihrer Anhebung und Absenkung, und mit seinem schweifenden Blick. Inhaltlich waren seine gewählten Argumente etwas schwach.

Wie hat Catherine Kern von den Grünen ihre Inhalte rübergebracht?

Frau Kern hat zeitweilig beim Sprechen auf den Boden geschaut, sie hat dann vor sich hingesprochen. Wer den Blick nicht ins Publikum richtet, trägt seine Inhalte auch nicht gut vor. Allerdings hat Frau Kern gut in der Rentenfrage argumentiert.

Sie hatte leidenschaftlich mehr Unterstützung für alleinerziehende Mütter und Frauen in sozialen Berufen gefordert.

Ja. Was ihren Vortrag bei anderen Themen angeht, würde ich ihr aber empfehlen, nicht über sich selbst zu lachen.

Manche finden das vielleicht sympathisch, sinngemäß: Guck mal, die nimmt sich nicht so ernst.

Das mag ja sein. Aber das schwächt vielleicht auch den Inhalt ab. Überhaupt sollte sich Frau Kern mehr öffnen und aus sich herausgehen, damit der Inhalt in die Zuschauer geht. Dieses Öffnen ist auch eine Grundvoraussetzung guter Rhetorik.

Ihr Fazit: Wie fanden Sie das rhetorische Niveau der Kandidaten in der Debatte insgesamt?

Sie alle sind selbstbewusst aufgetreten, und haben Persönlichkeit ausgestrahlt. Ihre Vortragskultur war gut, es gab wenig Polemik, wenn auch manche „Ähs“. Allen Kandidaten ein Kompliment, denn sie haben ein sehr gutes Sprechdenken gezeigt: Sie konnten nahezu fließend Gedanken entwickeln, diese abrufen und dann die Worte formulieren.

Bruno Schollenberger (82) kann bislang auf vier Jahrzehnte Erfahrung als Dozent in Rhetorik-Kursen für die Schiller-VHS des Landkreises zurückblicken, ebenso auf drei Jahrzehnte als Rhetorik-Dozent an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen. Im Beruf war er Bankkaufmann. Er lebt in Bissingen. Der größte Redner aller Zeiten ist für ihn der römische Staatsmann Cicero. „Der konnte stundenlang zündende Reden halten.“ mart

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