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Glücklich, hier zu sein

Simon und Georgitte Üzel sind Aramäer mit türkischen und syrischen Wurzeln. Sie haben in Bietigheim-Bissingen ihr Glück gefunden und leben gern in Deutschland. Der IS-Terror in Syrien fordert aber auch sie heraus.

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Simon und Georgitte Üzel in ihrem Salon im Stadtteil Buch. Dort kommen Menschen vieler Nationen zusammen und treffen auf eine interkulturelle Vielfalt, die Simon Üzel als Bereicherung für die Stadt und das Land empfindet.  Foto: 

Inzwischen hat die Spannung etwas nachgelassen im Friseursalon "Simon's Hairdesign" in der Freiberger Straße. Monatelang herrschte dort Ausnahmezustand. Simon und Georgitte Üzel trieb mit Beginn des IS-Terrors die Sorge um Familienmitglieder in Syrien um. Vier Schwestern und die Eltern von Georgitte Üzel haben sie mittlerweile aus dem Bürgerkriegsland nach Deutschland geholt und so vor Gewalt, Verfolgung oder gar dem Tod bewahrt. Weitere Familienmitglieder sind auf dem Weg. Simon Üzel hat sich um den Papierkram gekümmert, der für viele Flüchtlinge, die in Deutschland angekommen ein "Schock", zumindest ungewohnt sei. Ehrenamtlich arbeitet er im Auftrag der syrischen Gemeinde auch mit anderen Flüchtlingen zusammen, hilft, wo er kann, übersetzt, begleitet die Menschen bei Behördengängen. Er erlebt, dass die Flüchtlinge herzlich und freundlich aufgenommen werden. "Sie sind glücklich, hier zu sein, auch wenn sie sich extrem bescheiden müssen", beobachtet Georgitte Üzel. Auch ihre Familienangehörigen waren froh, dem Krieg entkommen zu sein. Das hat alles andere aufgewogen, "auch wenn wochenlang bis zu 14 Personen bei uns übernachtet haben".

Der Friseurmeister engagiert sich in seiner Freizeit für Flüchtlinge aus Syrien, und es ist ihm keine Last, sondern entspringt dem Bedürfnis, jenem Land, das ihn und seine Familie aufgenommen hat, "etwas zurückzugeben". "Es ist ein Signal ans deutsche Volk", wie er sagt. Auf dieses Land lässt er nichts kommen, selbst die überbordende Bürokratie finden bei ihm Gnade. "Recht und Gesetz müssen sein. Wer in Deutschland lebt, muss sich auch an deutsche Richtlinien halten. Das ist doch selbstverständlich."

Die Religion spielt bei alledem keine Rolle, zumindest keine, die einer Integration entgegenstehen könnte. Davon ist Üzel überzeugt. Er und seine Frau sind Christen, gehören der syrisch-orthodoxen Gemeinde an. Der Salon der beiden im Stadtteil Buch aber ist ein Schmelztiegel der Nationen und Kulturen. Beim Haareschneiden sind alle gleich. Vorurteile oder gar Rassismus - Üzel hat das nicht erlebt, weshalb sein Wahlspruch, mit dem er vergangenes Jahr auf der Liste der SPD für die Kommunalwahl antrat, für ihn praktizierte Realität ist: "Interkulturelle Vielfalt ist eine Bereicherung" und "Integration soll gelebt werden". Genau das tut Simon Üzel. Er kennt Moslems, viele kommen in sein Geschäft. Dort wird dann diskutiert, über die Terroranschläge von Paris, über Pegida in Dresden, über das Sterben in Syrien. "Manche Kunden sorgen sich um mich und meine Familie. Ich erlebe viel Solidarität." Und er bekommt ein breites Meinungsspektrum mit. Er kann die Ängste vor einer wie auch immer motivierten, auch islamischen Radikalisierung verstehen. Er habe selbst unter muslimischen Herrschern gelebt und wisse, wie sich Angst ausbreite. "Das geht schnell, so schnell, wie die IS-Kämpfer in Syrien plötzlich da waren. Wir haben uns gefragt: Wo kommen die plötzlich her? Es ist immer noch unfassbar für uns."

Gerade deshalb ist er ein bedingungsloser Verfechter von Demokratie. Und mit Blick auf die Pegida-Demonstrationen sagt er: "Es waren Deutsche und Europäer, die für die Demokratie in diesem Land gestorben sind. Das darf man nicht vergessen." Und Syrien? Von einer Demokratie ist das Land weiter entfernt als jedes andere. Die Hoffnung, die Heimatregion von Georgitte Üzel einmal wiederzusehen, ist für das Ehepaar inzwischen verschwindend gering. 2010 waren sie noch dort im Urlaub. Heute müssen sie befürchten, dass es ihr letzter Aufenthalt gewesen ist.

Simon Üzel

Integration ist das große Thema des 42 Jahre alten Simon Üzel. Er selbst macht vor, wie es geht, und kandidierte bei den Kommunalwahlen für die SPD, ist in Sport- und Kulturvereinen der Stadt aktiv und wünscht sich ein großes interkulturelles Fest in der Stadt. "Ich möchte die Menschen einander näherbringen. Mein Wunsch ist die intensive Beteiligung der Migranten an der Stadtentwicklung", schrieb er 2014 in sein Wahlprogramm. Gewählt wurde er nicht. Simon Üzel ist gelernter Friseurmeister (Ausbildung in Heidelberg). Seit 1990 lebt er in Deutschland, seit 1995 in Bietigheim-Bissingen. 2000 heiratete er seine Frau Georgitte. Das Paar hat drei Kinder.

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