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Neue Wege für ein selbstständiges Leben

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Die Zeit des langen Wartens ist bald vorbei – und das dürfte sich für die Betroffenen, auch wenn es nicht direkt mit Weihnachten zu tun hat, sprichwörtlich fast so anfühlen. Denn in diesen Tagen haben zahlreiche Mieter und Käufer des Altstadt-Carrés die Schlüssel zu ihren Wohnungen und Geschäftsräumen erhalten – eigentlich war die Fertigstellung schon für das erste Quartal geplant, doch der schwierige Untergrund sowie ein Bombenfund sorgten für Bauverzögerungen. Die Nachfrage war groß, schon nach vier Monaten waren die meisten der 25 Wohnungen in dem 23-Millionen-Euro-Projekt verkauft, hatte der Bietigheimer Wohnbau-Chef Carsten Schüler bei einer Besichtigung gesagt. Soweit in Zeiten des knappen Wohnungsangebots nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich aber ist einer der Käufer: die Ludwigsburger Lebenshilfe.

Denn die Organisation, die sich vor allem für Menschen mit geistiger Behinderung einsetzt, schafft neben Freizeit- und Bildungsangeboten zwar auch betreute Wohnmöglichkeiten. „Unser eigentliches Ziel ist es aber nicht, Eigentum zu haben, sondern unsere Klienten in Wohnraum zu vermitteln“, sagt Geschäftsführer Stephan Kurzenberger. Doch weil es immer schwieriger wird, diesen für behinderte Menschen zu finden, ist die Lebenshilfe nun selbst aktiv geworden. Im Altstadt-Carré hat sie kleine Wohnungen gekauft, in die sieben junge Frauen und Männer einziehen, ebenso Fläche für das Büro für die zwei neuen Betreuerinnen und einen Gemeinschaftsraum. Ein gutes Beispiel für Inklusion sei das, wenn auch Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich als Nachbarn einziehen, zumal in ein Gebäude, das in der Öffentlichkeit eher als exklusiv betrachtet werde.

Finanzielles Risiko

Und noch etwas ist besonders, denn alle sieben leben bislang noch zu Hause. Noch vor Jahren wäre ein solcher Schritt in ein eigenständiges Leben kaum denkbar gewesen. „Ich finde es gut, dass man das nun durchbricht“, findet Kurzenberger. Viele geistig Behinderte lebten sonst eher daheim, bis die Eltern die Versorgung nicht mehr übernehmen können, und kämen dann in eine stationäre Einrichtung, in der sie  meist aus Altersgründen – dann auch bis zuletzt blieben. „Aber man braucht nicht erst eine stationäre Erfahrung, um ambulant betreut leben zu können.“ Denn viele wollten auch selbstständiger leben.

So wie Werner Kleeberg. Der 34-Jährige, der als entwicklungsverzögert gilt und eine Sprachstörung hat, lebt noch im Elternhaus in Bissingen, wollte aber schon vor Jahren auf eigenen Füßen stehen. Wohnheimplätze hätte es zwar gegeben, doch ohne Internetanschluss war das für ihn keine Option. Denn über seinen Laptop und sein Smartphone hält er den Kontakt zu seinem Bruder und zu Freunden, flink klickt er sich durch seine Ordner, um Fotos oder selbstgedrehte Videos von ihnen zu zeigen. Und natürlich den Plan seiner neuen Bleibe, Bett und Schrank schon eingezeichnet. Wie er und seine Nachbarn das, fast auf sich gestellt, hinbekommen mit Einkaufen, Wäsche waschen und kochen, wenn es nichts am Arbeitsplatz in den Theo-Lorch-Werkstätten gibt? „Mal schauen“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Zuversichtlich ist er dennoch, zeigt sein Strahlen.

Und das gilt auch für Stephan Kurzenberger. Die Lebenshilfe geht mit dem Projekt durchaus ein Risiko ein, vor allem finanziell. Denn sie schließt mit den Bewohnern zwei Verträge, den üblichen für die Miete, und einen zweiten für den nötigen Grad der Betreuung durch die zwei Sozialarbeiterinnen, die vor allem dann im Büro präsent sind, wenn die Bewohner von der Arbeit heimkommen. Es könne passieren, dass Bewohner den Betreuungsvertrag kündigen, weil sie die Hilfe nicht mehr wollen oder brauchen, und für dieses Angebot ordentlich zugeschossen werden muss. Oder dass die Miete – sie sei marktüblich, so Kurzenberger – nicht mehr in dem Maße vom Landkreis mitgetragen wird.

In einem weiteren Punkt aber hat die Lebenshilfe schon einen „gewissen Rettungsanker“ geschaffen: Es gibt zwar keine Nachtwache, aber direkt gegenüber eine stationäre Einrichtung der Lebenshilfe, weshalb die Verantwortlichen von Anfang an mit dem Altstadt-Carré liebäugelten. Brauchen werde er diese Hilfe aber nicht, ist Kurzenberger zuversichtlich. Denn mit den 30 anderen Behinderten im Kreis, die man ambulant betreue, habe es da keine Problem gegeben. Und, sagt er auch: „Selbstständig leben heißt nicht Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Das wird auch hier gut funktionieren.“

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