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Billiger Strom, teurer Strom

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Im Rahmen der Energiewendetage führten die Stadtwerke Mitte September Besucher durch das Biomasse-Heizkraftwerk in den Kreuzäckern.  Foto: 

Den Strom für eine Stadt selbst erzeugen, völlig autark von großen Lieferanten sein, regional und nachhaltig agieren – das klingt als Unternehmensstrategie für einen kommunalen Energieanbieter nachvollziehbar. Und tatsächlich hatten auch die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen einmal große Pläne, um ein Höchstmaß an Eigenerzeugung von Strom zu erreichen. Durch die Beteiligung an einem Kohlekraftwerk wollten sie Strom im großen Stil erzeugen und so mindestens 50 Prozent des städtischen Verbrauchs quasi kostengünstig aus eigener Herstellung anbieten.

Aus dem Projekt wurde nichts, und heute sagt Stadtwerke-Chef Rainer Kübler: „Zum Glück.“ Denn die Idee von den weitgehend autark wirtschaftenden Stadtwerken klinge zwar gut, berge aber auch erhebliche Risiken. Hohe Investitions- und Betriebskosten müssen durch den Strompreis gedeckt werden, sonst wird das eigene Kraftwerk schnell zum Verlustgeschäft. Auch die Stadtwerke bekommen das zu spüren. So wird das  Blockheizkraftwerk in Pattonville runtergefahren, wenn der Strom auf dem Markt selbst so billig zu haben ist, dass er vor Ort nicht wirtschaftlich zu erzeugen ist. „Ein Blockheizkraftwerk ist lukrativ, wenn das Gas billig und der Strom teuer ist. Aber wenn der Strom auf dem Markt zu einem niedrigeren Preis angeboten wird als in der eigenen Herstellung, kaufen wir natürlich auch dort ein“, erklärt Kübler. Lange Zeit hätten die Erzeuger gut verdient, wenn aber der Stromerlös die Stromerzeugung nicht mehr finanziere, dann würden die Anlagen schnell zu Problemkindern.

Bei aller Liebe zur Nachhaltigkeit, zur Regionalität und zu alternativen Energiequellen, die Stadtwerke müssen wirtschaftlich arbeiten, auch um auf dem hart umkämpften Strommarkt bestehen zu können. Und dabei hat Kübler nicht einmal so sehr die Privatkunden im Auge, sondern Industrie und Gewerbe, auf deren Konto 70 Prozent der insgesamt 250 Millionen Kilowattstunden Strom gehen, die jährlich in Bietigheim-Bissingen verbraucht werden. Nur 70 bis 80 Millionen Kilowattstunden nutzen private Haushalte. Aber immerhin: Rein rechnerisch kommt ein Großteil des Haushaltsstroms aus eigener Erzeugung. 55 Millionen Kilowattstunden Strom produzieren die Stadtwerke jährlich selbst, Tendenz steigend. Sie setzen dabei auf einen breiten Mix an Techniken und Rohstoffen, sind an Windkraft- und Biogasanlagen beteiligt, erzeugen Strom aus Solarenergie und bald auch aus Biomüll, sobald die in Bietigheim abgelehnte Vergärungsanlage nun in Rheinland-Pfalz gebaut ist (die BZ berichtete).

Doch spätestens seit der Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und einer Absenkung des Förderbetrags auf 7 Cent pro Kilowattstunde rechnet sich der Neubau vieler Anlagen kaum noch. Die Strompreise insgesamt geraten unter Druck. „Biogas aus nachwachsenden Rohstoffen ist so gut wie tot“, weiß Kübler. Beim Biomüll ist immerhin noch die Rohstofffinanzierung eine andere.

Lukrativ ist für den Stadtwerkechef die Eigenproduktion von Strom nur dann, wenn die dabei entstehende Wärme ebenfalls mit verkauft wird. Kraft-Wärme-Kopplung nennt sich das. Die Stadtwerke haben dafür das Biomasse-Heizwerk in den Kreuz­äckern, und sie bauen ihr Fernwärmenetz aus. Bis zu 60 Prozent des Netzes werden inzwischen mittels Kraft-Wärme-Kopplung gespeist. Die Strategie der Stadtwerke lautet demnach: breit aufgestellt sein bei den Energielieferanten, aber die eigene Stromerzeugung nur in dem Maße ausbauen, „wie wir auch die Wärme unterbringen können“, sagt Rainer Kübler.

Die Risiken der Wende

Der Neckar ist Energiewendeland: In kaum einer anderen Region lässt sich der Kurs der Energiepolitik in Deutschland mit ihren Auswüchsen augenscheinlicher beobachten. Betrachtet man die Energiewende hingegen als reines Geschäftsmodell, so ist sie inzwischen nicht nur ein extrem komplexes, sondern auch riskantes Geschäft für nahezu alle Beteiligten. Ein Problem ist, dass politische Unberechenbarkeit, freie Marktwirtschaft und hohe Investitionskosten aufeinandertreffen. So etwas geht mitunter schief. Große Energieversorger und kleine Bauern wähnten sich vor zehn Jahren noch in goldenen Zeiten, investierten in Kraftwerke und rodeten ihre Felder für den Anbau von Biogasmais. Die einen traf die  Strompreisentwicklung, die anderen stellten nach der EEG-Novellierung fest, dass auch eine staatlich geförderte Energiepolitik endlich ist. Wer heute in Windkraft investiert, muss auf steigende Strompreise und windreiche Jahre spekulieren, sonst wird es teuer für ihn. Andererseits muss in erneuerbare Energien investiert werden, sonst funktioniert die Energiewende nicht. Was bisher lediglich feststeht, ist, wer für das Wendemodell zahlt: die Verbraucher über Steuern und Preise. Und sie sind es auch, die in unserer Region mit den Altlasten einer abgewirtschafteten Atompolitik vor der Haustür leben müssen.

Als Teil der Städtischen Holding sind die Stadtwerke ein kommunales Dienstleistungs- und Versorgungszentrum mit den Geschäftsfeldern Energie, Wasser, Abwasser sowie Bäder und Eishalle. Selbst erzeugen die Stadtwerke Strom und Wärme aus Erd- und Biogas, mit Wasserkraft, mittels Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen und aus Sonnenenergie. Neben Industrie und Gewerbe zählen die Stadtwerke nach eigenen Angaben in und um Bietigheim-Bissingen 42 000 Einwohner zu ihren Kunden.

Die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen (SWBB) sind demnach nicht nur in ihrer Heimatstadt im Geschäft. In zahlreichen Nachbarkommunen übernehmen sie Versorgungsdienstleistungen. Bereits seit dem Sommer sind die Stadtwerke beispielsweise Gas-Grundversorger in Walheim. Es ist nicht die erste technische Dienstleistung, die die Stadtwerke in dem Ort übernehmen. Seit Jahren sind sie für die technische Betriebsführung der Wasserver- und Abwasserentsorgung zuständig

Fernwärme ist natürlich keine neue Erfindung. Bereits 1966 waren Teile des Wohngebiets Buch in Bietigheim an ein Fernwärmenetz angeschlossen. 1976 übernahmen die Stadtwerke das dazugehörige Heizwerk, stellten die Rohölanlage auf Erdgas um und machten das reine Heizwerk zum Heizkraftwerk. In der Folge wurde die Anlage stetig erweitert und modernisiert. Seit 1998 versorgt die Niedrig­energie-Siedlung Kreuzäcker ein Biomasse-Heizkraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung. 2010 waren 220 Häuser an die dort erzeugte Fernwärme angeschlossen, seit 2011 wurde das Netz auf Teile der Innenstadt ausgeweitet.

Rund 60 Stadtwerke und Regionalversorger aus ganz Deutschland, darunter die SWBB, haben die „Stadtwerke-Allianz für Klimaschutz“ ins Leben gerufen. In einer gemeinsamen Erklärung appellieren sie an die aktuelle und zukünftige Bundespolitik, den deutschen Klimaschutzzielen wieder die notwendige politische Bedeutung in der Energiewende beizumessen. Die Stadtwerke fordern laut einer Erklärung zusätzliche effektive Klimaschutz­instrumente, verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen für moderne Kraftwerke als Brückentechnologie sowie sinnvolle Konzepte für die lokale Verbindung von Energie, Wärme und Verkehr. bz

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Einwohner: 42968 (31. Dez. 2015)
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Regierungsbezirk: Stuttgart
Höhe: 211 m ü. NHN
Oberbürgermeister Jürgen Kessing (SPD)

www.bietigheim-bissingen.de/

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