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Mitarbeiterin über Erlebnisse in der Flüchtlingsunterkunft: "Ich habe oft abends geweint"

Noch ist die BSZ-Halle im Fischerpfad belegt mit Flüchtlingen. Eine junge Frau erzählt von ihrer Arbeit und liefert damit einen Einblick in den Alltag einer abgeschlossenen Welt.

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Die 33-jährige Stephanie Giese aus Heilbronn vor der BSZ-Halle am Fischerpfad, wo sie mehrere Monate lang Essen ausgegeben hat.  Foto: 

Um elf Uhr vormittags ist es noch mucksmäuschenstill in der Halle des Beruflichen Schulzentrums (BSZ) am Fischerpfad. Kein Laut dringt zur Tür, die zur Notunterkunft für 138 Flüchtlinge führt. "Die meisten schlafen noch", sagt Stephanie Giese. Erst nach und nach kommen einige junge Männer zum Ausgang geschlürft, rauchen, trinken einen Tee und begrüßen die Heilbronnerin herzlich. "Am Anfang", sagt Giese, standen sie noch früher auf, oft schon um acht. "Mit der Zeit aber stellen sie sich den Wecker auf fünf nach zwölf." Dann wird schon Essen ausgeteilt. Und das hat bis vor Kurzem die 33-jährige Giese ausgegeben - hauptberuflich, in Diensten des Caterers, den das Landratsamt engagiert hatte. Von elf bis 19 Uhr hat die gelernte Einzelhandelskauffrau gearbeitet, manchmal von sieben bis 19 Uhr. Das Mittagessen habe sie ab 11.45 Uhr, das Abendessen ab 17 Uhr ausgegeben.

Viel Zeit, viele Kontakte, viele Erinnerungen. Es sollte der Job sein, der von allen, die sie bisher hatte, die tiefsten Spuren hinterlassen hat. Giese hat im Oktober angefangen, im Fischerpfad zu arbeiten - nachdem die Flüchtlingszahlen derart gestiegen waren, dass der Kreis die Turnhalle des BSZ mit Flüchtlingen belegen musste. An einem warmen Frühlingstag im April treten immer mehr junge Männer aus der Halle ans Sonnenlicht, heraus aus der Unterkunft, heraus aus einer abgeschlossenen Welt. Es ist jetzt halb eins am Nachmittag. In der Halle wird es langsam lauter.

Die Situation "im Camp", wie Giese sagt, hat ihr emotional viel abverlangt. "Ich habe oft abends geweint." Auch, weil Giese automatisch viele dramatische Geschichten der Flüchtlinge mitbekam.

Als Frau an der Essensausgabe wird man schnell mal zum Mädchen für alles. "Du bist nie nur im Catering", sagt Giese. Mal habe sie zwischendurch was übersetzt, mal eine Schmerztablette gegeben.

Giese hat ein paar Wochen gebraucht, um zu verstehen, dass sie nicht jedem helfen kann. "Man muss immer lernen zu sagen, das geht jetzt nicht." Was nicht immer einfach gewesen sei: "Ein Nein verstehen manche ganz schlecht. Erst, wenn ich wütend schreie, haben sie verstanden", sagt sie nachsichtig und lächelt. Es ging ja nur um kurze Übersetzungsdienste. "Ich liebe diese Leute. Aber manchmal machen sie einen auch fertig." Giese sagt, die Männer haben sie immer mit sehr viel Respekt behandelt. Sie hätten gut auf sie aufgepasst. "Blöde Sprüche" habe es nur zwei Mal gegeben. Im Gegensatz zu den Anfangstagen der Flüchtlingsunterbringung in der Halle leben dort keine Familien mehr. Zu sehen sind nur junge Männer.

Es habe eine Weile gedauert, bis alle begriffen hätten, dass beim Essensausgeben eine Schlange gebildet werden muss. Auch, dass jeder erst mal nur ein Schnitzel kriegt und in Deutschland mit Teller, Messer und Gabel gegessen wird, und nicht mit der Hand in einen gemeinsamen Topf gegriffen wird, mussten manche erst lernen. Dann hätten sich fast alle sofort dran gehalten.

Viele, sagt Giese, wollen arbeiten. Sie dürfen aber nicht - zumindest nicht, bis der Asylantrag bewilligt ist. Also legen sie sich noch mal hin und schlafen. Um eins stehen immer mehr Junge Männer in Jogginghosen hinter der Halle, blasen Rauch aus dem Mund oder tippen den Fußball vor sich her. "Eigentlich versuchen sie immer, sich gut anzuziehen", sagt Giese. "Es sind sehr saubere Männer." In die Stadt trauten sie sich nur selten. "Sie denken, sie sind nicht willkommen."

Auf die Frage, welche Flüchtlinge es besonders schwer haben werden, sich in Deutschland zurechtzufinden, antwortet Giese: "Alle. Niemand mag Flüchtlinge."

Wie viele Flüchtlinge?

Drei Hallen Der Landkreis hat in Bietigheim-Bissingen drei Hallen als Sammelunterkünfte eingerichtet. In der BSZ-Halle im Fischerpfad leben 138 Flüchtlinge - sowohl aus Afrika als auch aus dem arabischen Raum. Im Dezember waren es noch 152 gewesen. Im Liederkranzhaus leben derzeit 38 Personen (Dezember: 46). Ende Dezember wurde die Unterkunft in der Gustav-Rau-Straße im Buch eingerichtet. Dort leben derzeit 157. In den wesentlich kleineren Unterkünften der Stadt Bietigheim-Bissingen (zum Beispiel, nachdem ein Asylantrag bewilligt wurde) leben derzeit zwischen 130 und 140 Flüchtlinge, sagt Rathaussprecherin Anette Hochmuth, ungefähr 50 davon in Wohn-Containern in der Farbstraße. "Der Rest ist über die Stadt verteilt."

 

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