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Flüchtling in Unterkunft in Bietigheim-Bissingen erzählt seine Geschichte

Eine schlimme Zeit, eine schwere Entscheidung, ein gefährlicher Weg: Das ist die Geschichte, die uns ein syrischer Flüchtling erzählt. Seit Kurzem lebt er in einer Notunterkunft in Bietigheim-Bissingen.

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Ali, der eigentlich anders heißt, im herbstlichen Bietigheim-Bissingen. Der BZ erzählt er von seiner Flucht aus Syrien.  Foto: 

Seine Frau und seine 20 Monate alte Tochter hat Ali (Name geändert) zu Hause gelassen. Die Reise für alle war viel zu teuer, sagt der junge Mann aus Syrien. "Von fünf Freunden musste ich mir Geld leihen." 2800 Euro. So viel verdienen die meisten Syrer im Jahr nicht. Auch Ali nicht, der sagt, er habe in der Werbeabteilung eines international tätigen Unternehmens im arabischen Ausland gearbeitet. Außerdem hat er seine Familie erst einmal nicht mitgenommen, weil die Reise viel zu gefährlich ist. Ali spricht von einem "verrückten" Schritt. "Wenn du eine Chance hast und sie nicht nutzt, dann bist du verrückt. Wenn du in deinem Land keine Chance hast und nicht versuchst hierherzukommen, dann bist du verrückt."

Was die Kämpfe angehe, sei es in seiner Heimatstadt nicht sehr gefährlich gewesen, "nur ein kleines bisschen". Keine Armee, kein IS. Aber: "Schlechte Menschen." In einem Land, das im Bürgerkrieg versinkt, hat der Staat kaum Macht, Kriminelle haben freie Hand. "Wenn die denken, dass du Geld hast, entführen sie dich. Sie wissen, deine Familie wird sogar das Haus verkaufen, um dich freizukaufen. Die machen das gleiche wie die Mafia." Er selbst sei erpresst worden. "Wir sind aber nicht sehr reich." Aus Angst, dass diese Kriminellen seiner Familie etwas antun, will er in dieser Geschichte nicht mit seinem echten Namen genannt werden. Er ist um die 30 Jahre alt.

Die Gründe, die er für seine Flucht nennt, ergeben eine Gemengelage aus Angst um das nackte Überleben und dem Wunsch nach einer besseren Zukunft. Vom Militär wollte er sowieso nicht eingezogen werden. "Ich bin nicht für meine Regierung. Ich bin nicht für den IS. Ich bin für niemanden. Ich bin allein. Ich bin ein Mensch. Ich habe Angst um meine Familie. Deshalb gehe ich nirgendwo hin." Deshalb ist er nach Europa gegangen.

"Europa", sagt er, "ist unser Traum. "Hier ist es sicher und friedlich." Und Deutschland sei das Herz von Europa. Bundeskanzlerin Merkel nennen sie in Syrien "Mutter". "Wenn du nicht hierherkommst, wo sollst du sonst hingehen? Etwa da unten bleiben? Vielleicht kommt eine Rakete und du bist tot. Vielleicht kommt ein Verbrecher und entführt dich. Vielleicht passiert auch gar nichts. Dann aber muss deine Tochter eines Tages mit 70 anderen Schülern in einer Klasse sitzen, und vielleicht musst du 13 Stunden am Tag arbeiten und hast immer noch nicht genug Geld, um deine Familie zu ernähren. Aber im Krieg gibt es keine Arbeit. Wegen all dem kommen wir her."

Dubai hat nicht geklappt. "Unbefristete Visa bekommen dort nur Leute mit viel Geld." 2013, nach vielen Monaten, kehrte er zurück nach Syrien. Dort tobte der Krieg immer heftiger.

"In Deutschland gibt es keine Kriminellen, denken wir in Syrien", sagt Ali. Ein Satz, der offenbart, wie verklärt die Sicht vieler Asylbewerber ist. Ali sagt, er weiß um die Unterschiede. Er weiß sogar, dass es Deutsche gibt, die ihn und andere Flüchtlinge nicht im Land haben wollen. "Sie denken, wir sind keine guten Leute, und dass Merkel auch nicht gut ist." Das hat er schon in Syrien gehört.

Dann erzählt er von seiner Flucht. Als er gerade damit beginnen möchte, kommt wieder mal einer der anderen Syrer und zeigt ihm seinen neuen Ausweis. Wegen seines guten Englischs - sein Vater war Sprachenlehrer - ist Ali in Bietigheim-Bissingen schon nach wenigen Tagen ein wichtiger Mittler zwischen Flüchtlingen und Helfern geworden. Auch zu Arztbesuchen begleitet er andere Asylbewerber. "Zeit genug habe ich ja", sagt er und zieht an einem halbierten Zigarillo.

Die Langeweile setzt ihm zu. "Ich war es gewohnt, sehr viel zu arbeiten." Ein wenig Abwechslung gibt es allerdings: So haben die Handballer der SG BBM und die Steelers ihn und die anderen schon zu Spielen eingeladen. "Jetzt sind wir Fans", sagt er und lacht. Das tut er oft.

Einige vertreiben sich die Zeit, indem sie selbst Sport machen. Regelmäßig kullert der Basketball zu Ali, wenn ein Flüchtling mal wieder den Korb auf dem benachbarten Spielfeld verfehlt hat. Gemächlich rollt der stämmige Ali den Ball zurück.

Einen Monat lang floh er. Die Odyssee begann im Libanon. Einen Tag lang hat er dort auf der Straße gewartet und geschlafen, bevor es in die "Hölle" ging. Die "Hölle" ist der Bauch eines Schiffes, das ihn in die Türkei brachte. "Keine Sitze, keine frische Luft, Hitze." Zehn Stunden mussten sie "wie die Tiere" warten. Die Fahrt dauerte 23 Stunden. "Das Schiff schwankt, und du hast die ganze Zeit Kopfweh." Zu Trinken gab es nur zu Wucherpreisen. Von der Küste ging es nach Istanbul. Hier traf er seinen Nachbarn aus Syrien, der mit ihm in Bietigheim-Bissingen untergekommen ist. Dessen Bruder ist Alis bester Freund, von ihm hat Ali Geld geliehen. Zweimal wurden sie von der türkischen Polizei aufgegriffen und mussten wieder den Bus nach Istanbul nehmen, zweimal kehrten sie einfach wieder zurück.

Sieben Tage mit 700 Flüchtlingen haben sie schließlich an einer Stadt an der Küste auf das Boot gewartet, dass sie nach Griechenland bringen sollte. "Sie haben uns ohne Essen in den Wald gesteckt." Streng übersetzt, sagt Ali nicht "Wald". Er verwendet das englische Wort für "Dschungel".

Dann ging es in Schlauchbooten, in denen gerade mal 15 Menschen Platz haben, nach Griechenland. Drin saßen 50. Für die Fahrt auf die Insel Lesbos, die Alis Angaben zufolge gerade einmal 20 Minuten dauern sollte, verlangten die Schleuser 1200 Dollar.

Mit dem Zug fuhren sie durch Mazedonien an die serbische Grenze. Zwölf Stunden Warten. Dann weiter nach Ungarn. Dort rannten sie vor einer kleinen Gruppe Menschen weg, die sich ihrem Lager näherte: Aus Angst, dass sie von der Regierung sind und ihnen die Fingerabdrücke abnehmen. In diesem Fall hätten sie nach dem Dubliner Abkommen in Ungarn bleiben müssen. "Niemand will in Ungarn bleiben. Die Situation ist dort nicht gut für uns." Die Gefährten kauften ein Ticket für den Zug nach Budapest.

Ali erinnert sich an ein Plakat in einem Camp in der Metrostation, wo Ungaren Essen austeilten: "Das ist nicht von der Regierung, das ist von den Menschen." Er lächelt.

"Als wir in Österreich waren, mussten wir nichts mehr bezahlen." Der Staat zahlte ihnen die Fahrt von Wien nach Salzburg. Salzburg liegt an der Grenze zu Bayern.

Noch am selben Tag kam er in die Erstaufnahmestelle ins schwäbische Meßstetten. Dort wollte er hin. Er hatte gehört, die Bürokratie dort sei effizient - und schnell. Nach vier Wochen in Meßstetten kam er nach Bietigheim-Bissingen.

Ali setzt darauf, dass ihm hier Gutes widerfährt, wenn er Gutes tut. "Ich werde mein Bestes geben. Und jeder andere, der hierherkommt, sollte das auch", sagt er. "Wir möchten Deutschland etwas zurückgeben." Er sieht seine Zukunft hier. Auch für seine Tochter. Die Kinder in der Unterkunft in Bietigheim-Bissingen schnitzen mit ehrenamtlichen Helfern Halloween-Kürbisse.

Er selbst möchte eines Tages in seinem eigenen Geschäft sitzen, vielleicht in einer kleinen Werbefirma, sagt Ali, der sich auch Grafiker nennt: "Das Wesentliche habe ich mir selbst beigebracht." Fürs Erste wär ihm schon ein Praktikum recht. "Irgendwas", betont er. "Ich will kein Geld, der deutsche Staat gibt mir ja Geld. Und wenn ich nur zuschauen darf. Ich will fühlen, wie die Menschen hier arbeiten, wie sie sind. Und ich will die deutsche Sprache üben." Auf keinen Fall, sagt er, will er nur rumsitzen.

Info
In dieser Woche fragt die BZ: "Schaffen wir das?" Menschen, die von der Flüchtlingswelle betroffen sind, berichten.

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